28. Januar 2013 | 9:55 Uhr


Gestern Abend habe ich Günther Jauch mit dem wohlklingenden Thema “Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?” als aktuellen Höhepunkt der #aufschrei Debatte gesehen. Das alles finde ich so verwundernswert und wirklich schlimm, dass ich auch noch ein paar Worte dazu verlieren muss. Vorweg: ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mal einen Artikel über einen Hashtag und dessen Debatte schreiben würde. Für gewöhnlich ist das nämlich ziemlich Albern. “#aufschrei” an sich klingt auch etwas albern, liegt aber ganz einfach daran, dass er in einer Reaktion von einem Moment auf den anderen gewählt wurde, also halten wir uns damit gar nicht länger auf.

Ebenfalls für gewöhnlich sind übergroße, öffentliche Diskussionen (erst recht auf Twitter) nicht sonderlich gut, geschweige denn ergiebig. Beim Thema Sexismus sehe ich das aber anders. Das kann gar nicht groß und öffentlich genug diskutiert werden. Denn ja, das kann man ohne Fragezeichen dahinter schreiben: Deutschland hat ein Sexismus-Problem. Was mich an all der Diskussion aber am meisten verwundert ist, dass es sie überhaupt gibt. Warum wird da überhaupt diskutiert? Warum wird da überhaupt so viel bis alles (siehe Jauch) klein geredet? Warum wird nicht einfach gesagt, Ja da ist ein Problem, da müssen wir was machen? Selbst wenn, wie auf Twitter derzeit, tausende von ihren Sexismus-Problemen im Alltag berichten. Das sind ja alles keine Ausnahmefälle, das ist in der Großzahl Normalität und genau das ist ja das Schlimme.

Ich glaube, viele (meiner männlichen, aber erschreckender Weise auch weiblichen KollegInnen) wissen einfach gar nicht was da los ist und können das deshalb auch nicht einschätzen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum im gleichen Zug altbekannte Zwischenrufe aufkommen wie “Ja, Frauen müssen zum Beispiel nie vor Clubs anstehen. Das ist auch Sexismus!”. Natürlich ist das auch Sexismus aber die Priorität liegt da doch etwas anders zwischen “Ein Typ hat mich auf der Tanzfläche so ekelhaft angepackt, dass ich mich noch Tage später unwohl fühle” und “Ich bin 10 Minuten später in den Club gekommen, weil ich keine Brüste habe.” Für alle Menschen, die so etwas denken: Keine Angst, Feminismus wird nicht dafür sorgen, dass alle Männer ein Leben als Knecht der Frauenwelt leben müssen.

Ebenfalls ein Problem an der Debatte: Deutschland ist in der großen Öffentlichkeit leider immer noch nicht darüber hinweg gekommen (siehe Jauch), Alice Schwarzer als großes, strahlendes Bild einer Feministin im Kopf zu haben. Natürlich hat diese Frau viel geleistet und ach, aber mittlerweile bewirkt sie wohl eher das Gegenteil. Natürlich gibt es da große Veränderungen, auch in der öffentlichen Wahrnehmung was Feminismus angeht. Aber ganz Deutschland ist was das angeht eben leider nicht Berlin Mitte. Wenn ich in meiner Heimat auf dem Land mit “Feminismus” ankomme, wird das sofort mit Igelschnitt Drachen assoziiert, die eigentlich lieber Männer wären.

Aber zurück zum Thema. Noch einmal: Ich glaube die Diskussion gibt es deshalb, weil viele einfach nicht wissen, wie krass das Problem tatsächlich ist. Ein paar Beispiele dazu. Ich kenne sehr viele Frauen in meinem Umfeld und Freundeskreis die zum Beispiel generell bei Fahrten mit der U-Bahn ein böses (gern als eingebildet aufgenommenes) Gesicht auflegen, einfach um nicht direkt doof angequatscht zu werden. Einfach weil es für viele Normalität ist, dass immer irgendein Vollhonk ankommt, der Quatsch erzählt, der weit außerhalb eines “netten Flirts” liegt. Oder noch viel konkreter: Wenn ich mich mit meiner Freundin treffe kommt es (viel zu) oft vor, dass ich zu spät bin. In diesen, sagen wir mal, fünf Minuten extra gibt es eine ungefähre Wahrscheinlichkeit von 60%, dass ihr irgendein Typ im vorbeilaufen den Wunsch nach sexuellen Gefälligkeiten an den Kopf knallt. Einfach so. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Hier gibt es viele viele mehr und es geht mir einfach nicht in den Kopf, warum es diese Diskussion mit all ihrer Kleinrederei überhaupt gibt.

Und ja, natürlich geht das auch andersrum. Auch ich wurde schon von Frauen angepackt und mehr als blöd/unangenehm angemacht. Aber das kam vielleicht zweimal vor und war im Unterschied zu eben genanntem eine absolute Ausnahme. Natürlich gibt es Sexismus von beiden Seiten. nur überwiegt er gegenüber Frauen eben so stark, dass er Normalität ist. Erst recht in Abhängigkeitsverhältnissen. Siehe das klassische Chef baggert Sekretärin an Beispiel.

Es geht dabei doch nicht um einen kleinen Flirt oder der Blick auf einen Ausschnitt im Vorbeilaufen. Es geht um verletzendes, verachtendes, sexistisches Verhalten. Und wer da die Diskussion anfängt, wo man da denn eine Linie zieht – meine Güte. Sollen wir diese Diskussion also sein lassen, weil wir nicht wissen, wo die Linie zu ziehen ist? Ganz einfach, die Grenze ist da, wo sich eine/r von Beiden unwohl fühlt. Beziehungsweise schon weit vorher, schließlich darf das jede/r immer noch für sich selbst bestimmen. Fertig aus.

Neben dem Kleinreden gibt es noch einen viel größeren, schlimmeren Punkt: Dem Opfer die Schuld zu weisen. “Wenn sie sich so anzieht, braucht sie sich gar nicht …” und so weiter. Heiliger Scheiß, was ist das denn nur für ein Diskussionsansatz? Und nur weil die ersten drei Plätze der Bestsellerlisten mit “50 Shades of Grey” belegt werden, heißt dass noch lange nicht, dass absolute jede Frau, die dieses Buch liest, mit absolut jedem mann Sex haben will. Überhaupt ist das ein furchtbares Buch in dem einfach die Unwissenheit und Schüchternheit einer Person ausgenutzt wird um sie für sexuelle Gefälligkeiten und … ach, ein andermal mehr dazu. Nein, eigentlich habe ich keine Lust über dieses Buch zu reden. Jedenfalls: Verzerrte Welt. Um es aber Mal auf den Punkt zu bringen: Viele verwechseln scheinbar immer noch Sex mit Sexismus.

Und das Schlimme ist, dass das auf lange Sicht auch nicht wirklich besser werden wird, bei all der Machokultur, die gerade auf so manchem Schulhof heranwächst. Bei Homophobie ist das ja ähnlich. Deshalb noch einmal die Frage: Warum wird diese Diskussion überhaupt geführt und warum das auf eine derart kontroverse Weise? Kann man sich nicht einfach darauf einigen, dass Sexismus scheiße und ein tatsächliches Problem ist um etwas dagegen zu tun? Bitte? Danke.

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