10. Februar 2015 | 21:39 Uhr


Auch im Jahre 2015 finde ich es irgendwie komisch, ein Smartphone mit mir rumzutragen. Nicht falsch verstehen, ich finde es super, was man mit dieser kleinen Kiste alles machen kann. Es beunruhigt mich nur irgendwie, permanent ein Ding im Wert von zwei Kühlschränken in der Hosentasche zu haben. Ich weiß nicht, ob ich jemals dieser Verantwortung gewachsen sein werde.

Vor einiger Zeit habe ich mir jedenfalls ein neues Modell genehmigt, wodurch diese Grundängste wieder in mir aufkamen. Schlimmer noch, das Handy fängt langsam an, Herr über mein Leben zu werden. Nicht etwa, weil ich nicht aufhören kann, darauf umzutippen, sondern weil es sich scheinbar zunehmend neue Wege überlegt, um mich dumm aussehen zu lassen.

Alles begann vor ein paar Wochen in einem Hotel in Hamburg. Für einen kurzen Weg dachte ich mir, zum ersten Mal das Navigationsfeature von Google Maps voll und ganz zu nutzen. So als wäre ich mit dem Auto unterwegs, nur eben ohne Auto. Im Fahrstuhl allerdings sagte mein Telefon mehrmals „KEIN GPS SIGNAL GEFUNDEN!“, was mir wegen Musik auf den Ohren erst nach dem dritten Mal auffiel. Zu spät, alle Anwesenden hielten mich zu diesem Punkt bereits für ein aufwändiges Bionikexperiment.

Schlimmer noch kam es, als ich letzte Woche mit dem Bosch Technikservice telefonierte. Am neuen Kühlschrank fehlte ein Bauteil. Man muss dazu wissen, dass der Bosch Technikservice eine ernste Angelegenheit ist. Da sitzen keine aufgeregten Studenten, die sich ihre Alkopos verdienen und keine Ahnung haben. Nein, da sitzen alte, allwissende Techniker, deren Unterton stets „du hast keine Ahnung“ vor sich hin säuselt.

Solltet ihr jemals die Seriennummer eures Kühlschranks suchen: Die hat ungefähr 200 Stellen und ist hinter der Gemüseablage versteckt. Während der Suche danach, machte sich mein Handy einen Spaß daraus und aktivierte das Tastenfeld auf dem Display. Während ich also angespannt versuchte, die Nummer richtig zu lesen, wählten meine weichen Teddybärwangen plötzlich Nummern auf dem Tastenfeld. Egal wie sehr ich mich konzentrierte und das Telefon anders hielt, immer wieder … tuuut. Mal länger, mal kürzer gedrückt.

Bei der Arbeit einer Technikhotline hat man wahrscheinlich schon sehr viel erlebt, aber irgendwann reichte es auch dem in sich ruhenden Bosch-Technikexperten am anderen Ende der Leitung: „Herr Herrmann, ich kann sie nicht verstehen, wenn sie die ganze Zeit die Tasten drücken!“ Ich hatte einen astreinen Homer Simpson gebaut. Danke Telefon, ich bin gespannt, was du dir als nächstes für mich einfallen lässt.

3. Februar 2015 | 17:37 Uhr


Fabian hat erstaunlich viel Zeit seines bisherigen Lebens mit Reisen verbracht. Für mich hat das unter anderem den Vorteil, dass er bizarre Oreo-Geschmacksrichtungen aus Asien mitbringt. (Ich möchte an dieser Stelle vom “Orange Ice Cream” Geschmack abraten, da er wie Zahnpasta schmeckt. (Nein nicht wie leckere Kinderzahnpasta mit Orangengeschmack!)) Ein weiterer Vorteil sind Turtles Erdnüsse, von denen ich an dieser Stelle allerdings abraten möchte, da sie das Crystal Meth unter den Knabbereien sind.

Die letzten Jahre seiner Reisen hat er nun in ein wunderhübsches Video gepackt. Und weil mit so einer langweiligen Weltreise (pah!) ja nun wirklich jeder daher kommen kann, trug er die ganze Zeit ein Panda Kostüm. Sogar mit tieferen Sinn:

The Loonely Panda. A global project capturing the journey of an endangered species in search for home and family.

Awww. Wenn ich daran denke, wie ich regelmäßig daran scheitere, ein zweites Paar Schuhe (Größe 47) für eine halbstündige Bahnfahrt irgendwo in meinem Gepäck unterzubringen, mag ich mir gar nicht ausmalen, was es für ein Stress sein muss, regelmäßig ein Pandakostüm von einer Zeitzone in die nächste mitzunehmen.

Viel Spaß mit dem Video und denkt künftig bitte dran, immer freundlich zu Pandas zu sein.

Ebenso empfehlenswert:
Der Loonely Panda bei Instagram

2. Februar 2015 | 18:43 Uhr


Meine Augen fühlen sich an, wie Meerestiere, die gerade ihren ersten Landgang machen und aufs Bürgeramt müssen während meine inneren Organe von Nachosauce gesäumt sind. Aber auch in diesem Jahr hat es sich wieder einmal gelohnt, den Schlaf auf ein Miminum zu reduzieren, um den Super Bowl zu schauen.



Das perfekte Ereignis für heimliche Eventfans wie mich. Auch wenn ich mir jedes Jahr vornehme, mehr von der Saison zu verfolgen. Aber so richtig funktioniert das hier einfach nicht. Dann eben doch die eine besondere Nacht im Jahr, in der letztlich eine Aktion über alles entscheiden kann. So wie auch irgendwann zwischen 4 und 5 Uhr morgens letzte Nacht.



Allerdings können diese Einzelaktionen gerade bei Nichtgelingen weitreichende Folgen haben. Ein besonders prekäres Beispiel habe ich neulich gelesen. Die Kausalkette ist dabei wie folgt:



1) Die Buffalo Bills haben 1970 einen Super Lauf und gewinnen alles. Bis ein einziger falscher Pass ein Spiel und die Serie ruiniert. 


2) Die Buffalo Bills erhalten dadurch den ersten Draft Pick und wählen O.J. Simpson


3) O.J. Simpson bleibt einige Zeit in Buffalo und lernt seine künftige Frau dort kennen. 


4) O.J. Simpson bringt einige Zeit später seine Frau um


5) Es folgt ein legendärer Prozess, den er dank seinem Anwalt gewinnt.


6) Sein Anwalt ist der Vater von Kim Kardashian, der dadurch auch gewisse Bekanntheit erlangt.


7) Der Anstoß für die Prominenz der Kardashians, insbesondere Kim Kardashian. Der Rest ist bekannt.



Wir fassen zusammen: Ein einziger falscher Pass ist Schuld an der bizarren Prominenz von Kim Kardashian.

Nun gut, bei einer kurzen, genaueren Recherche stellt sich heraus, dass diese Gedanken eines wahrscheinlich verwirrten Kiffers nicht so ganz der Realität entsprechen. Sagen wir mal zu 40%. Aber es verdeutlicht ja doch, was ein falscher/richtiger Pass alles zur Folge haben kann.

Bonus: Etwas faktenmäßig genauer erklärt Comedian Joe Rogan Kim Kardashian für Ausserirdische.

30. Januar 2015 | 12:33 Uhr


Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon angebracht habe, aber die einzige Sache*, bei der ich mich wirklich alt fühle, ist die deutsche YouTube-Szene. Nicht etwa, weil ich allein schon rein rechnerisch älter bin als die meisten ProtagonistInnen, sondern weil ich nicht verstehe, was sie da tun. Oder anders gesagt: Ich verstehe schon, was sie da tun, ich verstehe nur den immensen Erfolg der meisten Kanäle nicht. Schließlich werden da regelmäßig Sachen gemacht, die inhaltlich in etwa an Kartoffelbrei auf Altpapierbasis heran reichen. Woher kommt da all die Begeisterung?

Wenn man ein paar Ecken weiter denkt, weiß man natürlich auch, dass der Erfolg der größten Kanäle auf dem Prinzip beruht, dass dich Macher/innen Stars zum anfassen sind. So wirkt es jedenfalls. Schließlich sind sie ja keine Stars, sondern eine/r von uns! Und ohne all die vielen LikeZz und Kommis und ach ach ach wäre das ja nie möglich gewesen.

Umso ekliger dann wenn man sich einige erfolgreiche Exemplare anschaut und natürlich sofort das Kalkül dahinter erkennt, dem sich reihenweise Teenies hinterher werfen. In meiner Jugend waren es Boygroups und die Nippel von Mel B im „Wahnabe“ Video, jetzt sind es eben Schminktutorials und Longboardtouren.

Nach der anfänglichen Experimentierphase ist derzeit die Goldgräberstimmung in ihrer Hochphase und alles überschlägt sich ein bisschen. Aufgelöste Verträge hier, alle sind mindestens megareich nach drei Videos, Netzwerksterben da und überhaupt hünününü. Interessant ist es dazu zu sehen, wie, im Gegensatz zu angesprochenen Boygroups, die Erfolgskurven bei großen YouTubern wahrscheinlich noch schneller funktionieren. Nehmen wir mal Y-Titty als Beispiel. Ich gebe zu, ich kenne sie und ihre Arbeit nur mittelmäßig gut, finde aber ausnahmslos alles, was ich gesehen habe, furchtbar. Macht nichts, ich bin ja auch nicht die Zielgruppe. Umso interessanter, dass mittlerweile (so mein Gefühl jedenfalls) die drei Jungs nicht mehr die allzu größte Beliebtheit haben, da auch der letzte Teenager begriffen haben dürfte, dass sie eben nicht die spontanen Jungs von nebenan, sondern ein komplett durchkalkuliertes Produkt sind. Überraschung!

In jedem Fall ein interessantes Feld, zu dem mir hunderte Gedanken durch den Kopf schießen. Nur fehlt es mir für die fundierten Aussagen an Ahnung, weshalb ich lieber die Kresse halte und überhaupt gibt es so viele kritikwürdige Sachen, da weiß man ja gar nicht wo man anfangen soll.

Obwohl Jan Böhmermann (noch?) kein knallhartes Straßenrapalbum produziert hat, saß er kürzlich zum Interview mit Visa Vie zusammen und brachte dabei erstmals all meine Gedanken, die mir zu diesem aktuellen YouTube Zirkus in Deutschland so in den Sinn kommen, bestens auf den Punkt. Also am besten einmal zur medialen Weiterbildung anschauen und danach am besten der Teeniecousine schicken.

Wegen dem blöden Video habe ich jetzt total Lust auf eine kalte Fritz Cola, ich Werbekind.

* Das stimmt so nicht. Ich fühle mich regelmäßig bei Karriereenden von Fußballikonen der 90er und mittlerweile 00er Jahre sehr, sehr alt.

29. Januar 2015 | 11:51 Uhr


Zack Bumm, schon ist die Fashion Week wieder vorbei. Eigentlich ja frech, es als „week“ zu bezeichnen, wo der Spaß nicht mal ganze vier Tage gedauert hat. Man könnte fast meinen, da ginge es nur um Äußerlichkeiten. Da ich mittlerweile schon seit guten 10 Jahren dieses Blogdings mache, kommen regelmäßig zwei Mal im Jahr die Fragen, wohin ich denn dieses Mal eingeladen wurde. Als Blogger wird man ja schließlich überallhin eingeladen und bekommt auch sonst alles geschenkt. Blogger müsste man sein! Bin ich froh, dass mir das einfach so in die Wiege gelegt wurde und ich dafür absolut nichts tun muss. 


Wie sonst auch, ist das in Sachen Fashion Week aber auch nicht so einfach. Meine fancy Einladung kann ich im Frühjahr und Sommer an einer Hand abzählen. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen weil sich mein Sinn für Fäshion aus den beiden Faktoren „aus Versehen“ und „in Eile“ zusammen setzt. Zum Anderen weil ich keinen allzu ausgeprägten Fashion-Selbstdarstellungsdrang habe. Natürlich ist der ein Stück weit vorhanden, sonst würde ich hier ja gar nicht erst schreiben, allerdings reicht es bei mir nicht dafür aus, dass ich mich für eine Papptüte mit Unterhemd und Lip Gloss zwei Stunden in eine leerstehende, heruntergekommene Bahnhofshalle (urban!) stelle um Fotos davon zu machen.

Dementsprechend selten sind irgendwelche Einladungen. Umso schöner aber, wenn es Marken und Agenturen gibt, die mir trotzdem schreiben, weil sie das was ich mache schätzen und einzuordnen wissen. 



Hinzu kommt, dass ich derzeit im Umzugsmodus/chaos stecke und noch weniger in Fashion-Week-Laune als sonst war. Im Endeffekt hat es das aber nur noch interessanter gemacht. Folgende Situation: Seit 8 Uhr morgens stürze ich durch meine alte Wohnung für eine ereignisreiche Mischung aus letzte Kartons packen, Tapetenreste abkratzen, Bad putzen, Boden wischen, Wände streichen usw. Am frühen Nachmittag habe ich mir meinen einzigen Fashion-Week-Termin gelegt. Denn was ist das einzig fashionweekmäßige was zu stundenlanger Heimwerkerarbeit, inklusive rauer Hände und Farbe an den Armen passt? Arbeiterfashion! Jeans!

Auf zu Levi’s, die im eigenen Store eine neue Version des klassischen 501er Modells vorstellen. Wobei, noch nicht ganz. Erstmal aus meiner Latzhose raus (wie praktisch und bequem die sind, ich will nur noch Latzhose tragen!) und was langärmeliges drüber ziehen, damit man die Farbe an meinen Armen nicht sieht. Oder wäre genau das super trendy gewesen? Darf man bei der Fashion Week überhaupt das Wort „trendy“ benutzen? Und was war das überhaupt für ein Satz, der macht doch gar keinen Sinn, schließlich habe ich meine Latzhose ja nicht an den Armen getragen. Egal. Ab zu Levi’s.


Ich habe in meinem Leben keinerlei Erfahrungen mit psychedelischen Drogen gemacht, glaube aber, dass meine eingeatmete Mischung aus Citrus Bad-Reiniger, Backofenspray, Farbdämpfen und General Bergfrühling der Sache sehr nahe kam. Zumindest wirkte der Fashion Zirkus dadurch noch unterhaltsamer.

Die Fashion Week ist ja im Prinzip ein Raumschiff was zwei Mal im Jahr in Berlin kurz landet. Entweder man lässt sich darauf ein oder man betrachtet es aus der Ferne (und beschwert sich in 80% der Fälle darüber). Überhaupt habe ich in den letzten Jahren die Beobachtung gemacht, dass es mittlerweile viel nerviger ist, wie sich Leute (die damit absolut Nichts zu tun haben) über die Fashion Week beschweren als die Fashion Week selbst.

Aber zurück zu Levi’s und meinen psychedelischen Erfahrungen. Ich glaube Seeding Lounge nennt man es, wenn man Pressevertreter und Blogger einlädt und ihnen etwas in die Hand drückt, in der Hoffnung, dass sie es tragen und fleißig darüber berichten. Jetzt noch einmal bitte vorstellen: Ich habe vor 20 Minuten noch in einer Latzhose Tapeten abgekratzt und stehe nun in einem Tornado aus hauptsächlich jungen Fashion Bloggerinnen, die gerade ihre neue Lieblingsjeans ausprobieren.

Lustig, wenn man bedenkt, wie man vor Jahren (und oft genug auch heute noch) als absoluter Alien behandelt wurde/wird, wenn man das Wort Blogger sagt und im Gegensatz dazu nun junge Fashionbloggerinnen sieht, für die es das normalste der Welt ist, dass sie super wichtige Faktoren für diverse Marken sind und in den meisten Fällen dementsprechend auftreten. Abgesehen vom Tech-Bereich „funktioniert“ Bloggen wahrscheinlich nirgends so gut, wie in Sachen Fashion. In beiden Bereichen gibt es zudem auch (neben einigen Positivbeispielen) eine sehr hohe Klischeetrefferquote.

Die Vanish Oxi Action Power Spray Mega XXL Reste in meinem Kopf schärften jedenfalls meinen Blick und die damit verbundene Unterhaltsamkeit diverser kleiner Blogprinzessinnen, deren Menge an Make-Up antiproportional zu den Regungen in ihren Gesichtern stand.

Sorry Levi’s, aber den Trubel rundherum fand ich fast interessant als die Jeans. Immerhin habe ich aber zum Beispiel gelernt, dass man in der Einzahl tatsächlich „Jean“ sagt. In welchem Fashion Blog kann man schon solche Fakten erfahren? Ich kenne keinen!

Als die ersten Levi’s 501 auf den Markt kamen, gab es außerdem noch gar keine Fashion Blogs. Die kamen erst etwas mehr als 200 Jahre später dazu. 2015 gibt es nun erstmals ein neues, modernes Model der Jean (!), die Levi’s 501 CT. Das CT steht dabei nicht für Connecticut, sondern für „customized & tapered“. Was wiederum bedeutet, dass die Hose je nach Ausführung im Look angepasst wurde und an den Beinen enger geschnitten ist.

Wahrscheinlich gibt es modisch nichts, was sich so schön personalisieren lässt wie eine Jeans. Bei Levi’s hat man deshalb einfach mal darauf geachtet, was die Kundinnen und Kunden am häufigsten an ihren Jeans ändern lassen und für die 501 CT übernommen. Das Ergebnis ist der bereits erwähnte, engere Schnitt an den Beinen und verschiedene Ausführungen wie down-sized, true-to-size oder up-sized. Wenn ich das jetzt aber auch noch erkläre, werde ich doch total unglaubwürdig. Im Wesentlichen ist es aber wie die aufgebrachte Zeit beim Jeans-Kauf und die damit verbundenen Folgen. Entweder nimmt man sich Zeit und sie passt perfekt (true-to-size) oder man macht schnell schnell, kauft sie deshalb etwas zu klein (down-sized) oder zu groß (up-sized) und redet sich das danach dann schön. Ha!

Ich mache mir jetzt jedenfalls Löcher in die neue Jeans und erfreue mich an dem Gedanken, dass etwas, was mal für den Goldrausch vor 200 Jahren in den Tiefen der USA entwickelt wurde, auch heute noch von modischer Bedeutung ist. Wie lustig wäre es doch, würde man das mal umkehren: Ja, diese Jeans wurde vor 200 Jahren für Modebloggerinnen entworfen und wurde nun gibt es erstmals ein neues Modell, welches Goldsuchern und Hafenarbeitern gerecht wird.

22. Januar 2015 | 1:03 Uhr


Wahrscheinlich lag es daran, dass mein Bart mittlerweile so lang war, dass mein Umfeld minütlich mit einem Akustik-Album von mir rechnete. Jedenfalls entschied ich mich vor anderthalb Jahren dazu, meinen Sommerurlaub in Norwegen zu verbringen. Und zwar nicht in der Sonne an einem Fjord, sondern in einer Hütte irgendwo tief im Wald auf einem Berg, ganz ohne Strom, fließend Wasser und – am allerwichtigsten – Handynetz.

Tut dem Kopf sehr gut, habe ich gemerkt. Blöd war nur, dass es beinahe die ganze Woche lang durchweg geregnet hat. Statt also wie ein Wiesel jeden Tag ordentlich Kilometer quer durch den Wald zu machen, hatte ich mich binnen Minuten in einen menschlichen Schwamm und musste wohl oder übel in der Hütte bleiben. In dieser Zeit habe ich eine neue Vorliebe für Kreuzworträtsel entwickelt.

Außerdem hatte ich mir “Wild – Der große Trip” von Cheryl Strayed eingepackt. Das Buch einer Frau, die sich am Tiefpunkt ihres Lebens dazu entschieden hat, dem Pacific Crest Trail entlang zu wandern. Ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht. Der Titel klang nach Wildnis und wenn ich zwischen all der Wanderei und Wildnis noch ein bisschen mehr Wanderei- und Wildnis-Stimmung bräuchte, würde ich mich halt kurz damit beschäftigen. Nun sorgte aber der aber Regen dafür, dass ich mich wahrscheinlich mehr mit diesem Buch, als mit dem Wald rundherum beschäftigte (und dabei nicht nur einmal mit einem Kloß im Hals in meiner kleinen Hütte saß).

Kurzform: Mit gerade Mal 45 Jahren stirbt ihre Mutter an Krebs, was das Leben von Cheryl Strayed komplett aus der Bahn wirft. Ihre Ehe geht in die Brüche und sie rutscht immer tiefer in die Heroinsucht. Nach einer Abtreibung entscheidet sie sich, ihr Leben zu ändern. Durch Zufall fällt ihr ein Buch über den Pacific Crest Trail in die Hände und einige Tage später steht sie mit Wanderschuhen in der Mojave-Wüste und fragt sich bereits nach wenigen Metern, was der Scheiß eigentlich soll.

Klingt auf den ersten Blick wahrscheinlich nach schlimmen Selbstfindungskitsch erster Güte, ist es aber glücklicherweise nicht. Stattdessen ein feinfühliges Drama was zwischen Strapazen in der Wildnis und Rückblicken zu eigenen Erinnerungen. Am meisten lernt man bei solchen Touren letztlich ja doch über sich selbst. (Und über Instant-Mahlzeiten.)

Die Tour machte Cheryl Strayed zwar bereits Anfang der Neunziger, das Buch dazu erschien aber erst 2012. Und schon einige Monate bevor das Buch in den Handel kam, sicherte sich Reese Witherspoon die Filmrechte daran. Wohl auch einer der Gründe, warum sie in der Rolle so aufblüht und von Sexszene über Heroin spritzen bis hin zu stinkig durch die Wildnis trotten ausnahmslos alles mitmacht. Es sagt wahrscheinlich viel über Hollywood und generell das Frauenbild aus, dass es derart auffällt, dass Reese Witherspoon die ganze Zeit ungeschminkt ist. Beziehungsweise so geschminkt ist, dass sie so aussieht, als wäre sie nicht geschminkt. Jedenfalls ist auch das einer der vielen Bausteine, die dazu beitragen, dass der Film so authentisch ist.

Anfangs ist es, denke ich, noch etwas schwierig in den Film reinzukommen, wenn man das Buch nicht kennt, da es sehr oft Gedankensprünge gibt. Doch umso klarer die Gedanken der Protagonistin werden, umso mehr wird es auch der Film. Im Prinzip der perfekte Film zum Jahresanfang, da er zum einen an mehr Bewusstsein für so manche Dinge im Leben erinnert und zum anderen ein guter Anstoß für so manches Vorhaben sein kann. Hach.

15. Januar 2015 | 19:14 Uhr


Bert Kreischer ist ein mittelmäßig bekannter US-Comedian, der zum Beispiel seine erste Aufmerksamkeit dadurch erlangte, dass er 1997 vom Rolling Stone Magazine als bester Partyveranstalter und -gast an seinem College ausgezeichnet wurde. Letztlich ging das sogar so weit, dass kurz darauf ein Kinofilm entstand, der auf seinen Party-Erfahrungen am College basierte.

Wenn ich dabei nun an meinen eigene Studienzeit denke, fällt mir ein, dass solche Leute immer wahnsinnig anstrengend waren, aaaber zugleich auch die interessantesten/abgedrehtesten Geschichten erlebt haben. Bei Bert Kreischer ist das ähnlich. Seit Jahren erzählt er deshalb die großartige Geschichte über seinen Russland-Besuch, als er kurzzeitig zu “ya mashina” wurde.

Kurzfassung: Eigentlich wollte er einen Spanisch-Kurs an der Uni besuchen. Setzte sic allerdings versehentlich in einen Russisch-Kurs. Als er den Kurs deshalb wieder verlassen wollte, machte die Dozentin einen Deal mit ihm. Der Kurs braucht mindestens 14 Teilnehmer/innen um statt zu finden. Würde er nun abspringen, wären es nur noch 13 und der Kurs (= ihr Job) damit in diesem Semester passé. Deshalb der Deal: Er bleibt im Kurs, muss nichts machen, bekommt am Ende aber trotzdem mindestens ein C. Das hat er ganze 4 Semester so durchgezogen, als es dann tatsächlich zur Exkursion nach Russland ging. Und dann wird es interessant …

Zwölf mehr als unterhaltsame Minuten:

Und weils so schön ist, gibt es hier noch eine animierte Version der Geschichte:

8. Januar 2015 | 13:54 Uhr


Ich bin großer Fan von Listen am Jahresende. Jede halbwegs okaye Musikzeitschrift blättere ich durch, um zu sehen, was denn nun die Alben des Jahres sind. Obendrein schaue ich jede Jahresrückblick-TV-Sendung auch wenn die alle nach dem gleichen Irgendwas mit Helene Fischer + Irgendwas mit WM funktionierten.

2014 war (abgesehen von Helene Fischer und der WM natürlich) weltpolitisch gesehen, wohl nicht das beste Jahr. Glücklicherweise gibt es aber genug Menschen, die sich die Mühe machen dennoch, die noch so kleinen lustigen Fitzel, die irgendwann, irgendwo mal im Netz passiert sind, zu einem großen Klumpen Internetgold verschmelzen. Und bitte …

Fangen wir erstmal ganz harmlos an, mit den besten News Pannen 2014. Inklusive tanzenden Einhörnern, kleinen Häschen oder dem Winterdienst.

Wenn es schon Musikjahrescharts gibt, dürfen natürlich auch nicht die besten “Misheard Songlyrics” fehlen. Wobei ich bei gut 70% bisher davon ausgegangen bin, dass es sich dabei um den tatsächlichen Songtext handelt. Girl, I shit on you.

“People are awesome” ist jedes Jahr eine meiner Lieblingscompilations. Man schaut sich einfach drei Minuten lang an, wie Menschen tolle Sachen machen und hat danach auch total Lust darauf RAUSZUGEHEN UND IRGENDWO RUNTER ZU SPRINGEN ODER SO!!!!

Der Mensch an sich kann aber Fails noch viel besser als tolle Sachen, weshalb das Video dazu gleich acht Mal so lang ist:

Und wem diese Stunde voller Internetgold immer noch nicht genug war, kann sich obendrein auch noch diese siebenminütige Zusammenfassung (aus 233 Videos) von allem, was man 2014 auf YouTube sonst noch so gesehen haben sollte, anschauen:

Ach egal, eins geht noch …

Und wer jetzt immer noch Zeit hat, kann sich hier eine Dreiviertelstunde lang die besten Vines des Jahres anschauen:

7. Januar 2015 | 15:06 Uhr

© Elya / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Meine Güte, wird das langsam anstrengend mit der PEGIDA und ihren ganzen Ablegern. So nervig wie dieser Verein ist, so schön ist es aber auch zu sehen, wie viel Gegenwind er auf den Straßen bekommt. Dennoch tue ich mich irgendwie schwer mit der Pauschalisierung, die vor allem im Netz zu lesen ist. Das sind alles Nazis und die sind alle fürchterlich dumm! Gewiss sind da ein großer Anteil Nazis und ein noch größerer Anteil dummer Menschen dabei, aber wirklich alle? Seitens Befürwortern der PEGIDA kommt schnell das Argument, dass es doch schließlich nicht sein kann, dass zehntausende Menschen, die für etwas einstehen nicht alle dumme Nazis sein können.

Doch, kann schon sein. Ganz so drastisch würde ich es allerdings nicht sehen. Natürlich stehen sie da für etwas fremdenfeindliches, dummes ein, was man mit ein paar Argumenten komplett aushebeln kann, aber sind sie deshalb gleich alle dumme Nazis? Ich halte mich selbst nicht für dumm (was oftmals ein Zeichen von Dummheit ist, verdammt!) aber tue dennoch viel zu oft dumme, unüberlegte Sachen. Keine Sorge, ich sympathisiere in keinster weise mit PEGIDA und Konsorten, finde es aber auch nicht gut die Menschen, die sich dafür einsetzen als komplette Idioten abzustempeln. Damit macht man es sich dann doch etwas zu einfach und ich glaube, auf lange Sicht bewirkt das eher das Gegenteil, als den gewünschten Effekt der Besserung. Klar, kein Fuß breit der Fremdenfeindlichkeit, aber es ist gewiss nicht schlecht, auch mal zu hinterfragen, wieso Vereine wie die PEGIDA plötzlich so viel Zuspruch bekommen.

Im Kern mag es um Angst vor Islamisierung gehen, aber letztlich ist das ja nur ein willkommener Deckmantel, um angestauter Fremdenfeindlichkeit Luft zu machen. Während man es sich zwei Mal überlegt, ob man in der Öffentlichkeit direkt gegen Ausländer und Zuwanderer wettern sollte, fühlt es sich doch gleich viel gesellschaftlich akzeptierter an, sich gegen den Islam auszusprechen. Da werden Frauen wie Tiere behandelt und überhaupt gibt es da andauernd Attentate, man kennt das ja. Eben das ganz klassische, “Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber …”.

Ein ähnliches Prinzip gibt es übrigens auch in Berlin unter reflektierten, gebildeten Menschen. Die sprechen sich zum Beispiel stark gegen Fremdenfeindlichkeit aus, lassen dann aber auch kaum eine Möglichkeit aus, um gegen diese fürchterlich nervigen Touristen zu wettern. Oder der Ur-Berliner an sich pocht auch jedes Jahr zur Weihnachtszeit nur allzu gern darauf, wie schön leer und angenehm die Straßen doch sind, wenn die ganzen Zugezogenen endlich Mal aus der Stadt sind. Das ist natürlich nicht so ernst zu nehmen, wie Fremdenfeindlichkeit getarnt als Islamhass und ein leicht hinkender Vergleich aber es funktioniert immerhin nach einem ähnlichen Prinzip.

Auch ich bin einer dieser zugezogenen Berliner (die sich sonst was einbilden, ey!) und fahre mehrmals im Jahr in meine Thüringer Heimat. Es sind meine Wurzeln irgendwo tief in der ostdeutschen Dörflichkeit, die mich PEGIDA-Anhänger nicht sofort alle als dumme Nazis abstempeln lassen. Fangen wir dafür mal etwas weiter hinten an. In meiner Jugend gab es in meine Heimatdorf die wahrscheinlich einzige Skater-Bahn Deutschlands, auf die schlecht leserlich “White Power” geschrieben wurde. Das allgemeine Phänomen, dass die Ausländerfeindlichkeit antiproportional zur Anzahl der dort lebenden Ausländer war, gab es auch hier. Je kleiner das Dorf war, umso höher war der Anteil von Jugendlichen mit kurz geschorenen Haaren und olivgrünen Bomberjacken. Übertrieben gesagt, gehörten jugendliche Neonazis an der örtlichen Bushaltestelle genauso zum Ortsbild, wie das Ortseingangsschild. In meinem Dorf erfüllten sie sogar das Klischee, dass die einzigen Ausländer die sie kannten, die beiden Mitarbeiter eines Dönerladens waren, bei dem mehrmals in der Woche gegessen wurde.

Mittlerweile scheint das alles glücklicherweise sehr viel weniger geworden zu sein. Aber ich weiß noch wie überraschend ungewohnt es für mich war, als ich mit 18 Jahren nach Bielefeld zog und es dort nirgends offensichtlich erkennbare Neonazis gab. Wie schön! Weil es die einzige wirkliche Jugendbewegung in meinem Heimatdorf war, kam auch ich in sehr jungen Jahren damit in Berührung und bekam zum Beispiel mal eine Landser Kassette zugesteckt. In der dörflichen Idylle gab es nicht viel, was sich so sehr nach Rebellion anfühlte, wie die Kassette einer illegalen, hasserfüllten Band. Glücklicherweise war das absolut nichts für mich und mir wurde sehr schnell klar, dass nicht nur die Musik, sondern auch die Inhalte von Rage Against The Machine sehr viel besser waren.

Letztlich waren die jungen und erschreckend gewaltbereiten Neonazis nur ein Ausdruck von Rebellion aber Fremdenfeindlichkeit an sich viel weiter verbreitet. Die Erfahrung in einer Gegend aufgewachsen zu sein, in der besagtes “Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber …” sehr normal ist, lässt mich etwas anders auf die ganze PEGIDA Bewegung blicken. Man muss einfach mal schauen, was viele Leute dazu bewegt unter diesem Deckmantel der Islamkritik gleich sonst was los zu werden. Ich denke, dass es (zumindest im Osten) im Wesentlichen eine Mischung aus Angst ist, die zu einer eh schon vorhandenen Opferrolle dazu kommt.

Zur Erklärung: In meinem Heimatdorf gibt es keine Ausländer. Früher gab es 5km entfernt mitten im Wald ein Asylantenheim. Pro Asyl schrieb später mal darüber, dass es ein Exempel statuieren sollte, wie die damalige Thüringer Regierung zur Asylpolitik steht. Wenn es sich schon nicht vermeiden lässt, Asylanten aufzunehmen, dann doch so, dass sie am liebsten gleich wieder gehen möchten. Der Gebäudekomplex stand wirklich komplett abgeschnitten von der Umgebung mitten im Wald, so dass man normalerweise gar nichts damit zu tun hatte. Meine Mutter arbeitete damals allerdings dort weshalb ich es als Kind besser kannte und mir aber natürlich nichts weiter dabei gedacht hatte. Wenn man vom Rest der Welt nichts kennt glaubt man eben, dass Asylantenheime ziemlich genau so aussehen. Erst Jahre später wurde mir bewusst, was dort eigentlich los war, als ich zufällig las, dass sich sogar Amnesty International gegen die Gepflogenheiten in diesem Heim einsetzte (was letztlich, glaube ich, auch der Grund für die Schließung war).

Der Gebäudekomplex stand wie gesagt wie eine Festung mitten im Wald. Rundherum Zäune und Stacheldraht und wenn man raus oder rein wollte, musste man durch eine Drehtür gehen und sich beim Wärter entsprechend an oder abmelden. Für alle Bewohner gab es eine Art Bewohnerausweis, mit dem man sich regelmäßig melden musste. In einem Brief an verschiedene Menschenrechtsorganisationen schrieben einige Flüchtlinge damals:

Wir, Flüchtlinge des Aufnahmeheims LGU “Neues Haus” in 99889 Georgenthal senden auf diesem Weg einen Notruf aus totaler Hoffnungslosigkeit, psychologi-scher Abnutzung, die ihren Höhepunkt erreicht hat. Im Namen des Menschenrechts bitten wir um Hilfe dadurch, dass Sie uns einfach unangekündigt besuchen. Wir benutzen das Wort “unangekündigt”, weil bei einem angekündigten Besuch ein riesiger Wandel des Verhaltens der Behandlung stattfindet.
Noch einmal: Wir bitten um Hilfe als Menschen, Sie, Sie werden uns vielleicht erhören.

- Die Flüchtlinge des LGU “Neues Haus” 99887 Georgenthal (ehem. “Tambach-Dietharz”)

(… )

“Wir sind isoliert, weg von der Welt”. Das ist das größte Problem.
Alle nachfolgenden Punkte sind im Zusammenhang zu sehen, die Auswirkungen auf unsere Psyche haben, weil wir hier oben so isoliert leben.
Wir sind hier willkürlichen Behandlungen ausgesetzt, die keiner erfährt, weil wir hier oben auf dem Berg weg- und eingesperrt worden sind, schlimmer als Gefangene. Wir sind aber keine Gefangenen und deshalb wissen wir nicht, warum man uns hier so behandelt.”

Ein Vorzeigebeispiel für schlechte Integration und ihre Folgen. In meinem Dorf wusste scheinbar niemand so wirklich von dieser Lage. Zumindest kam es mir als Kind so vor. Alles was man hörte war, dass es da oben wohl komische Zustände gäbe und die sich sonst wie aufführen würden. Ja Überraschung, dass sich Menschen wie komische Gefangene aufführen, wenn man sie wie komische Gefangene hält. Erschwerend hinzu kam, dass es unter Menschen ja generell Minimum 10% Idioten gibt, was natürlich auch bei Flüchtlingen der Fall ist. So gab es des öfteren berüchtigte “Rumänenbanden”, die nach der Geldausgabe verschwanden und dann nicht wirklich gesetzesgetreu waren. Einbruch, Autodiebstahl, Zerstörung etc. Es hat die allgemeinen Verbrechensstatistiken nicht wirklich angehoben, aber natürlich bleibt so etwas gerade im Dorf eher in den Köpfen der Leute hängen.

Das bitte im Hinterkopf behalten, wir machen einen kurzen Themensprung: Von den etwa 4000 Einwohner/innen in meinem Heimatdorf dürfte so gut wie keiner arbeitslos sein, da es mehrere große Fabriken gibt, die Arbeitgeber für das ganze Umland sind. Zur Wiedervereinigung wurden einige davon von Investoren aus dem Westen übernommen und kurz darauf beinahe gegen den Baum gefahren. Und wenn nicht dann, dann eben beinahe zur Wirtschaftskrise vor einigen Jahren. Alle haben es gerade so geschafft, sind aber verständlicher Weise nicht allzu gut auf die Geschäftspartner im Westen zu sprechen, da es hierbei wohl einfach zu viele Schwarze Schafe gab (und gibt). Generell ist das Ost/West Thema in meiner beschaulichen Thüringer Heimat auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung sehr vorherrschend. Sei es nun bei den Menschen an sich, oder der latente West-Hass der gerne mal bei den Nachrichten im MDR mitschwingt. (Disclaimer: Ich schaue jetzt nicht allzu oft MDR, aber mir wurde schon mehrmals davon berichtet.)

Es gibt also diese grundlegende Opferrolle, in die viele hinein geraten sind. “Mit uns kann man’s ja machen” und so weiter, was trauriger weise in den meisten Fällen auf entsprechenden Erfahrungen beruht. Aus der Ferne dürfte es für ein Mindestmaß an Verständnis reichen, wenn man sich einmal die blanken Zahlen anschaut. Nehmen wir zum Beispiel mal einen Maschinenbautechniker aus einer der Fabriken in meinem Heimatdorf. In Thüringen verdient er laut dieser Datenbank durchschnittlich rund 2200€. Ein paar Kilometer in Hessen gibt es für denselben Job schon 3000€ und noch etwas weiter in NRW 3200€. 1000€ mehr für den gleichen Job, die gleiche Zeit, den gleichen Aufwand. Was will man da als Argument gegen besagte “Mit uns kann man’s ja machen” Opferrolle bringen?

Einige der Fabrikhallen gehören einem Arbeitgeber, der seit Jahren dafür bekannt ist, dass er die Gehälter weit unter die jetzige Mindestlohngrenze gedrückt hat. Letztlich sind die Leute abhängig von ihm und machen sein Spielchen von schnellstmöglicher Wachstum auf Kosten der Arbeitnehmer Spielchen mit. Seit einiger Zeit gelang ihm dabei ein weiterer Clou um die Gehälter weiterhin zu drücken. Der EU sei dank holte er zahlreiche rumänische Gastarbeiter, die für das Wohl ihrer Familien Zuhause die Billiglöhne dankend in Kauf nahmen. Wirklich viele sind es auch nicht, von dem was ich weiß, würde ich 10 – 20 schätzen. Was aber in einem Dorf so ganz ohne Ausländer natürlich sofort auffällt und seit Jahren entsprechend Gesprächsthema ist.

Denn addieren wir Mal kurz alles zusammen: Deine Jobsicherheit ist zwar halbwegs okay, aber ein paar Bundesländer weiter würdest du 1000€ mehr bekommen. Einfach so. Stattdessen werden Gastarbeiter in dein Dorf geholt, die teilweise Facharbeiter sind und zudem bereit sind, deinen Job für sehr viel weniger Geld zu machen. Du hast also legitime Angst um deinen Job und dann sind das auch noch Rumänen, von denen man sonst noch nie was gehört hat, ausser Anfang der 90er, als hier ein paar davon Autos geknackt haben und regelmäßig den Hobbyraum im Flüchtlingsheim zerlegt haben.

Wenn man dann noch eher zur BILD als zur taz greift, wird aus dieser Fremdenangst schnell Fremdenhass. Das hat mit dem Islam zwar erstmal nichts zu tun, aber die PEGIDA ist trotzdem ein super Ventil dafür. Ich möchte damit in keinster Weise Fremdenhass oder Ähnliches legitimieren, wollte damit aber nur erklären, dass ich glaube, dass zumindest in meiner Heimat sehr viele Menschen solchen Spinnern wie der PEGIDA oder AfD in die Arme laufen, nicht etwa weil sie von Grund auf Nazis sind, sondern weil sie schlichtweg Angst haben. genauer gesagt Angst vor etwas, was sie gar nicht kennen (können).

Wirft man solchen Menschen jetzt an den Kopf, dass sie dumme Nazis sind, dürfte das im Wesentlichen zwei Dinge zur Folge haben:
a) Sie denken “Stimmt, jetzt wo das so viele Leute sagen, fällt mir auf, dass es irgendwie ganz schön dumm ist, was ich hier mache.” und gehen friedlich nach Hause.
b) Sie denken “Ja genau, als hättest du eine Ahnung von meiner Situation und Beweggründen, hier fühle ich mich wenigstens verstanden” und verhärten ihren Standpunkt.

Option a dürfte dabei nicht wirklich erfolgsversprechend sein. Denke ich zumindest, aufgrund meiner Erfahrungen. Natürlich ist es gut und richtig klar und deutlich Stellung gegen solche schlimmen Bewegungen zu beziehen. Nur glaube ich auch, dass es oftmals mehr Verständnis und sogar Einfühlvermögen braucht. Es ist zu einfach, allen Menschen einen Stempel aufzudrücken und sie damit als dumm abzutun. Auf lange Sicht bringt das außerdem rein gar nichts. Genau zu diesem Thema gab es im gestrigen heute-journal ein sehr interessantes Gespräch mit Hans-Joachim Maaz, der sogar von den Gefahren einer Gesellschaftsspaltung spricht, wenn es einfach so weiter geht. Herr Maaz scheint da einen ähnlichen Standpunkt wie ich zu haben. Zu seinem Interview mit dem Deutschlandfunk heißt es:

Die Beweggründe der Pegida-Demonstranten in Ostdeutschland müssten verstanden und analysiert werden, sagte Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Vorsitzender der Stiftung Beziehungskultur in Halle, im DLF. Eine Protestbewegung gegen Pegida, die lediglich “Wir gut, ihr schlecht” transportieren würde, sei kein gutes Zeichen und führe zur weiteren Spaltung der Menschen in Deutschland.

Es sei ein großer Fehler zu glauben, es ginge den Pegida-Anhängern wirklich um das Thema gegen den Islam. Es sei viel mehr und viel differenzierter, ergänzte Maaz. Man müsse verstehen, dass man auch gemeinsam Probleme zu bewältigen hätte. Diese hätten sehr viel mehr mit Finanzkrise, Umweltproblemen und sozialen Konflikten zu tun. Das alles würde eine Rolle spielen und müsste sehr kritisch analysiert und verstanden werden.

Mit dem Thema Islamisierung gebe es viele Menschen, die denken würden, sie hätten einen Aufhänger, ein Thema, unter dem man sich versammeln kann. “Ich bin ganz sicher, das Thema ist ein Ersatzthema, es gibt tatsächlich eine reale Bedrohung, aber es ist ein Ersatzthema, in dem viele andere Themen verborgen sind.” Das wäre die Aufgabe der politischen Analyse. In Ostdeutschland gebe es viele Enttäuschungen über die Wende und nicht erfüllten Hoffnungen.

Ich wünschte also, statt dem “wir gut, ihr schlecht” gäbe es (wie bei allen anderen Problemen übrigens auch) häufiger eine ruhige, sachliche Herangehensweise die Fakten zeigt. Das kann zum Teil sehr einfach sein, wie diese schöne Übersicht von Radio Fritz:

Natürlich sind einige wirklich dumme Nazis dabei, denen eh nicht zu helfen ist und bei anderen wird der Dunning-Kruger-Effekt greifen, aber wenn auch nur ein Teil der Leute einen Aha-Moment bei diesen Fakten hat, ist dabei schon sehr viel mehr getan als mit“OMG IHR SEID SOLCHE NAZIS FAILFAILFAIL!!!!!111!11″. Wahrscheinlich würde ich auch viel eher so denken, wenn ich eben nicht meine Erfahrungen aus der Dorfheimat im Osten hätte. Denn dadurch weiß ich auch, dass Deutschland zu großen Teilen eben sehr viel näher an den Kommentarspalten bei der BILD ist, als bei der Kassenwarteschlange neben fair gehandelten Schokolade im Bio Markt die ich mir gleich hole, wenn ich diesen Text endlich fertig habe. Es wäre schön, wenn es so wäre, ist es aber nicht. Und damit muss man sich eben arrangieren und etwas tun, damit es. zumindest in kleinen Teilen, besser wird. Mit Pauschalisierung kommt man da nicht weit, da tut man eher der Gegenseite einen Gefallen und bewirkt das Gegenteil. Also: Ruhig bleiben, nachdenken und Beatles hören.

PS: Und während ich knapp drei Stunden an einem Text für mehr Verständnis und Offenheit schreibe, gab es in Paris einen blutigen Anschlag auf eine Satirezeitung, die seit Jahren bekannt für ihre Mohammed-Karikaturen ist. Ach Menschheit, was bist du manchmal scheiße.

5. Dezember 2014 | 23:31 Uhr


Es fühlt sich zugegebener Maßen ein bisschen wie eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit an, wenn man als mittlerweile konzertverwöhnter Berliner, für den Auftritt einer Band extra in eine andere Stadt fährt. Das kommt schließlich wahrlich nicht oft vor, aber was tut man nicht alles für Machine Head, die aus irgendeinem Grund seit über 5 Jahren (oder?) nicht mehr in Berlin gespielt haben.

Sollte es eines Tages mal eine Musik-Arche geben und die Thrash-Metal Kabine frei bleiben, weil James Hetfield gerade in den Wäldern Sibiriens auf Bärenjagd ist, müsste man sofort Robb Flynn von Machine Head nachnominieren. Wie passend also, dass die Große Freiheit 36 von innen dank den Holzpaneelen an der Decke mit viel Fantasie wie das Innenleben eines Schiffs aussah.

Wobei für die Bühne die Beschreibung “Clubhaus” besser passte. Denn so viel Verlass wie auf die Riffs von Machine Head ist, so viel Verlass ist auch auf deren Fehlen für jegliches ästhetisches Empfinden. Es scheint die altbekannte Metal-Faustregel zu gelten: Je geschmackloser es aussieht, umso besser klingt es. Das Bühnenbild besteht im Wesentlichen aus mehreren (nicht unmittelbar kombinierbaren) Flaggen, welche die Bühne wie einen ausstaffierten Schuhkarton aussehen lassen. Das Schlagzeug steht auf einer Konstruktion in gefühlten zwei Metern Höhe und rundherum zieren ganze 14 Bandlogos die Bühne. 14. VIERZEHN! Aber Machine Head darf das und das wird sich im Laufe des Abends noch zeigen.

Spätestens jedenfalls als zwei Gitarristen und Bassist der zweiten Vorband sich zu einer Pyramide formierten, stieg in mir das wohlige Gefühl auf, endlich mal wieder auf einem richtigen Metalkonzert zu sein.

Die 14 Bandlogos wurden noch mal kurz gerichtet, bevor die Dunkelheit im Saal durch die Anfangstöne von “Imperium” gebrochen wird. In den YouTube Kommentaren zum Video des Songs steht: “Chuck Norris does not speak. When he opens his mouth ‘Imperium’ by Machine Head comes out.” und treffender könnte man es gar nicht beschreiben. Es ist der Auftakt für zwei energiegeladene Stunden, die sich jede Band als Blaupause für ein perfektes Konzert in das Regal stellen kann. Meine Güte!

Und das lag nicht nur an der Band allein. Ich war zuvor noch nie in der Großen Freiheit 36 und musste mir schmerzlich eingestehen, dass ich 28 Jahre meines Lebens einen der wahrscheinlich besten Konzertsäle Deutschlands ausgelassen hatte. Mit einem Fassungsvermögen von etwa 2000 Besuchern die perfekte Größe, ein unverbauter Blick auf die Bühne, Hamburger Charme und eine Akustik so schön wie eine kalte Dosencola am Strand von Teneriffa.

Als Kopf von Machine Head ist Robb Flynn eine Art lebendiges Metal-Maskottchen. Der Mann weiß alles, kann alles und hat in den über 20 Jahren Bandgeschichte wahrscheinlich auch schon alles erlebt. Und das Schönste daran ist, dass er dabei wahnsinnig authentisch ist. Jede noch so pathetische Songankündigung nimmt man ihm ohne den geringsten Zweifel ab und das nicht zuletzt auch deswegen, weil man bei jeder Bewegung im Scheinwerferlicht sehen kann, wie ihm der Schweiß literweise vom Körper fliegt.

Dennoch ist es keine Robb-Flynn-Show und Machine Head präsentieren sich als wahnsinnig gute Einheit. Kein Song, kein Moment bei dem nicht alles wie ein perfektes Uhrwerk zusammen funktionierte und sich die Band zunehmend in Rage spielte. Es war einfach so wunderbar zu sehen, wie gut die Chemie zwischen Band und Publikum stimmte. Ehrliche Freude auf Seiten der Band über Aktionen des Publikums wie diese hier, festgehalten von meinem Metalroadtripbegleiter:

Und wahrscheinlich ist es auch ein Qualitätsmerkmal der Neuzeit, dass man während des gesamten Konzertes äußerst wenige, leuchtende Handydisplays im Publikum sah. Nach zwei Stunden neigt sich das Konzert dem Ende und man wundert sich ein wenig, wie viele Hits noch fehlen, obwohl andererseits doch auch nur Hits gespielt wurden. Und überhaupt: Warum spielen Machine Head einerseits als Headliner auf Festivals, andererseits auf ihrer Tour nur in 3000er Hallen? Oliver sagte das wäre, weil Machine Head keine jungen Fans zieht. Und tatsächlich sieht man mehr schüttes Haar, als Minecraft-Shirts. Was für ein Frevel, wo diese Band mit diesem Abend doch ein weiteres Mal bewiesen hat, dass sie eins der weltweit besten Beispiele dafür ist, warum man Konzerte besucht.

Ein Nebeneffekt davon, wenn eine Band, die eigentlich ins Stadion gehört, in einem vergleichsweise kleinen Club spielt ist übrigens, dass Tourshirts 30€ kosten. Egal, ich hab trotzdem eins gekauft, damit diese Band einfach für immer weiter macht.