Lady Gaga Konzerte sind anders als andere Konzerte. Das hatte ich bereits im Mai 2010 gelernt, als ich begeistert vom damaligen Album aber ohne große Erwartung zum Konzert bin. Es passierte dann in knapp 3 Stunden das größte Popkonzert, was ich jemals gesehen habe. Auf der Bühne war mehr los als … als … keine Ahnung, mir fällt kein Vergleich ein.

Dementsprechend freute ich mich auf die neue Tour in diesem Jahr. Nach dem „Monster Ball“ nun der „Born This Way Ball“. Ich schätze Lady Gaga sehr, für das was sie tut. Nicht weil in mir, mal mehr mal weniger heimlich, ein großer Popmusikfreund steckt, sondern auch weil alles was sie tut, sehr vielschichtig ist.

Lady Gaga ist eine Kunstfigur, die nie aus dieser Rolle aussteigt und Popkultur ständig antreibt. Allein schon durch ständig neue Kostüme, die ihr „Haus of Gaga“ zuschneidert. Oftmals sind die nicht wirklich toll (wie auch der Name ihres neuen Albums „ARTPOP“), aber die Tatsache, dass sie es tut ist schon toll genug. Oder die kleinen Details. Wie ihr neues Parfum zum Beispiel. jeder Popstar hat ein Parfüm, klar. Aber Lady Gaga hat dann eben das erste Parfüm mit patentierter schwarzer Flüssigkeit.

Hinzu kommt aber noch ein wirklich toller Fakt. Hinter all dem stecken auch noch sehr oft Bemühungen und Botschaften. Feminismus, Arbeit gegen Homophobie und überhaupt die freie Darstellung von dem, was man gerne hat, egal was alle anderen sagen. Gerade dieses „Hör auf dich selbst!“ ist ja ein gern gesehenes Thema in der Popwelt, aber selten wird es so vorgelebt, wie von Lady Gaga.

Das sieht man auch beim Konzert. Eine interessante Mischung von Menschen, die sich in der Berliner O2 World eingefunden hatte. Ein paar Muttis in Jungesellinnenabschiedsstimmung, Pärchen aus dem Umland, erstaunlich wenige Teenies (was auf den Ticketpreis zurückzuführen sein dürfte) und … na ja, wenn man homophob ist, dürfte der Stehplatzbereich eines Lady Gaga Konzerts in etwa so wie Lava sein.

Alles sind gut gelaunt und es ist vor allem egal, wie alle Menschen dort rumlaufen. Eine kleine Oase der Äußerlichkeiten. Eine der vielen positiven Dinge, die ich Lady Gaga in ihrem Dasein als Popstar sehr hoch anrechne.

Es ist etwas Besonderes so ein Konzert von Frau Germanotta. Ich kann verstehen, wenn Leute das furchtbar albern finden, dass ich zu „so etwas“ überhaupt hingehen. Hat man es aber einmal gesehen, kann man es glaube ich sehr gut nachvollziehen. Vielleicht nicht mögen, aber auf jeden Fall nachvollziehen.

Vorm Konzert läuft Smetanas „Moldau“ und als der Vorhang fällt, steht da eine riesige Burg auf der Bühne CASTLE GREYSKULL??!? Lady Gaga reitet auf einem Pferd einmal über den Laufsteg durch’s Publikum. Das Pferd sieht täuschend echt aus, ist aber in Wirklichkeit nur eine Puppe bedient von 2 Tänzern.

Und dann beginnt sie, die „Electro-Metal Pop-Oper“, wie sie selbst sagt. Tatsächlich klingen die Songs dank live Band alle äußerst heavy. Man merkt allerdings sofort, dass die älteren Songs live besser funktionieren. Für mich war „Born This Way“ zwar ein gutes Album, aber an vielen Stellen viel zu überladen.

Wäre Lady Gaga eine Band, würde man ihre Spielfreude besonders hervorheben. Anfangs tut sie sich ein wenig schwer ins Konzert zu kommen, kommt für die nächsten zweieinhalb Stunden dann aber immer mehr auf Tour und ist dementsprechend aufgedreht. Ich mag es, dass man das bei ihr immer noch spürt, wie sehr sie Lust auf all das hat und ja – auch dafür lebt.

Die „Monster Ball“ Tour umfasste 201 Konzerte, dann ein Jahr Pause und nun war Berlin bereits der 53. Auftritt von insgesamt 103 der aktuellen Tour. Wirklich viele Off-Tage gibt es dazwischen nicht. Umso bemerkenswerter wie gut und vor allem energiegeladen die Show war.

Für jeden Song entweder ein neues Kostüm oder eine neue Applikation auf der Bühne, die aus einer der Türen des Schlosses kam. Wie ein riesig großes Klettergerüst voller Popmusik. Ich bin gespannt wie lange Lady Gaga noch auf diesem Level weiterarbeiten kann. Ich hoffe, es sind noch einige Jahre.

Mein persönlicher Hach-Moment war, als sie sich ihren Fans widmete. Das macht sie generell gut und oft. Während des Konzerts gab es eine Unterbrechung und da wurde dann geschaut, was alles währenddessen alles auf die Bühne geworfen wurde. Und dann … eine Karte … sie klappte sie aus und las daraus vor. Ein junges Mädchen dankte ihr darin von ganzem Herzen für ihre Musik und all das, was sie mit ihrer Kunst macht. Denn es hilft dabei sich selbst zu verwirklich und ihre Musik sorgt dafür, dass sie sich weniger alleine fühlt und mutiger in ihrem Leben ist.

Ist das nicht toll? Ist es nicht toll, dass es einen Popstar gibt, der junge Menschen zu so etwas bringt? Natürlich gibt es das bei jedem Popstar aber nirgends wird der Gedanke der Selbstverwirklichung so vorgelebt wie bei Lady Gaga. Von Christina Aguilera gab es mal den Song „Beautiful“ der auch davon handelte, dass doch jeder Mensch irgendwie schön sei. Schöner Popsong, nur drehte sich der Rest des Albums dann darum, dass Christina Aguilera nun das verruchte Mädchen ist, was ihren perfekten Körper nur selten in kaum mehr als einen Bikini steckt.

Die Klatschpresse griff nach dem Berliner Gaga Konzert interessanter Weise vor allem einen Punkt auf: Lady Gaga hat zugenommen! Die einzige Reaktion von Lady Gaga dazu war, dass sie gut 10 Kilo zugenommen hatte, weil sie nun mal das italienische Essen ihres Vaters so mag. Danach war das Thema gegessen (ha!) denn Lady Gaga „darf“ so was. Sie läuft eh jeden Tag in anderen, vollkommen überzeichneten Outfits rum, als ob so etwas dann irgendwas ausmachen würde.

Ich mag mich da wiederholen, aber ich finde es wirklich großartig, dass es derzeit einen Popstar ist, der die Botschaft der Selbstverwirklichung so gut in die Welt der Popkultur trägt, denn nur da bewirkt es dann auch halbwegs weitreichend etwas.

Und obendrein gibt es dann auch noch ein derart tolles Konzert. Hach. Bitte mehr davon. Ich glaube, dieses Video hier drückt in etwa das aus, was ich die ganze Zeit versuche auszudrücken.

PS: Mein Lieblingsmoment des Konzert fand erst danach statt. Am Merch-Verkaufsstand stand ein kleiner Nerd vor mir. Er beugte sich über den Tresen, damit der Verkäufer auf dem zettel in seinem Shirt nachsehen konnte, welche Größe er hat. Hihi.

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