Ich gehöre wahrscheinlich zu den wenigen Menschen, die sich noch relativ genau an zwei Ereignisse im September 2001 erinnern können. Ich habe nämlich noch sehr genau den Moment im Sinn, wie ich in meinem Jugendzimmer (ein Traum aus Kirschholz) sitze und zum ersten mal das komplette Toxicity Album von System of a Down höre. Ganz klassisch hatte mir MTV, als nahezu einzige und zugleich wichtigste Quelle für neue Musik, Chop Suey! in die Thüringer Provinz gebracht. Noch nie zuvor hatte ich Musik gehört die zum einen so klingt und zum anderen so genau meinen Musikgeschmack trifft. Ein ähnlicher Moment wie mein erstes Mal Mayonnaise probieren. Also in etwa.

Zudem wirkte Toxicity auf mich schon nach wenigen Hördurchgängen als Album, als Gesamtwerk, perfekt. Ein perfekt aufeinander abgestimmter, musikalischer Kuchen, den man in einem Stück durchhören kann. Wie ein gut gemachter Film. Ein Kuchenfilm! Für mich bis heute noch mein klarer Platz eins auf meiner Alben für die einsame Insel Liste. Auch wenn seitdem jede Studentendisko tiefe Furchen in die CD gelasert hat und Süssem! einer der liebsten Ausrufe stark betrunkener Menschen vorm DJ Pult. Ich mag diese Attitüde nicht, dass man Bands auf einmal doof findet, wenn die Massen sie für sich entdecken, aber manchmal wird man dabei tatsächlich auf harte Proben gestellt.

Gestern besuchte ich in der Berliner Wuhlheide bereits das siebte System of a Down Konzert meines Lebens. Allerdings mit weniger Kajal und Revolution als früher meinerseits, dafür aber die bislang beste Setlist systemofadownerseits. Leider kam man aber nicht so wirklich um den eben genannten Gedanken herum, wenn einem auch mehr als ein Jahrzehnt später eine Band immer noch sehr am Herzen liegt, die mittlerweile aber einen kleinen Legendenstatus erreicht hat und entsprechende Massen anzieht. Auf Konzerten wird einem das immer gleich so wunderbar bewusst. Natürlich finde ich es toll, wenn eine Band mit ihrer Musik so erfolgreich ist und eine solche Größe erreicht hat. Natürlich gönne ich ihr das. (Zumal ich als Hörer seit Toxicity Zeiten nicht gerade behaupten kann, sie schon als superduper Undergroundtipp gekannt zu haben) Aber dann steht man eben plötzlich in einer Menschenmenge und fragt sich, was hier eigentlich los ist. Ich weiß nicht, wie ich diese Gemütslage beschreiben soll, ohne wie ein arroganter Arsch zu wirken, aber jeder, der sich schon einmal in einer solchen Situation wiedergefunden hat versteht mich bestimmt.

Es wirkte teilweise vor der Bühne tatsächlich so, als hätte irgendjemand bei McFit Coupons für dieses Konzert verteilt. Meine Güte, was hüpften da für Gestalten rum. Pogo ist super und es gibt kaum bessere Musik als System of a Down dafür, aber ich hasse es, wenn sich Leute dabei nicht an gewisse Regeln halten. Dabei sind die doch ganz einfach: Wenn jemand umfällt – aufheben und wenn jemand nicht mitmacht und am Rand steht, dann wird der auch nicht mit rein gezogen. Stattdessen hüpfen einige kahlköpfige Schränke umher und stoßen wahllos alles und jeden um sich herum weg oder gar um. Das hatte nichts mit „tanzen“ zur Musik zu tun, sondern war einfach nur … keine Ahnung, es müssen wirklich Coupons bei McFit ausgelegen haben. Und wenn sogar mich als fast 2m großen menschen das angenervt hat, wie muss es da erst Kleineren ergangen sein? Nervt. Natürlich kann man mir jetzt vorwerfen warum ich da überhaupt rumstehe, aber ich bin da nun mal gern und bin es gewohnt, dass man auch da gegenseitig auf sich achtet. Hach. Trauriger Tiefpunkt für mich war, als während eines Songintros drei rotgebrannte, stämmige Herren neben mir „Scheiß drauuuuf, Malle isnureinmalimjaaaaahr“ anstimmten. Zur Information: Das ist der erfolgreichste Ballermann Hit 2013. Warum? Was ist da nur passiert? Ist System of a Down – publikumstechnisch – von der alternativen Vorzeigekombo vollends zur Heckscheibenaufkleberband geworden?

Ich weiß gar nicht warum ich so ausführlich darüber schreibe, aber es hat mich wirklich belastet gestern. Super Band auf der Bühne aber dazu ein teils höchst fragwürdiges Publikum davor. Oder bin ich ein doofer Spießer geworden, der sich so ein Liveerlebnis viel zu einfach von den menschen rundherum kaputt machen lässt? Und was ich mich wirklich jedes Mal frage: Warum gibt es unglaublich viele Leute die bei einem solchen Konzert vollends betrunken durchs Publikum wirbeln. Natürlich verstehe ich es, dass man dann gerne mal einen hebt oder was auch immer und sich freut. Aber gleich so? Und dann gleich so viele? Ich meine, ein Ticket für dieses Konzert kostete stolze 60 (SECHZIG!) Euro. Warum gibt es so viele Menschen, die bereit sind einen solchen Preis zu bezahlen, um sich am nächsten Tag an absolut gar nichts mehr erinnern zu können. Ist das Erlebnis eine geschätzte Band live spielen zu sehen vielen wirklich derart egal? Warum gibt man dann 60 (SECHZIG!) Euro dafür aus, obwohl man all das doch genauso am „Rockmittwoch“ im „Rockschuppen XY“ bekommen könnte? Die Band ist dann zwar nicht live da, aber klingt doch fast genauso. Oder gab es wirklich Coupons bei McFit und die mussten gar keinen Eintritt zahlen? Hm. Auf 10 Personen kommt eine sturzbetrunkene Person, die 5 von der 10 Personen die Freude am Konzert schmälert. Mal hochgerechnet. Oder so. Ich verstehe es einfach nicht.

Aber mal eine ganz andere Frage: Warum gibt es gleich vier Erdbeerbowle Stände in der Wuhlheide? Habe ich einen Erdbeerbowletrend verpasst? Ist Erdbeerbowle der neue Bubble Tea?

Vielleicht sollte ich noch etwas zur Musik schreiben. Ein wirklich solides, sehr geladenes Konzert. Eben das, was man sich auch erhofft, da es die Musik schließlich hergibt. System of a Down ist mittlerweile allerdings auch zu einer Band geworden, in der jedes Bandmitglied über einen eigenen Tourbus verfügt und sich das auch ein wenig in der Chemie auf der Bühne wiederspiegelt. Es gab so schon selten Spielereien miteinander oder gar mit dem Publikum, die schienen nun so gut wie ganz verschwunden. Zudem kann ich es nach wie vor nicht nachvollziehen, warum die Band nach einem richtig kraftvollen Konzert das Publikum jedes Mal verwundert stehen lässt, weil es einfach nie Zugaben gibt.

Ich sollte aufhören, mir über alles Gedanken zu machen und vielleicht einfach nur die Musik genießen. Wenn das doch aber nur so einfach wäre! Toxicity ist trotzdem weiterhin das beste Album der Welt. Auch wenn es leider noch sehr lange dauern wird, bis es irgendwann einmal ein neues Album gibt. Vielleicht dann ja wieder ohne Coupons bei McFit.

Share on Facebook0Tweet about this on TwitterEmail this to someone