Es ist Sonntag und ich stehe knapp 7 Uhr morgens vollkommen fertig am Hauptbahnhof. Einstellige Zahlenwerte unter 9 beim Stundenzeiger heben meine so schon nicht sonderlich organisierte Welt aus den Angeln. Erst bin ich zur U-Bahn gerannt, U-Bahn verpasst. Schwitzen tue ich natürlich trotzdem. Dann zum Geldautomaten für ein Taxi, da die nächste U-Bahn zu spät wäre. Geldautomat kaputt. Ungünstig, da neben guter Laune Kartenzahlung das absolute Kryptonit für Taxifahrer sind. Aber geht wohl, sagt er. Zehn Minuten später stehen wir am Hauptbahnhof und nach dem dritten Abbruch seines Kartenlesegeräts schlage ich vor, schnell einen Geldautomaten im Bahnhof zu suchen. Hach, schon wieder rennen.

In den letzten 4 verbleibenden Minuten kaufe ich mir einen Saft in einem Zeitungsladen in der Hoffnung, dass Multivitaminsaft die nötige Ordnung in meinen Tag bringt. Die Verkäuferin prüft meinen eben am Geldautomaten erst ausgehändigten 50€ Schein beinahe eine Minute lang mit diversen Verfahren. Mein Schwitzen scheint sie also für generelle Geldfälscheraufregung zu halten. Wenn ich am Sonntag vor 7 Uhr wach bin, werde ich also vollkommen zu Recht für einen Verbrecher gehalten. Immerhin bin ich pünktlich am Gleis. Im Wagon meiner Platzreservierung sitzt genau eine Person. Und auf welchem Platz? Na? Naaaa? Richtig! Ich habe selbstverständlich sofort die Polizei gerufen und auf mein gutes, deutsches Recht gepocht, dass dieser Platz der meine ist. Nein, keine Sorge, habe ich natürlich nicht. Aber warum setzt der Mann sich genau auf diesen einen Platz wo eine Reservierung dran steht? Dachte er womöglich, dass das „Berlin – Hamburg“ nur über diesem einen Sitz leuchtete, weil nur dieser eine Sitz von Berlin nach Hamburg fährt und der Rest des Zuges … ja keine Ahnung wohin fährt? Hmmm. Ein hervorragender Start in den Tag jedenfalls.

Der Hersteller welchen Produktes könnte mich also nach Hamburg einladen, damit zum viel zu frühen Aufstehen zwingen und mich in ein frühmorgendliches Chaos stürzen? Na? Energy Drinks! Genauer gesagt Relentless Energy. Als Hauptsponsor vom FC St. Pauli war man so freundlich, mich für einen Tag nach Hamburg zu lotsen.

Doch bevor es ins Stadion ging, gab es erst mal eine kleine Tour durch die Hamburger Schanze mit besonderem Augenmerk auf Street Art. Soll sich ja auch lohnen, wenn man schon mal für 7 Stunden in der Hanstestadt weilt. Hamburg hat jedenfalls eine hübsche Street Art Szene, mit allerhand Kleinigkeiten, die in Berlin gerne mal nach wenigen Minuten unter Kotze und Plakaten für Dubstep-Parties verschwinden. Aber Hamburg ist ja auch Gefahrengebiet Nummer 1, klar das da alles etwas gesitteter ist.

Nach ausführlicher Weiterbildung im Bereich Stencils und Sachen kleben, war Platz für Fußballstimmung. Wobei die zugegebener Maßen etwas schleppender (später dann aber umso mehr) aufkommt, wenn man mit dem Goodie Bag in der Hand direkt in eine Loge spaziert. Aber das geht dann doch recht schnell, wenn man fünf Energy Drinks trinkt. OMG OMG SO MUHC ENERGYYYyYyYyYY!!!1111 FUSSBALL!!!1!! WOHOOOOO!!!! Und mir als verwöhntem Sitzfan kommt so eine Loge ja eh entgegen.

Mit dem FC St. Pauli an sich war ich mir da aber noch etwas unschlüssig. Wir beide sind uns noch nie so nahe gekommen. Dieser gepflegt gehaltene Abstand hatte schon sehr früh seine Wurzeln. In frühen Teenager Jahren trug meine Cousine nach einer Hamburg-Klassenfahrt auf einmal ein St. Pauli Shirt. Dazu muss man zwei Sachen wissen: Zum einen hatte meine Cousine so viel Ahnung von Fußball wie eine lauwarme Fanta in der Sommersonne und zum anderen war sie für mich in jungen Jahren ein sehr genauer Indikator für die Dinge, die uncool sind. Wenn meine Cousine etwas cool fand wusste ich, dass es seinen Coolness-Zenith überschritten hat und nun im Mainstream Becken zwischen Khakihosen mit Taschen und Uncle Sam Shirts schwimmt. Oder so.

Wobei es natürlich Quatsch ist, einem Fußballverein einen Coolnesszenith zuzuschreiben. Den sucht man sich ja nicht aus, der Verein sucht einen aus. Ob nun cool oder nicht. In den folgenden Jahren lernte ich aber schnell, dass St. Pauli scheinbar ein Verein für die Menschen ist, bei denen das anders läuft. Die da so rein schliddern. Würde man es einmal unfair runter brechen, könnte man sagen:

Menschen, die keine Ahnung von Fußball haben aber Fan sein wollen und gerne viel gewinnen, werden Bayern Fan.
Menschen, die keine Ahnung von Fußball haben, aber Bayern hassen wollen (weil man das eben so macht) und ganz gerne gewinnen wollen, werden derzeit Dortmund Fan.(Bis vor einiger Zeit noch Bremen Fan oder so.)
Und Menschen die keine Ahnung von Fußball haben, aber Fan sein wollen und nicht so viel Wert auf Fußball an sich legen, werden St. Pauli Fan. Ach ja und Bayern hassen ist noch ganz wichtig.

Jetzt kann man natürlich ja sagen: „Jaaaadubisdochbayernfan, klar dassu das scheiße findest mit St. Paui und so!!!“ Stimmt auch. Zumindest ein Stück weit. Wenn mich eins in meinem Dasein als Anhänger des FC Bayern stört, dann sind das Menschen, die keine Ahnung vom Spiel haben, aber großspurig gegen die Scheißbayern schießen. Wegen dem Kommerz und dem Geld und die kaufen alles ach ach ach. Leider haben beschriebene Personen dabei sehr oft einen St. Pauli Pulli an, den sie zumeist bei Rock am Ring oder dergleichen gekauft haben.

Denn St. Pauli, das ist Punk und Indie, da ist alles anders! Sorry, leider nein. Die Spielregeln dieses Geschäfts schreiben es nun mal vor, dass man als Verein in der zweiten (oder gar ersten) Liga nicht mehr viel mit Punk am Hut hat, bzw haben kann. Natürlich ist da auch alles durchkommerzialisiert. Egal ob da nun ein Totenkopf drauf ist, oder nicht. Geht ja gar nicht anders. ABER … und nun folgen ein paar springende Punkte … letztlich kommt es ja darauf an, was drin steckt.

Es gibt natürlich zu Hauf St. Pauli Fans, denen ihr Verein heilig ist und die das genauso ankotzen dürfte, was für Vollhonks mit ihrem Vereinslogo durch die Welt laufen. Alle St. Pauli Fans die ich kenne, sind sehr nette, schlaue Menschen mit großem Fußballherz. Irgendwas muss da also dran sein. Eben mehr als Modefans und Möchtegernpunk.

Umso spannender fand ich es, endlich mal ein Spiel am Millerntor zu sehen und diesen Fußballsonderling von innen zu sehen. Eine mehr als positive Überraschung gab es für mich. Wobei Überraschung übertrieben wäre. Schließlich rechnete ich ja ein Stück weit damit, irgendwoher muss der Ruf ja kommen und eine lebendige Fanszene gibt es ja auch nicht umsonst. Die kommen ja auch nicht jedes zweite Wochenende ans Millerntor, weil sie das braun und die Totenköpfe so cool finden.

Was mir von der ersten Minute an auffiel, waren die Kleinigkeiten, die St. Pauli eben doch von anderen Vereinen der gleichen Preisklasse abheben. Wenn man als Profiverein der zweiten Liga Indie sein will, ist das ungefähr so, wie wenn man Vegetarier oder Veganer sein will. Das System an sich gibt es nicht her, alles richtig zu machen, aber man bemüht sich eben, die Dinge zu ändern, die in der eigenen Hand liegen. Und das sind, wie gesagt, nun mal eine Ansammlung an Kleinigkeiten.

Ein paar Beispiele: Schon vor den Toren des Stadions sieht man auf dem Dach eine große Regenbogenflagge um ein sichtbares Zeichen gegen Homophobie zu setzen. In die neue Haupttribüne hat man unter dem Vereinsamen gleich gut sichtbar ein „Kein Fußball den Faschisten“ eingearbeitet und – um darauf noch mal zurück zu kommen – 16 verschiedene vegetarische und vegane Essensangebote gibt es auch. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Oder statt den Black Eyed Peas, Rihanna und den üblichen Verdächtigen wurde in der Halbzeitpause „Hurricane“ von Bob Dylan gespielt. Ein Song über die Geschichte des Boxers Rubin „Hurricane“ Carter, der 19 Jahre wegen eines rassistisch-motiviertem Fehlurteil zu Unrecht im Gefängnis saß und am vorletzten Wochenende verstarb.

Überhaupt ist es schön zu sehen, wie St. Pauli ein Verein ist, der sehr tiefe Wurzeln in der Popkultur hat. Das fängt unterhaltsamen Stickern, die über plumpes „Tod und Hass allen Anderen,denn wir sind die Coolsten blablabla“ hinaus gehen, an und endet in sehr versierten Fangesängen. Mein Favorit war dabei übrigens ein St. Pauli Gesang mit der Melodie von Captain Future. Da habe ich schon mal anerkennend mitgenickt, während ich mir als fauler Logenstzer die Hüften mit einem Eis vom Buffet nach dem anderen breiter gegessen habe.

Aber – und das wäre jetzt wieder ein springender Punkt – was nutzt all das tolle Umfeld, wenn das Spiel auf dem Platz zum Weglaufen ist. So gab es eine zähe 0:3 Heimniederlage gegen Aalen. Vielleicht hätte man zur Halbzeit etwas Relentless Energy unter den Spielern verteilen sollen. (Ha! Super Brücke!)

Der Vollständigkeit halber: Ich kann die neue Geschmacksrichtung „Lemon Ice“ tatsächlich empfehlen. Schmeckt erfrischend un-energy-drink-mäßig. Also eher fruchtig als gummibärig. Man sollte nur nicht gleich bis zum Mittag fünf Stück davon trinken, wenn man seit 6 Uhr durch die Gegend irrt.

Schön jedenfalls, dass ich endlich meine persönliche Millerntor-Premiere hatte. Ich hoffe nur, wenn ich wiederkomme, sieht es sportlich besser aus. Der Rest darf gern so bleiben.
» Relentless Energy

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