Am Dienstag saß ich in einer Agentur, in deren Flur im Eingangsbereich ein Fernseher hängt. Den ganzen Tag läuft dort N24 ohne Ton und vermittelt einem beim Vorbeilaufen immer das Gefühl, man wäre (zumindest für diesen Moment) top informiert und arbeite dementsprechend professionell. Als es kurz lauter im Flur wurde, weil sich ein paar KollegInnen unterhielten, stellte ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn eine Katastrophe passieren würde und plötzlich alle gespannt vor besagtem Fernseher stehen würden.

Etwas mehr als eine Stunde später gab es eben genau so eine Katastrophenmeldung. Gruselig, ich weiß. Ein Flugzeug sei in den Alpen verschwunden. Wahrscheinlich abgestürzt, 150 Menschen an Bord, man müsse mit dem Schlimmsten rechnen. Natürlich fand sich dann niemand vorm Fernseher ein, sondern las davon am Rechner. Nach diesen Details habe ich diese fürchterliche Nachricht für mich weitestgehend abgehakt. Nicht weil ich sie für lapidar gehalten habe, ganz im Gegenteil, sondern weil ich nicht diesen Mechanismen verfallen wollte, dass man sich von einem Ticker zum nächsten hangelt und dabei eine halbgare Meldung nach der anderen in sich hinein fressen lässt. Diesen „Fehler“ hatte ich erst kürzlich bei dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ gemacht. Plötzlich sitzt man da in Schock und klickt sich durch verwackelte YouTube Videos, während die Täter noch zu Gange sind. Man will so nah sein, wie es nur geht, egal wie wahr die Meldungen am Ende des Tages sind, durch die man sich gerade klickt.

Das eigene Empfinden sagt einem doch eigentlich, dass man eben genau das aufgrund verschiedener Gesichtspunkte nicht tun sollte. Und doch verliert man sich viel zu leicht darin, weil es eben geht. Warum brauche ich eine Sammlung halbgarer Informationen um 13:47 Uhr, wenn es doch eigentlich viel mehr Sinn macht, zum Beispiel auf ruhigere, (hoffentlich) fundierte Nachrichten am Abend zu warten? Zumindest natürlich wenn es ein Unglück ist, mit dem ich in keinster Weise in persönlicher Verbindung stehe. Ich weiß doch, dass ein Flugzeug sehr wahrscheinlich abgestürzt ist und es wahrscheinlich keinen guten Ausgang geben wird. Warum bin ich dann umso hungriger nach jedem Schnipsel Möchtegern-Informatiosngehalt?

Wie gesagt, genau diesem Ablauf habe ich mich (zumindest weitestgehend) bewusst entzogen. Auch weil ich die kürze der Wege bei Ereignissen wie diesem mittlerweile beachtenswert finde. Beachtenswert mit mulmigen Gefühl im Bauch. Ist es nicht verrückt, wie schnell solche Geschichten die Runde machen und wie noch viel schneller Details hinterher kommen? Es gibt scheinbar immer irgendwo irgendwen, der bereit ist Informationen möglichst schnell weiterzugeben. Selbst in der kleinen Untersuchungsgruppe des Flugschreibers. Zu mir können detailierte Informationen über die Insassen des Flugzeugs und dergleichen kommen, während sich noch nicht mal der Staub am Unglücksort gelegt hat. In 99% der Fälle ist diese Verbreitung und Geschwindigkeit von Informationen im Internet toll, bei diesem einen Prozent finde ich sie gruselig.

Als ich sah wie die Medienmaschine anrollte (mit entsprechenden Hall auf diversen Social Media Plattformen), fragte ich mich, wie es wohl zu Zeiten des 11. September 2001 gewesen wäre, wenn Online Journalismus und Social Media an einem Punkt wie heute gewesen wären. Nach wie vor ein komischer Gedanke für mich. An allen Ecken und Enden des Internets krachte es los mit einem Gewitter aus halbgaren Informationen, Vermutungen und Analysen, schließlich müssen diverse Ticker gefüllt werden. Das ganze Schauspiel wurde hier bestens zusammen gefasst. Wo wir wieder bei der Frage von eben wären. Wofür brauche ich diese Ticker? Warum kann ich nicht eine fundierte Meldung abwarten? Andererseits sollen Menschen natürlich informiert werden. Dafür sind Nachrichtenportale ja schließlich da. Aber tue ich das mit einem Ticker aus halbgaren Vermutungen oder ist genau das nicht einfach nur eine Form perfider Unterhaltung? Ich stille ein fragwürdiges Bedürfnis mit noch fragwürdigeren Methoden. Und damit nicht genug, alles wird dann noch so auffrisiert, dass es möglichst viele Klicks generiert. Wenn die Menschen schon etwas wissen wollen, wovon es nichts Neues zu wissen gibt, dann doch bitteschön bei uns. Und rundherum stricken wir noch jede Menge mehr. Die deutsche Huffington Post ist ein wunderbares Beispiel für diesen ekelhaften Clickbait-Journalismus. Da gibt es ernsthaft Artikel mit Überschriften wie „So emotional reagiert German Wings auf den Absturz“ oder „Germanwings Absturz: Ein Bild das ‚unfassbar traurig’ macht“. Da sind gerade Menschen umgekommen und nur wenige Stunden oder gar Minuten sitzt jemand ein paar Kilometer entfernt davon und überlegt sich, wie man die Schlagzeilen so schreiben kann, dass sie auf Facebook möglichst gut geklickt werden. Hallo Internet 2015.

Womit wir beim nächsten Thema wären. Unmittelbar auf die kurze Schockstarre folgt der Durst nach jeder noch so kleinen Information und wiederum darauf folgt die aktive Trauer. Ich halte den Absturz des Fluges 4U9525 für wirklich schlimm und mein Beileid gilt allen Angehörigen aber ist es dann auch schlimm, wenn ich nichts fühle? Also Beileid ja, aber Trauer nein. Schließlich stehe ich in keiner Beziehung zu diesem Unglück (außer das ich selbst oft fliege, klar) und werde in den Nachrichten täglich mit ähnlichen Themen konfrontiert. Gar nicht auszudenken wenn das jedes Mal Trauer in mir auslösen würde. Damit will ich dieses Unglück in keinster Weise irgendwie kleinreden, nur ist es für mich immer noch ein erheblicher Unterschied, ob ich ein Ereignis schlimm finde oder ob mir ein Ereignis persönlich so nahe ist, dass ich Trauer empfinde. Ich denke, dass ist bei vielen Menschen so und nichts Besonderes.

Nur fühle ich mich gerade im Bezug auf eben dieses Unglück unwohl damit. Und ich weiß noch nicht mal warum. Es fühlt sich an, als würde alle Welt um mich herum im digitalen Raum plötzlich einen schwarzen Trauerflor tragen, Und das nicht still und leise, sondern aktiv und laut. Es scheint, als müsse Trauer möglichst plakativ gezeigt werden. Oder auch direkt zum Klickfang genutzt werden, wie bei einem Radiosender, der auf seiner Facebookseite den Like-Button kurzerhand zum „Kondolenz Button“ umfunktionierte. Folgte man der Aufforderung und gab einem bestimmten Foto ein Like, zeigte man damit aktiv seine Trauer. Trauer auf Knopfdruck sozusagen. Während das bei mir ein unwohles Gefühl im Bauch vor ekelhaftem Like-Fang auslöste, folgten erstaunlich viele Menschen diesem Aufruf. Ist das, wie der Aufruf vielleicht auch, aus einer Hilflosigkeit heraus entstanden? Plötzlich ist diese Trauer da, man weiß nicht wohin damit, also zeigt man sie möglichst aktiv? Ich möchte in keinster Weise jemandem die Trauer absprechen, ich würde es nur gerne einfach verstehen.

Im Fall von „Charlie Hebdo“ habe ich selbst am Abend nach dem Attentat noch ein Foto (natürlich in schwarzweiß) auf Instagram hochgeladen, bei dem ich einen Stift in der Hand halte. Ein kleines Zeichen, um zu zeigen, das man sich nicht unterkriegen lässt. Schließlich verdiene ich auch einen erheblichen Teil meines Geldes damit, lustig zu sein. Und das möchte ich natürlich auch weiterhin ohne Angst tun.

Nun haben wir einen Flugzeugabsturz und plötzlich haben Menschen das schwarzweiß Logo des betroffenen Flugunternehmens als Profilbild oder senden Kondolenzfotos an andere Unbeteiligte per Whatsapp. Gegenüber Menschen in der Öffentlichkeit herrscht eine gewisse Erwartungshaltung, was Trauer betrifft und wehe dem, der sie nicht erfüllt. Sogar ich als vergleichsweise kleiner Social Media Wurm spüre das. Oder übertreibe ich da? Aber wenn alle Welt um mich herum plötzlich Kondolenzschleifen teilt, fühle ich mich ohne wirkliches Trauergefühl wie jemand der seine Erwartungen nicht erfüllt und bei rot über die Straße geht (während weit und breit kein Auto kommt). Jetzt ist es gerade halb zwei Uhr nachts und wenn ich morgen aufwache wird wohl die dritte Phase der Nachwirkungen dieser Katastrophe einsetzen. Auf Schock folgte Trauer und beim aktuellen Stand der Ermittlung wird wohl Wut folgen. Und das aktiver und lauter als die beiden Phasen davor zusammen. Ich sitze hier weiter hilflos und frage mich ob etwas mit mir nicht stimmt, weil ich nicht das Bedürfnis habe, mein Umfeld über meine Trauer zu informieren, beziehungsweise diese gar nicht erst empfinde. Und das obwohl ich doch eigentlich mit reichlich Empathie und Mitgefühl ausgestattet bin. Oder ist es schon eine Form der Trauer, wenn ich größeres Bewusstsein entwickle und froh darüber bin, dass es mir doch eigentlich sehr gut geht gerade?

Und was macht man in solchen Momenten der Hilflosigkeit wie diesen? Richtig, Musik hören. Die Berichterstattung dieser Tage entspricht exakt den Inhalten des Songs „Vicarious“ von TOOL. Im Lied geht es darum, wie durstig man nach Elend aus einer sicheren Entfernung ist. Nur gibt es eben keiner zu. So lange ich nichts damit zu tun habe, kann ich meinen „Informations“drang an Fotos der Unglücksstelle ergötzen. Mal nebenbei gefragt: Den physikalischen Grundsätzen zufolge muss es das Flugzeug samt Passagieren beim Aufprall pulverisiert haben. Ist es also okay Fotos von einem Todesort inklusive Leichen auf den Start- und Titelseiten dieser Welt zu haben, sobald es die in Kleinteile zerrissen hat?

Eye on the TV, ‚cause tragedy thrills me. Whatever flavour. It happens to be like: Killed by the husband, drowned by the ocean, shot by his own son.
She used the poison in his tea annd kissed him goodbye. That’s my kind of story. It’s no fun ‚til someone dies. Don’t look at me like I am a monster. Frown out your one face, but with the other stare like a junkie into the TV. Stare like a zombie while the mother holds her child, watches him die. Hands to the sky crying: Why, oh why? ‚cause I need to watch things die, from a distance.

Der zweite Song an den ich, speziell in meiner beschriebenen Situation, denken musste, ist „An Tagen wie diesen“ von Fettes Brot. So kitschig das auch sein mag, es passt einfach so gut: „Eine Million bedroht vom Hungertod nach Schätzungen der
Während ich grad gesundes Obst zerhäcksel in der
Seh‘ ein Kind, in dessen traurigen Augen ’ne Fliege sitzt
Weiß, dass das echt grausam ist, doch scheiße, Mann, ich fühle nichts
Was ist denn bloß los mit mir, verdammt, wie ist das möglich?
Vielleicht hab ich’s schon zu oft gesehen, man sieht’s ja beinah täglich
Doch warum kann mich mittlerweile nicht mal das mehr erschrecken
Wenn irgendwo Menschen an dreckigem Wasser verrecken?
Dieses dumpfe Gefühl, diese Leere im Kopf
So was kann uns nie passieren, und was wäre wenn doch?
Und mich zerreißen die Fragen, ich kann den Scheiß nicht ertragen
Die haben da nichts mehr zu fressen und ich hab Steine im Magen!“

* Weil es so ein wahnsinnig sensibles Thema ist, noch einmal ganz deutlich: Ich möchte es absolut niemandem absprechen zu Trauern und mein Beileid gilt allen Angehörigen. Ich habe mich einfach nur gefragt, was das Internet aus Trauer macht (und umgekehrt) und warum das bei mir nicht so, wie bei zahlreichen Anderen ist.

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