Ich weiß nicht, ob das bei allen Menschen so ist, aber Gerüche können sehr gut als Auslöser kleiner Zeitreisen funktionieren. Man riecht etwas und fühlt sich plötzlich in einen bestimmten Moment oder eine bestimmt Zeit zurück versetzt. Ähnlich, wie bei Musik die man lange nicht gehört hat.

Ich hatte neulich so einen Moment. Es war der etwas eigene Geruch des Taxis: Alte Ledersitze mit Nikotin in jeder erdenklichen Falte, der abgesessenen, schwarzen Sitze. Uah. Sofort musste ich an meine Zeit in der Fahrschule denken. Die ist zwar mittlerweile ein paar Jahre her, war aber dennoch so absurd, dass ich mich noch an sehr viel davon erinnern kann.

Ich weiß nicht mehr so recht, warum ich diese Fahrschule wählte. Immerhin war sie ein paar Orte weiter. Der Hauptgrund dafür war wohl, dass sämtliche Theorie in sehr kurzer Zeit abgeschlossen wurde. An Stelle von langatmigem Unterricht Wochenende für Wochenende, wurde einfach alles über 2 Wochen an jedem Abend abgefrühstückt. Praktisch.

Schon da zeichnete sich ab, dass Fahrschule womöglich etwas sehr spezielles sein würde. Erst recht in dieser Fahrschule. In jedem Theorieunterricht gab es eine kurze Pause in der wir uns an Kaffee und Tee bedienen durften. Ich stellte damals den Rekord mit 14 Süßstofftabletten in einer Tasse Tee auf. Warum, weiß ich nicht mehr so genau. Ich hatte für den Rest des Tages die Herzfrequenz eines Kolibris und das Gedächtnis eines Goldfischs. Irrte man sich übrigens in der Tür zur kleinen Teeküche, stand man plötzlich in einem Friseursalon. Huch!

Während des Unterrichts saß zwischen der Hand voll, zumeist stark von der Pubertät gekennzeichneten, Teenagern ein Mann der bereits in seinen Fünfzigern gewesen sein dürfte. Zumeist gab er vollkommen falsche Antworten, diskutierte dann aber immer unangenehm lang und versuchte das Ganze irgendwie anders auszulegen. Er saß dort stets mit Zigarette hinterm Ohr und womöglich hätte man seinen Hang zur Diskussion auf seinen männlichen Stolz im hohen Alter schieben können. Man muss doch schließlich über Autos Bescheid wissen! Aber später sollte sich herausstellen, dass dieser Herr bereits 10 Jahre in einem Fuhrunternehmen arbeitete und mittlerweile einfach seine eigenen Regeln aufgestellt hat. Oh. Aber so ist das eben auf dem Dorf.

Aber eigentlich waren die Theoriestunden stets ganz nett. Manchmal lernte man sogar Cheats. Bei allen Fragen mit Winterbildern zum Beispiel, waren immer alle 3 Antworten richtig. Schlimmer wurde dann der Praxisunterricht. So schlimm, dass er mich für den Rest meines Lebens prägen würde.

Gut, ich war kein guter Fahrschüler. Ein sehr schlechter sogar, der erstaunlich lange brauchte, um all diese Knöpfe, Hebel, Pedale und uahhhhhh DASINDJANOCHANDEREAUTOS! zu verstehen. Allerdings war mein Fahrlehrer auch derart eigen, hätte man diese Rolle für eine Sitcom geschrieben, hätte man sie wieder verworfen, weil sie viel zu überspitzt und klischeebehaftet ist.

Ich erinnere mich noch sehr genau an meine erste Fahrschule. Mein Fahrlehrer holte mich an der Schule ab, er musste noch schnell was im Aldi besorgen und danach durfte ich fahren. Wie ein Komet schlug ich in den Berufsverkehr des Gewerbegebiets ein. Nichts ging mehr. Der Fahrlehrer sagte mir aber, ich dürfe das, schließlich habe ich das Idiotenschild auf dem Auto.

Mein Fahrlehrer war ein älterer Herr, der stets in schwarzer Lederjacke und Lederslippern kam. Sein Seitenscheitel zog sich wie ein langgezogener Kaugummi von links nach rechts und in seinem dunklen Schnauzbart konnte man am gelben Schimmern sein Dasein als Kettenraucher erahnen. Während jeder Fahrstunde rauchte er unaufhörlich und manchmal wischte er mit dem Finger über die Innenseite der Scheibe um mir zu zeigen, wie viel Nikotin da schon dran hing. Keine Ahnung warum, aber das war nicht die letzte Aktion, die mir schleierhaft und mit Fragen behaftet im Kopf hängen blieb.

Ich brauchte sehr lange, um irgendwie mit dem Fahrschulauto klar zu kommen. Hatte ich das erstmal geschafft, wartete die viel größere Hürde auf mich: Der Straßenverkehr. Vorbei war die Zeit der ruhigen Anfahrübungen auf den verlassenen Straßen vor LKW-Imbissen. Jetzt kamen die ersten Endgegner.

Ich habe es heute noch in den Ohren. Jedes Mal, wenn ich in meiner Überforderung zum Beispiel an der Kreuzung etwas falsch machte, sprangen die alten Lederslipper auf die Bremse und in mein rechtes Ohr schallte ein lautstarkes: „JETZT WÄRST DU TOT GEWESEN!!“

Diesen Satz habe ich derart oft und mit solcher Inbrunst gehört, dass er mir manchmal Heute noch in den Sinn kommt. In ganz alltäglichen Situationen. Zum Beispiel, wenn man versehentlich iTunes startet und daraufhin den Computer erstmal für eine gefühlte halbe Stunde nicht mehr benutzen kann.

[Das Foto eines Monster Trucks macht an dieser Stelle keinen Sinn, ich hielt es dennoch für angebracht.]

Einmal habe ich eine komplette Hauptverkehrskreuzung zum Stillstand gebracht, da ich das Auto genau in der Mitte zum absaufen gebracht habe. Das muss man erstmal schaffen. Genau gegenüber blieb ein Reisebus voller Rentner stehen, der dank mir nicht weiterfahren konnte. Hoffentlich hatten wenigstens die Omas Mitleid mit mir dachte ich noch, bevor es mir wieder ins Ohr knallte: „SIEHST DU! DIE LACHEN DICH ALLE AUS DA IN DEM BUS!“ Was das für eine fahrschulpädagogische Maßnahme war, habe ich bis heute nicht verstanden.

Ich habe erstaunlich viel Geschrei über mich ergehen lassen, bin aber immer ruhig geblieben. Was sollte ich denn sonst auch machen? Heute weiß ich natürlich, dass da ein cholerischer Hampelmann neben mir saß. Damals habe ich mir gar nicht weiter darüber Gedanken gemacht und mich mit meinem mangelhaften Talent für bewegliche Maschinen aller Art abgefunden.

Zwischen all der Lautstärke entstand irgendwann ein zartes Pflänzchen. Eine fast schon freundschaftliche Beziehung zeichnete sich zwischen dem ranzigen Kettenraucher und mir ab. Als Freundschaft möchte ich es nicht so recht bezeichnen, dazu gehören ja immer 2. Vielleicht war ich so etwas wie das Maskottchen der Fahrschule geworden. Einer der immer da ist.

Mein Fahrschullehrer war nebenbei übrigens noch Bürgermeister und Vorsitzender des örtlichen Schützenvereins. Und so begab es sich, dass meine Fahrstunden zunehmend länger und ereignisreicher wurden. Viele Fahrstunden hatten plötzlich einen tieferen Sinn. Wir mussten irgendwo hin und etwas erledigen. Eine Fahrstunde fand zum Beispiel mal zu zwei Dritteln auf Waldwegen statt, da es einen Termin beim Förster gab.

Am bemerkenswertesten allerdings war eine Fahrstunde, die eine Nachspielzeit von gut 4 Stunden hatte. Am Samstagnachmittag endete meine Fahrstunde plötzlich bei einer Baumaschinenversteigerung einer insolventen Firma auf dem Land. „Wollen wir mal sehen, was es so gibt.“ Und so stand ich da in einer Lagerhalle voller alter Maschinen und versuchte mir irgendwie einzureden, das hier gerade interessant zu finden.

Außerdem lernte ich diverse Truckerimbisse im Umkreis mehrerer Kilometer kennen und hörte dort ein riesiges Repertoire an frauenverachtenden Witzen. Ein interessantes Metier, in das ich damals geraten war. Wahrscheinlich würden mich die Muttis, die dort Kaffee verkaufen heute noch erkennen als der, der immer als einziger keine Bockwurst wollte, weil er vee … vegi … vego … vegadingsbums ist. Ich würde so nie eine Frau kennenlernen, prophezeite man mir damals.

Bevor die Fahrt nach einer gewohnten Pommespause weitergehen sollte, bat mich mein Fahrlehrer zum Kofferraum. „Guck mal was du heute umher fährst“ sagte er und öffnete den Kofferraum. Darin befanden sich 2 Munitionskisten mit jeweils 1000 Patronen, die er zuvor für den Schützenverein gekauft hatte. Das Maschine, die sich nur schwer von mir bändigen ließ, ich und ein Kofferraum voller Sprengstoff. Ich versuchte die Situation möglichst gelassen hinzunehmen und hatte für den Rest der Fahrt die Melodie des A-Teams im Kopf.

Auch wenn die Fahrstunden problemlos abliefen, kamen manchmal aus heiterem Himmel unverhersehbare Aktionen von den pedalen am Beifahrersitz. Auf dem Heimweg von meiner ersten Nachtfahrt, auf irgendeiner langen Landstraße am Wald entlang sprach mein pädagogisch wertvoller Beifahrer plötzlich voll auf die Bremse. OHMEINGOTT! Was hatte ich nun schonwieder getan? Wären wir jetzt tot? Oder ein kleines niedliches Reh, welches auf die Straße sprang? Im Bruchteil einer Sekunde schossen mir die Gedanken durch den Kopf, wen ich wohl gerade möglicherweise hätte umfahren können. Ahhhhhh!

Aber die 300 Dezibel neben mir blieben aus. Die Vollbremsung galt nicht mir, sondern dem Fahrer hinter uns. „Ganz ruhig, fahr einfach weiter“ sagte er. Wahnsinn. Wir hatten einfach nur den Kerl im Auto hinter uns erschreckt. Mein Herz! Und wer weiß, mit etwas Glück, hätte es vielleicht sogar ein neues Fahrschulauto gegeben. Wo bin ich hier?

Etwas mehr als 30 Fahrstunden später hatte ich meine praktische Fahrprüfung. Ich ließ das Auto in einem Kreisverkehr absaufen, mein Fahrlehrer fragte den Prüfer während der Prüfung, ob er nicht Lust auf eine Bockwurst hätte und als mein Einparken nicht direkt klappte, rastete er aus. „DREI PUNKTE! DREIPUNKTEHABICHDIRGESAGT!“ Ich habe bis heute keine AHnung, wie ich das ausgehalten habe, aber ich bestand die Prüfung. Zurück auf dem Parkplatz der Dekra sagte der Prüfer: „Herr Herrmann, sie haben die Prüfung bestanden. Aber tun sie mir und sich selbst bitte einen Gefallen und üben später keinen Beruf aus, in dem es auf mechanisches Geschick ankommt. Vorsicht bitte ich habe auf dem Führerschein gerade erst unterschrieben.“

Ich griff nach dem Führerschein, wobei mein Daumen genau auf der frischen Fineliner-Unterschrift landete, bedankte mich und stieg aus.

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