1. Juli 2011 | 23:29 Uhr


Als ich noch in Bielefeld wohnte, gab es da immer diesen einen Rapper der wohl eines Tages mal Erfolg haben würde, wie man so sagte. “Kässper”. Wenn schätzungsweise 2 Tage in Bielefeld wohnt kennt man ja Hinz und Kunz. Hinzu kommt, dass meiner Meinung nach Deutschlands beste Musik in regelmäßigen Abständen aus Flensburg und Münster kommt. Hin und wieder fällt da zwischendurch auch mal was in Bielefeld ab. Also habe ich mir natürlich auch mal diesen Räpper angehört. Aber ach herrje, Bräute Mittelfinger Gängsterquatsch. Mehr Chancen als diese eine YouTube-Suchanfrage mit Probehören habe ich ihm dann auch nicht gegeben. Kleinverbrechermusik aus Bielefeld ist nicht so meins hab ich gedacht, aber die Kids würden es wohl mögen, weil der Herr Stimme und Talent hat.

Als ich noch für eins dieser großen bösen Majorlabels mit S und ONY arbeitete, sagte mal ein Kollege, ich müsse mir den Kässper unbedingt mal anhören, denn “der ist gut, der macht zwar Rap, will aber wie Mastodon klingen”. Uhhh, hab ich gedacht. Für gewöhnlich gebe ich sehr viel auf Musiktipps von besagtem Kollegen, aber hier dann nicht. Mir schwirrte wieder das Kleinverbrechertum aus Ostwestfalen durch den Kopf. Die viel zu dicke Hose in der viel zu engen Hose. Das dann noch gemischt mit Mastodon. Ein paar Gedanken daran, wie das wohl klingen mag, habe ich dann doch angestellt. Mastodon Sprechgesang im Teutoburger Wald mit Goldketten und so was, haha. Nein danke, ein ander mal.

Vor einigen Wochen bin ich dann in irgendeinem Blog über Hardcore, Screamo, Wasauchimmerschreimusik Blog auf ein Video von besagtem jungen Herren gestoßen. Da Proberaumversionen von Liedern sich immer gut anfühlen und schwarz/weiß Videos immer gut aussehen, wenn sie Proberaumversionen (die sich gut anfühlen) sind, habe ich auf Play geklickt. Eine zweite musikalische Chance sozusagen.

Oh. Gänsehaut vom ersten Moment an. Plötzlich wie im Nacken gepackt. Hör dir das an, hör dir das an! Wow. So viel kitschige Melancholie, die dann doch so gar nicht kitschig ist, weil es genau das ist was kommt, wenn es nicht so läuft wie es soll und du mitten in der Nacht mit diesem Koffeinbrennen im Bauch da sitzt und viel zu viel nachdenkst.

Und dann ist dieser eine Song noch nicht mal eine Ausnahme. Jeder andere Song vom neuen Album der mir unterkam, hat mich exakt genauso gepackt. Ich muss da immer an mein jüngeres Ich irgendwann so um das 18. Lebensjahr im Dorf mitten im nichts da. Schön war es da, aber was nützt dir das, wenn du dort nicht findest was du eigentlich suchst. Wenn andauernd Dinge passieren, die dich irgendwo hinein reissen. Wenn du, natürlich, Nirvana hörst und vollkommen übertrieben denkst “Ja, genau so geht’s mir auch.” oder wenn du Spingsteen hörst und denkst “Scheiße, ich will hier weg. Ich will was erleben, was machen. So ganz ohne diese Nackenschläge zwischendurch.” Wenn man merkt, dass der Raum um einen herum viel zu klein ist, für den den man eigentlich haben will und braucht, wenn die Familie plötzlich zerfliegt oder wenn man Menschen verliert.

Natürlich erzählt Casper andere Geschichten. Ich habe nie in den USA gelebt, bin auch nie mit einer Jugendgang betrunken durch eine ostwestfälische Vorstadt getigert, aber die Schnittmengen sind es, die die Gänsehaut verursachen. Weil das Gefühl dasselbe ist.

Das klingt vielleicht albern, wenn ich es irgendwie auch annähernd gekonnt hätte, hätte ich mit 18 auch gern solche Songes geschrieben. Geht natürlich nicht. Zum einen weil ich es nicht konnte, zum anderen, weil man so was erst viele Jahre später richtig gut kann. Reflektion, viele Jahre zum Durchatmen und Einordnen.

Und dann klingt das nicht nur inhaltlich sondern auch noch musikalisch verdammt gut. Man könnte sagen, es wäre der perfekte Soundtrack. Gute Raps über gute Musik aus richtigen Instrumenten. Es klingt zwar nicht ganz wie Mastodon, dafür aber besser. (Was ja jetzt auch nicht soo einfach ist.)

Die Idee, Gitarren, Schlagzeug und Co. mit Raps zu kombinieren gab es ja bereits viel früher. Lustigerweise in der Hochphase genau zu der Zeit, von der ich gerade spreche. (Ein netter Zufall also, dass sich auf dem aktuellen Cover der Visions sowohl Casper als auch Limp Bizkit wiederfinden.) Aber das hier klingt anders. Besser, irgendwie ausgereifter. Ich kenne mich in wenigen Gebieten so gut aus wie in Sachen Musik und Süßigkeiten, deshalb beschreibe ich meistens dann auch das eine mit dem anderen.

Nu Metal (allein das Gefühl, so was mal wieder zu schreiben, haha) war wie die Idee, Schokolade in Marshmallows rein zu machen. Klingt grandios, aber nach kurzer Zeit wird einem davon ziemlich schlecht und so richtig will diese Kombination auch nicht greifen. Ich rede hier übrigens von diesen Marshmallow Bananen von Trolli.

Das hingegen was Casper da macht, ist wie Bamsemums aus Norwegen. Da ist dann das marshmellowmäßige Zeug in der Schokolade drin. Das ist so gut, dass man sich fragt, wieso da nicht früher jemand draufgekommen ist. (Von haribo gibt es übrigens soetwas ähnliches, aber nicht ganz so gut).

Der … ähm … Post-Hop klingt also großartig, hat hinter dem Klang allein auch noch besagte Tiefen und das Album erscheint genau in einer Woche. Ich hoffe bis hier hin ist dann auch die Botschaft dieses Artikels deutlich geworden: Bitte besorgen sie sich dieses Album. Diesen Hinweis gehört man gerade vielerorts und wenn es erstmal da ist, wird da noch viel mehr durch die Decke gehen, da bin ich mir sicher, das alles aber vollkommen zu recht. XOXO

Also: Casper – XOXO

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