
Ich habe ziemlich viele Hobbies. Wobei, es sind eher Angewohnheiten, als Hobbies. Man würde es ja auch nicht gleich als Sammlung bezeichnen, wenn man eine Kiste voller Kram hat, den man eigentlich gar nicht braucht, der dafür aber ziemlich unterhaltsam sein kann.
Dieser Tage und um genau zu sein heute kommt eine dieser Eigenschaften zum Tragen: Die Freude an übertriebener Vorbereitung auf sportliche Großereignisse. Ich mag ja Sport und kann mich dem Geschehen stundenlang voll und ganz hingeben. Am besten natürlich mit entsprechender Vorbereitung.
Was ich damit meinte wird zum Super Bowl Sunday auf die absolute Spitze getrieben. Wochenlange akribische Vorbereitung in Übersee und dann werden da pro Person eine halbe Tonne Irgendwas gegessen. Toll! Ich hab das hier auch gemacht und für unser Team Diabets eingekauft:

Unpraktischerweise habe ich meine Bestellung bei einem Versandhandel für US-amerikanischen … ähm … Scheiß zu spät abgegeben und sie ist nicht rechtzeitig angekommen. Dafür bekomme ich dann eben im Post-Super-Bowl-Loch ein Paket voller künstlicher Farb- und Zuckerstoffe.
Dennoch ging es natürlich nicht ohne und ich musste irgendwie Ersatz finden. Galeria Kaufhof ist für solche Unterfangen ja recht praktisch, da es dort einen extra Delikatessladen mit diversen Importen gibt. Habe dort immer ein bisschen Angst. Im Wesentlichen besteht der Laden nämlich aus zwei Teilen und in dem Verbindungsstück zwischen den beiden stehen Unmengen an teuren Weinflaschen und Verkäuferinnen, die vorwurfsvoll gucken, wenn man die sich die Haare nicht richtig gekämmt hat.
Oftmals gibt es auch Verkostungen von Dingen die man nie zuvor und nie wieder danach gehört hat. Wobei es in diesem Fall etwas einfacher war: Eine Frau versuchte Kartoffeln anzupreisen. Während ich mir Dr. Pepper und Mountain Dew Dosen in den Wagen stapelte, schnappte sich ein Rentnerpaar neben mir einen Sack dieser sicherlich ganz besonderen Kartoffeln. Die Verkaufsfrau sagte: “Und denken sie an mich, wenn sie die essen!” Seitdem muss ich mir jetzt immer vorstellen, wie das alte Ehepaar ein paar Pellkartoffeln zum Abendbrot schält und während Oma den Sauerquark aufmacht, fragt Opa in Gedanken vertieft: “Weißt du noch, die Kartoffelfrau?” Vielleicht sollte man diesen Psychotrick ja auch viel öfter anwenden. In total alltäglichen Situationen: “Aber denken sie dann an mich, wenn ihre Kopfhörerkabel wieder verknotet sind!” … und BÄMM! ist man im Kopf drin.
Aber zurück zum Super Bowl. Dem größten Sportereignis der Welt, wenn man “Football”, “Soccer” nennt. In diesem Jahr konnte ich zum ersten Mal auf die deutsche Übertragung (welche ja fürchterlich gewesen sein soll) verzichten und den ganzen Spaß bei ESPN America gucken. Meine Güte, was da nicht alles los ist.
Mit der Vorberichterstattung war ich komplett überfordert. Geschätzt 537 Leute reden da gleichzeitig auf einen ein und malen Linien in die Luft oder erzählen von früher. Wie das Spielzeug verloren in einer Cornflakespackung habe ich mich da gefühlt. Aber ich habe ja auch nur bedingt Ahnung vom ganzen Regelwerk rund um das Wurf-Ei. Gut, es reicht gewiss für die Basics aber würde man es auf Fußball ummünzen, würde ich womöglich vorm Fernseher sitzen und solche Fragen stellen:
- “Wieso darf der den jetzt in die Hand nehmen?”
- “WARUM SCHIESST ER NICHT EINFACH MAL VON DA?!!!!”
- “Wer ist der Mann?”
- “Ich hätte schwören können, dass es mehr als 11 sind.”
- “Warum werfen die ein, es ist doch FUSSball? Und wenn, warum werfen die so komisch? So kommt man doch gar nicht weit genug.”
- “Ich dachte, diesen Möchtegernirokesenschnitt trägt man seit 2003 nicht mehr?”
- “War der nicht mal mit der einen zusammen?”
- “Warum ist in dem großen Kasten vorm Tor, noch ein kleiner Kasten aufgemalt?”
- “Das kann ich auch.”
- “Der mit der Fahne scheint voll wichtig zu sein, aber irgendwie auch nicht.”
Ich habe übrigens nachgezählt, es waren 9 verschiedene Moderatorinnen und Moderatoren in der Vorberichterstattung von ESPN. Wobei es nur eine Moderatorin war. Zwischendurch gab es noch Spielerinterviews, wobei das eher Sprüche aus Glückskeksen mit besonderer Betonung waren.
Nahe dem Spielbeginn schrieen auf einmal alle. Ein Rennfahrer hielt mit seinem IndyCar in der Menge, stieg aus und ließ sich gefühlt mehrere hundert Meter von 2 Damen auf dem Weg zu den Moderatoren begleiten. (Schätze es waren die beiden Konstrukteurinnen des Wagens, denen einfach nur total warm war.) Der ominöse Rennfahrer brachte einen noch ominöseren Umschlag. Der Inhalt: Die Tipps des jeweiligen Moderators. Aha, aha! Das Geschrei überschlug sich, wurde immer lauter und irgendwann konnte es endlich losgehen.
Die US-Hymne bei sportlichen Großveranstaltungen. Eine meiner Schwächen, wie ich zugeben muss. Ein bisschen so, wie bei New Yorker einkaufen. Gibt ja auch keiner zu. Wobei ich ein bisschen enttäuscht war, ich wollte das öffnen meiner Getränkedose perfekt timen, doch dann gab es gar keine Jets, die zur Hymne übers Stadion flogen. Menno! Dafür aber einen Kinderchor. Hach. Merken: Kinderchor > Kampfjets
Übrigens standen sich beim Super Bowl die beiden Mannschaften gegenüber, von deren Quarterbacks ich mir je ein T-Shirt während meines New York Besuchs im Herbst kaufte. Ich bin ein Sportorakel. Allerdings nur im urlaub. Machen sie was draus, liebe Sportberichterstatter.
Ein spannendes Spiel mit einem Sieger, für den auch ich an diesem Abend war. Glückwunsch, liebe New York Giants!

Ansonsten hier noch zwei wichtige Fragen, die während des Spiels aufkamen:
- Wonach riecht/schmeckt Root Beer? Das hat immer so eine Mischung aus Hustensaft / Kräuertbadezusatz und irgendwas, was man in Maschinen rein kippt, was eine eindeutige Zuordnung vollkommen unmöglich macht.
- Welche Unterwäsche tragen Footballspieler während des Spiels unter ihren Leggins. Nichts? String-Tangas? Eine lange Unterhose? Man konnte keinerlei Stoffrandabzeichnungen sehen. Interessant.
Wobei man, um es wirklich genießen zu können, nebenher einiges ausblenden muss und gar nicht erst hinterfragen darf. Jahrelang hatte ich mich zum Beispiel geärgert, dass nie die Siegerehrung im deutschen Fernsehen mit übertragen wurde. In der ARD zeigte man in den letzten Jahren dann zum Beispiel lieber das Nachtprogramm mit diversen Zugstrecken.
Auf ESPN aber bekam man die ganze Zeremonie natürlich zu sehen. Wenn schon zur Halbzeit Madonna in die Luft gejagt wurde, wer weiß, was sie zum Abschluss des Abends noch mal veranstalten würden? Nichts wars. Eine Spielerlegende im Rentenalter brachte die Trophäe aufs Spielfeld und lief einem etwa 7 Kilometer langen Gang zwischen den Spielern entlang. Jeder durfte mal kurz anfassen, küssen oder Hallo sagen. Zwischendurch gab es auch mal Leute, die sich irgendwie aufs Spielfeld geschmuggelt haben mussten und es dann vor einem Millionenpublikum im dreistelligen Bereich versuchten, sich selbst mit der Trophäe per iPhone abzulichten.
9 Stunden später war der Weg durch alle Spieler und Gäste gebahnt und die Trophäe kam an ihrem Ziel an. Ein Podest mit dem Besitzer des Clubs. Er bekam den Pokal und erzählte dann, wie toll die Fans doch wären. Und das war es dann auch im Großen und Ganzen. Waren die Bahnstrecken in der ARD also doch gar nicht mal soo schlimm.
Ich falle jetzt für etwas weniger als 3 Stunden ins Bett und hoffe, dass ich danach nicht als Teenage Mutant Ninja Turtle wieder aufwache, da sogar der Zucker der US-amerikanischen Getränke, die ich diese Nacht zu mir nahm, als genmanipuliert ausgezeichnet war.


Sweet Tooth Vol. 2:
Sweet Tooth Vol. 3:
Sweet Tooth Vol. 4:







