Es ist der 1. Juni 2013, der FC Bayern hat soeben in Berlin das Pokalfinale gewonnen und ist somit erster Triple-Sieger der deutschen Fußballhistorie. Über jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt wurde ich auf eine Party im Berliner „The Grand“ eingeladen. Aus Spielerkreisen hörte man (so wollte ich immer schon mal einen Satz beginnen), dass sich die Großzahl der Spieler des FC Bayern dort auf der Party blicken lassen werde. Aus dem einfachen Grund, weil dort weitaus weniger bis gar keine Presse im Gegensatz zum offiziellen Bankett zu gegen sein würde.

Schon vor der Tür wurden zwei Dinge klar. Erstens: Es wird sehr sehr sehr voll. Ich war wohl nicht der Einzige mit dieser kostbaren Information. Zweitens: Bereits in der Warteschlange bewahrheiteten sich diverse Klischees, die man irgendwo mal über junges Münchner Szene-Partyvolk aufgeschnappt hat. Die hatten sich da irgendwie drunter gemischt und erschienen dann mit Sätzen wie „Platz bitte, hier ist der Sohn vom Finanzvorstand.“. Sympathisch. Eine Grundstimmung wie Fashion Week gemischt mit Finanzamt-Grillfest.

Wir standen gute zwei Stunden vor der Tür, bis wir endlich rein gelassen wurden. In der Zwischenzeit  kamen schon einige  Spieler an und ein lustiger Nebeneffekt war, dass mich einige Leute, die neu zur wartenden Meute kamen, für den Türsteher hielten, weil ich durch Zufall eine Weile direkt neben der Tür stand.  „Nee sorry, Einlassstopp.“ habe ich vorher in meinem Leben auch noch nicht gesagt. War aber unterhaltsam, weil man es mir tatsächlich abgenommen hat.

Nach kurzer Zeit fand mein neuer Nebenjob aber sein Ende und wir  wurden in die heiligen Hallen – oder auf Grund der Größe eher heiligen Räume – gelassen. Ein wenig verloren stehen wir erstmal rum. man muss ja schließlich erstmal einschätzen, wo man hier gerade gelandet ist, wie man sich verhält und was man sich alles erlauben kann. Kurze Schockstarre bei meiner Begleitung aus Mönchengladbach, dann sofort großzügige, wegweisende Gesten, um einen schmalen Gang frei zu halten: Jupp Heynckes hat die Party auch erreicht und schlängelt sich an uns vorbei. Freundliches hallo, kurzes Hände schütteln, dann wieder Schockstarre.

Man muss dafür nämlich wissen: Fußballer gehören zu einer anderen Gruppe von Prominenten als zum Beispiel Musiker oder Schauspieler.  Klingt jetzt großspuriger als es soll, aber allein aus beruflichen Gründen finde ich mich öfters neben Personen bekannt aus Funk und Fernsehen wieder. Alles halb so wild. Aber wenn das Fußballer sind, ist es doch irgendwie anders. Ich kann nicht genau erklären woran das liegt, womöglich aber daran, dass so ein Fußballer irgendwie emotional aufgeladen ist. Ich meine, ich bin ganze Tage oder Wochen aufgeregt nur um mitzufiebern, wie diese jungen Herren dann gegen den ball treten. Wie bescheuert und wie wunderbar gleichzeitig.

Trotzdem ein Dämpfer: Die Spieler hatten natürlich noch mal einen VIP-Bereich vom VIP-Bereich. In die ersten beiden Etagen durften wir, in die dritte nur Leute, die vorher beim Bankett ein Bändchen mit der Aufschrift „Danke Jupp!“ bekommen haben. Hm, schwierig. Auf die gewohnten Tricks fielen die Türsteher im kleinen Treppenhaus nicht rein, es schien ihnen ernst zu sein. Man konnte nur erahnen was dort oben los sein musste. In solchen Momenten habe ich allerdings sehr oft Glück, wahrscheinlich so ein Yin Yang Ding vom Universum weil ich sonst motorisch immer sehr ungeschickt bin. jedenfalls begab es sich, dass da jemand war der jemanden kannte, der jemanden kannte, der einen Türsteher kannte und zack, war ich in Etage drei. Auf der Treppe fielen sich gerade Franck Ribery und Uli Hoeneß in die Arme und ich dachte daran, wie gern ich genau in diesem Moment durch die zeit reisen würde, um meinem 13-jährigen-Ich davon zu erzählen. (In dem Jahr haben meine Eltern für ein Original Trikot des FCB für mich zusammen gespart und ich habe es danach besser behandelt als bis heute jedes andere Kleidungsstück meines bisherigen Lebens.)

Ein erstaunlich kleiner Raum mit vielleicht 150 Leuten und ich mittendrin. Ich stelle mich in eine Ecke und versuche erstmal eine Übersicht zu bekommen. Jemand wirft mir immer wieder einen Luftballon gegen den Kopf – Thomas Müller. Ich sehe mich ab diesem Zeitpunkt als offizielles Mannschaftsmitglied, auch wenn ich gemobbt werde. Was da los war!

Aber erstmal musste ich Organisatorisches klären. Typische Samstagabendtätigkeit in Berlin: Bändchen besorgen! Ich hatte ja selbst noch nicht mal eins, aber irgendwie wollte ich meine Freunde noch mit in den Triple-Bereich bekommen. Leider verstand keiner der stark angetrunkenen Anwesenden mein Vorhaben. Ich war sogar kurz davor, einen äußerst gut gelaunten Tom Starke zu fragen, ob er da nicht was machen kann.

Andererseits wurde mir in diesem Moment auch bewusst, dass ich mich hier gerade auf die Party von einem Haufen Mitte 20 Multimillionären geschmuggelt hatte, besser aufpassen, bevor man hier gleich wieder rausfliegt. Während ich grübelte, tippte mich ein schwarzer Mann, Typ Hip Hop Produzent, auf die Schulter: „Nice Cap!“. Er meint meine Brooklyn Nets Cap und ich erzähle, dass ich sie in Brooklyn beim ersten Spiel der Nets gekauft habe. Er ist begeistert und sagt: „That’s awesome, I’m a friend of Jay Z!“ Ich überlege kurz ob womöglich heute irgendwas in meinem Trinkwasser war, frage dann aber meinen neuen Homie aus Brooklyn, ob er nicht ein paar Bändchen übrig hat. Hat er tatsächlich! Leider allerdings nur eins.

Um es kurz zu machen: Weitere Versuche bringen alle nichts und ich kann niemand weiteres mit reinschmuggeln. Meine Brooklyn Nets Cap scheint dafür über besondere Kräfte zu verfügen. Manuel Neuer
hat mich im Verlauf der Nacht dreimal angesprungen, um sie sich selbst aufzusetzen. Danach tanzten wir jeweils Walzer zu einem Lied dieser schlimmen elektrischen RnB Wasauchimmer Musik, die Fußballer gerne hören. Bastian Schweinsteiger trug sein Trikot aus dem Champions League Finale, ich bin mir sicher, dass es aufgrund seiner Aura im Dunkeln geleuchtet hat. Wenn man nah rangegangen ist, hat man auch so ein leichtes Brummen in der Luft gehört. Magic! Ich habe ihm mehrmals unkontrolliert auf die Schulter geklopft und wir haben uns gefreut. (Ich trage seitdem also Champions-League-Finale-Feenstaub an meinen Händen)

Ich trinke für gewöhnlich keinen Alkohol. Nach dem typischen Probieren mit 14 hab ich es für nicht weiter toll befunden und seitdem gelassen. Mein erster Alkohol 13 Jahre später war nun ein Schluck Champagner aus einer überdimensional großen Flasche, den ich nur deshalb getrunken habe, weil sie mir von Arjen Robben gereicht wurde. Das mit dem Alkohol werde ich auch weiterhin lassen, aber ich denke, das ist eine nette Anekdote. Wenn ich dann zum 193742904. Mal erklären muss, warum ich keinen Alkohol trinke: Ja ähh, mag ich halt nicht. Nur das eine Mal. Arjen Robben, als er damals das Tor im Champions League Finale gemacht hat und die Bayern dann das Triple geholt haben … ja auf der Party danach. Hmja. Als mir dieser lustige Gedanke ein paar Tage später in den Sinn kam, wurde mir bewusst, wenn ich das so mal meinen Enkeln erzähle, ist das so, als würde mir jetzt mein Opa davon erzählen, wie er damals ’74 mit Beckenbauer, Breitner, Müller und Co. gefeiert hat. (Nur würde mein opa sicherlich wneiger Kommata in einem Satz verwenden als ich.)

Was ich mir die ganze Zeit nicht erklären konnte ist, warum eine riesige chinesische Vase auf dem Dancefloor stand. Schließlich kam es dann, wie es kommen musste und ein Spieler, dessen Name ich hier nicht nennen möchte, warf das Ding um und es zerfiel in hunderte Scherben. Ein schönes Andenken, an diese mehr als absurde Nacht des 1. Juni 2013. Gegen 7 Uhr morgens, als Thomas Müller noch einmal Gesänge vom DJ-Pult aus anstimmte, verließ ich die Veranstaltung. Mit jeweils einem breiten Grinsen nickte ich mir mit Claudio Pizzaro auf der Treppe nach unten zu. Er war gerade Triple-Sieger geworden und ich hatte die bislang absurdeste Nacht meines Lebens erlebt. Schön.

Gegen 13 Uhr wachte ich dann wieder auf und schaute mir vom Bett aus im Fernsehen die teils stark gezeichneten Herren der letzten Nacht auf dem Münchner Rathausbalkon an. Ich wurde scheinbar vergessen oder so.

PS: mein Lieblingsbonsufact des ganzen Abends: Die Spieler des FC Bayern haben eine Whatsapp-Gruppe mit dem Titel „Champions League Sieger 2013“.

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