Am Wochenende habe ich meine persönliche Prag-Premiere. Endlich mal in die Stadt reisen, von der ich schon so viel Gutes gehört habe. Auf der Suche nach Anhaltspunkten, was man sich denn unbedingt anschauen sollte, kam mir erstmals die Idee, doch auch mal bei YouTube nachzuschauen.

Zwar fühle ich mich regelmäßig spürbar alt, weil ich den Gehalt so einiger YouTube-Werke einfach nicht nachvollziehen kann, aber für das Thema Reisen eignet es sich doch eigentlich hervorragend. Falsch gedacht. Es folgt eine Sammlung meiner Ergebnisse die ich bekam, bis ich nach 15 Minuten entnervt abbrach und mir dann doch einen gewöhnlichen Reiseführer in Buchform bestellte.

Disclaimer: Ja, ich hätte meine Suche mit mehr als „Prag“ verfeinern können. Finde die Ergebnisse dennoch wunderbar sinnbildlich. Werfen wir also mal einen Blick darauf, was man in Richtung Prag mit auf den Weg nehmen kann.

Eine klassische Doku, die sich so trocken und alt anfühlt, wie klobige Videokassetten im Geografie-Unterricht. Nur das man sich damals über alles, was mit einem Videorekorder zu tun hatte, gefreut hat. Nein, nein, ich will schnelle, tolle Fakten. Dafür ist YouTube doch gemacht!

Also klickte ich auf das Video dieses jungen Herren. 10 Minuten für 10 Tipps, das könnte doch was sein. Er erklärt die erste Minute lang mehrmals, dass er auf mehreren Kanälen, mehrere Prag Videos hochlädt. Aha, okay. Ich scheine schneller zu begreifen als die allgemeine Community und kann meine freie Zeit damit nutzen, mich voll auf seine Art des Redens zu konzentrieren, die mich wahnsinnig macht. Nachdem hoffentlich alle verstanden hatten, wo nun welche Vlogs landen, erklärt er 5 Minuten lang, wo man auf keinen Fall Geld tauschen sollte. Okay, super Prag Tipps, danke. Als er dann endlich ans Eingemachte geht und erklärt, wo es schön ist, aber kaum Leute sind, damit man ungestört Instagram-Fotos machen kann, musste ich mit schwitzigen Händen wegklicken.

Vielleicht können Beauty-Mädels das ja besser und hey, sie hat immerhin fast 100.000 Abonnenten. Was mir das Video so richtig sagen sollte, habe ich nicht verstanden. Aber immerhin ist sie das Risiko eingegangen und hat endlich einen bestimmten Concealer ausprobiert, obwohl ihr schon mehrere Leute sagten, dass der zu schnell austrocknet.

Dann bleiben wir doch direkt bei Beauty. In Prag kann man scheinbar günstig für 3000€ Brust-OPs machen lassen. Immerhin schonmal etwas über die Stadt gelernt. Eine komplett CGI-animierte Frau erzählt deshalb sehr versiert, wie ihre OP war. Zeigt aber in 16 Minuten nicht einmal ihre neue Oberweite. Enttäuschend. Immerhin rennt bei 1:29 Minuten eine Katze durchs Bild.

Okay, „Follow me around“ scheint das passende Format zu sein, um etwas über die Stadt zu lernen und die junge Dame hat eine Viertelmillion Abonnenten. Das muss was sein. Die ersten 2 Minuten lang wird das Klo gezeigt und welches Make-Up sie dabei hat. Es folgen wahnsinnig wackelige und/oder unscharfe belanglose Aufnahmen aus der Stadt mit schlechten Gags und einer anschließenden Zusammenfassung, welche Beauty Produkte sie gekauft hat. Wieder was gelernt: Es gibt dm auch in Prag. Das beruhigt mich jetzt.

Ja gut, wenn wir einmal dabei sind, schauen wie eben auch noch das Prag-Haul-Video von Ginibabe. Die wollte eigentlich auch ein Follow-Me-Around-Video drehen, aber die Kamera hat gesponnen. Ärgerlich! Immerhin ein paar gerettete Aufnahmen beweisen, dass sie bereits im Juli 2014 mit Selfiestick arbeitete. Okay, noch was gelernt: In Prag machen die scheinbar um Lippenstifte nichts drum, weshalb fast alle schon benutzt sind. Und es gibt Sephora Geschäfte! Die gibt es in Deutschland nicht! Ich weiß nicht was das ist, aber dann gehe ich da natürlich auch hin!

Ich musste mich wohl oder übel aber damit abfinden, dass es Prag-Reisenden scheinbar nur um Kosmetikprodukte vom DM geht. Aber dann kam ein Lichtblick! Nicht nur überdrehte Teenager mit komisch verlagerten Prioritäten nutzen YouTube als aktive Produzenten, sondern auch Rentner! Selten war ich so dankbar dafür. Und so kann man sich das Video einer Reisegruppe aus dem Jahre 2007 anschauen und es ist schlichtweg wunderbar. Am besten trinkt man einen schönen Tee dazu und erinnert sich an alte VHS Zeiten, in denen Onkel Peter auch noch solche aufwändigen Videos selbst produziert hat.

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