Am Freitagabend bekam ich eine Push-Benachrichtigung einer Nachrichten-App über die Vorkommnisse in Paris. Kurz zuvor hatte ich zur letzten halben Stunde des Fußballländerspiels zwischen Frankreich und Deutschland geschaltet. Es ist komisch, plötzlich in einen Moment geworfen werden, von dem man genau weiß, dass man sich sehr lange, wahrscheinlich für immer, sehr genau an ihn erinnern kann. Der hilflose Tom Bartels, der dieses Spiel irgendwie zu Ende moderieren musste und die noch hilfloseren Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl im Anschluss.

Bis 2 Uhr nachts saß ich auf dem Sofa vor dem Fernseher und verfolgte jedes Detail was aus Paris kam. Sekündlich aktualisierte sich ein Newsticker auf reddit, wo verschiedene Menschen vor Ort immer wieder neue Details beitrugen. Denn auch das ist einer der Nebeneffekte unserer Zeit, der solche Taten noch absurder macht: Ich erfahre jedes noch so kleine Detail beinahe in Echtzeit. Auf Periscope-Livestreams und dergleichen habe ich verzichtet, weil ich nicht in wackeligen Videos live miterleben wollte, wie Menschen panisch um ihr Leben rennen. Schlimm genug, dass ich überhaupt jedes Detail verfolgte und mich somit immer mehr von den Vorkommnissen aufwühlen ließ. Aber an Schlaf war eh nicht zu denken. Als sich die Lage etwas beruhigte (wenn man das überhaupt sagen kann) und ich endlich schlafen wollte, machte ich mir eine Folge “Friends” an und versuchte dabei den Kopf wieder etwas frei zu bekommen und dabei einzuschlafen.

Hat nur so mittelmäßig gut funktioniert. Weitaus besser war die Entscheidung am Tag darauf für das Wochenende raus aus Berlin ins Heimatdorf nach Thüringen zu fahren. Weg von der Stadt und vor allem auch irgendwie weg vom Internet. Ruhe im Wald ist wohl das beste was man aus diesen angeknacksten Tagen noch herausholen konnte.

Zurück in Berlin bekam ich auch direkt eine Bestätigung für die Richtigkeit meiner Entscheidung. Mit meinen Freunden Donnie und Nilz betreibe ich seit einiger Zeit den Podcast “Gästeliste Geisterbahn”. Ein sehr überdrehtes und wohl auch lustiges Dings was wir erstaunlich regelmäßig bereits 11 Mal aufgenommen haben. Alle 2 Wochen erscheint eine neue Folge, in den Wochen dazwischen eine Minifolge, in der wir Fragen beantworten. Jeden Sonntag gibt es also etwas Neues. Nach kurzer Rücksprache entschieden wir uns aber gestern dafür, keine neue Folge zu veröffentlichen. Für alle Beteiligten war sofort klar, dass wir uns unangenehm damit fühlen würden, einen überdrehten, lauten Podcast, den wir bereits vor zwei Wochen aufgezeichnet hatten, zu veröffentlichen. Die Welt um uns herum war so still und nachdenklich, da will man nicht wie ein unreflektierter Idiot dastehen. Ich zumindest nicht. Natürlich lassen wir uns für gewöhnlich durch nichts den Spaß verderben, aber ein Bauchgefühl sagte sofort, dass in diesem Falle Ruhe angebracht ist.

Selbstverständlich war diese Aussage ein gefundenes Fressen für ein paar wenige Idioten, die das nicht als persönlichen Entschluss, sondern als Diskussionsgrundlage sahen. So ist das Internet nunmal. Wenn man etwas aus einem (Bauch-)Gefühl heraus entscheidet, dann ist das nun mal so. Deshalb sind es ja Gefühle. Aber nein, unsere Entscheidung wäre unverständlich, schließlich würde andauernd irgendwo was passieren und da würde man ja auch nicht … blablabla. Als wären wir ein öffentlicher Abodienst, der sich gegenüber seinen zahlenden Abonnenten in den Weg stellt und nicht ein kleines Hobbyprojekt, was sich für eine Woche Pause entschieden hat. Internet ey. Klar, ich sollte längst gelernt haben mich von nichts und niemandem im Internet provozieren zu lassen, aber für mich war es einfach ein Stück zu viel. Als ich meine Facebook App öffnete, sah ich ein Foto, unter dem ein Freund von mir mitteilte, dass ein geschätzter Kollege von ihm im Le Bataclan umgekommen sei. Daneben öffnete sich die Notification mit eben genannten “Diskussionsansatz”.

Man sollte die sozialen Medien weitestegehend meiden, bei solchen Ereignissen. Schließlich basieren die Inhalte nunmal weitestgehend auf Emotionen. Und wenn die durchdrehen, drehen auch die Inhalte durch. Niemand glaubt ernsthaft, mit einem neuen Profilfoto den Terror bekämpfen zu können, für viele Menschen ist es aber nunmal zwischen gefühlter Hilflosigkeit ein Zeichen der Anteilnahme und überhaupt irgendein Zeichen um zwischen all den Fragen mal einen Punkt zu machen. Jede/r sollte Trauer so zeigen, wie er/sie es gerne möchte. Fertig. Etwas ganz anderes ist es natürlich, wenn Anteilnahme plakativ eingesetzt wird, um beispielsweise möglichst viele Klicks zu generieren. Auch wenn ich mich wiederhole, aber: Internet ey!

Statt es einfach hinzunehmen und die Gefühle anderer zu respektieren geht die gewohnte Keule los: “Jetzt berichten die Medien darüber, wenn so etwas mal in Paris passiert, aber sonst ja nie!” Dabei stimmt das gar nicht, nur interessiert das eben nicht so viele Menschen. Wobei wir bei der nächsten Keule wären, die auch ich schon abbekommen habe: “Warum nimmt dich das so mit, wenn so etwas doch andauernd passiert! Interessiert dich das sonst etwa nicht?!”

Doch tut es, nur trifft es mich sonst nie so nah und außerdem habe ich mir mittlerweile eine sehr feine Mauer aus Selbstschutz um mich herum errichtet, weil ich nicht vollends an dieser Welt verzweifeln möchte. In nicht allzu ferner Zeit möchte ich ein Kind in diese Welt setzen und nicht vorher zu dem Schluss gekommen sein, dass dies ein Fehler wäre. Wenn ich es wollen würde, könnte mich beinahe in jedem Moment meines Alltags etwas nerven oder mir gar nahe gehen. Das reicht von übermächtigen, brutalen Regimes in fernen Ländern bis zu dummen Menschen mit Echtfellkragen die mir in der U-Bahn gegenüber sitzen. Ich habe gelernt das in den meisten Fällen nicht an mich heran zu lassen. Aus reinem Selbstschutz, weil man es anders ja auch gar nicht aushalten könnte. Stattdessen bin ich lieber froh in einer Gegend und einer Zeit zu leben, die in der Geschichte in Sachen Frieden und Lebensqualität ihresgleichen sucht. Lieber nutze ich diese Position aus, um die Welt jeden Tag ein klein wenig besser zu machen. So kitschig das auch klingt.

Und doch habe ich Angst und bin getroffen von dem, was am Freitag in Paris passierte. Einfach weil es so nah war. Bekannte von mir saßen im Fußballstadion und auch ich wäre beinahe dort gewesen. Die Eagles of Death Metal habe auch ich bereits mehrmals live gesehen und die ein oder andere Cola mit deren Sänger Jesse Hughes getrunken. Übermorgen würde ich eigentlich auf ein Konzert der Deftones gehen, die nun aber ihre Europa Tour abgesagt haben. Einige Bandmitglieder waren am Freitag im La Bataclan, haben es aber glücklicherweise frühzeitig verlassen. Ihr eigentlicher Tourplan sah so aus und könnte kaum besser verdeutlichen, wie nah dieser ganze Wahnsinn auf einmal sein kann:

Ich hasse diese eigentlich unberechtigte Angst in solchen Momenten. 2002 gab es in einer Erfurter Schule einen Amoklauf. Am Tag darauf saßen wir eine halbe Autostunde davon entfernt in unseren Klassenräumen bei einer Schweigeminute. Im Haus fiel wahrscheinlich eine Tür durch einen Windstoß zu und ein lauter Schlag hallte durch die Stille im ganzen Gebäude. Ich erwischte mich kurz wie ich dachte: “Jetzt ist es so weit.”, schließlich war man in den Stunden zuvor eh immer im Kopf durchgegangen, wer an der eigenen Schule zu so einer Tat fähig sein könnte. Letztlich war es aber doch nur eine Tür, was mich gleichermaßen erleichtert und dumm fühlen ließ.

Ähnlich wie heute morgen, als ich unterbewusst immer wieder genau schaute, wer gerade in die U-Bahn einstieg. Paris hat seinen Horror am vergangenen Freitag erlebt. Vor 10 Jahren explodierten bei einem Terroranschlag mehrere Bomben in der Londoner U-Bahn. Im Jahr zuvor gab es einen ähnlichen Anschlag in Madrid. Welche Stadt fehlt (zum Glück) in dieser Reihe? Rund 550 Dschihadisten sind aus der Bundesrepublik ausgereist, um für den IS zu kämpfen. Der bekannteste davon radikalisierte sich in der Nachbarschaft vom Büro, wo ich diesen Text gerade schreibe.

Es ist ein komisches Gefühl in einer Stadt zu wohnen, von der man die ungewisse Gewissheit hat, dass es wohl früher oder später knallen wird. Und trotzdem wäre es nicht richtig sich dieser Angst hinzugeben. In Deutschland gibt es jährlich 300.000 Verkehrsunfälle mit Personenschaden, pro Monat sterben dabei rund 300 Menschen auf Deutschlands Straßen. Und doch kann ich jedes Mal bedenkenlos in ein Auto steigen. Ein Zitat, welches ich gestern las, bringt sehr gut auf den Punkt, nach welchem Prinzip man trotz dieser ungewissen Gewissheit leben sollte. Es entstand nach den Anschlägen in Norwegen 2011:

We will not become worse, we will be better. We lived in a land where this is possible, even easy. And we will keep living in a land where this is possible, even easy. We are open, we are free and we are together. We are vulnerable by choice. And we will keep on like that, that’s how we want to live. We will not be worse because of the worst. We must be good because of the best.

Oder wie ich es jetzt sagen würde: Denkt was Gutes, tut was Gutes, dann wird alles schon irgendwie gut. Und selbst wenn nicht, dann hat man seine Zeit bis dahin wenigstens nicht vergeudet.

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