Hei Bergen!


Ich habe Freunde in Norwegen, besuche sie aber viel zu selten. Wo doch jeder weiß, wie schön es dort ist! Umso schöner, dass es neulich endlich mal wieder mit einem Kurzbesuch in Bergen geklappt hat. Gerade bei solchen kurzen Wochenendbesuchen fallen einem viele Kleinigkeiten auf, die ich der Einfachheit halber mal aufgeschrieben habe:

90% der Leute reagieren auf einen Norwegenbesuch mit „Aber da ist doch alles so teuer, nä?!“ oder gleich direkter „MUSSTE ABER BIER MITNEHMEN, DAS IS DA SUPERTEUER!!!“. Zum Glück trinke ich kein Bier und sollte es jemals bei mir so weit sein, dass ich aus Gründen der Ersparnis eine Palette Bier mit zu einem Wochenendausflug nehmen sollte, dann … hmmm … bitte schüttelt mich dann ganz doll. Jedenfalls ein super Thema auch für Norweger. Die lieben es darüber zu reden, wie teuer alles bei ihnen ist. Abgesehen von Restaurantbesuchen ist das übrigens gar nicht sooo schlimm. Lustig hingegen aber ist, dass Deutsche im Allgemeinen in Norwegen das Klischee haben, dass sie nur mit dem Wohnwagen unterwegs sind und alles von Zuhause mitbringen.

Ich habe vorab mit einer App ein klein wenig norwegisch gelernt, machte mir aber langsam Sorgen, weil es in allen Sprachbeispielen mit Bergen darum ging, dass niemand da hin will, weil es andauernd regnet. Und siehe da, bis auf wenige Stunden hat es durchgehend geregnet. An sich nicht weiter schlimm, allerdings macht man sich ja doch seine Gedanken, wenn für Ausstellungszwecke ein Nachbau der Arche Noah im Hafen steht …

Apropos Wetter: Das Schöne an Bergen ist auch, dass man nach 20 Minuten zu Fuß inmitten der Natur steht und bei ein bisschen Nebel und Nieselregen vollends davon überzeugt ist, das jederzeit ein Troll aus einem Gebüsch gepurzelt kommen könnte. Passend dazu gibt es seit einiger Zeit den Film „Trolljegeren“ auch in deutscher Synchro bei Netflix.

So hübsch, friedlich und ruhig wie es in Bergen ist, war es eigentlich die logische Konsequenz, dass die Stadt neben Oslo das Zentrum der Entwicklung der Black-Metal-Szene in den frühen Neunzigern war. Manchmal singen die Möwen leise im Hafen „Darkthrone“. Auch darüber gibt es eine interessante Doku namens „Until the Light Takes Us“ (in voller Länge auf YouTube zu sehen). Sehr interessant, aber mit Vorsicht zu genießen, da alle Aussagen in keinster Weise kommentiert oder reflektiert werden. Sollte man jetzt also nicht unbedingt seinem kleinen Cousin zeigen, könnte sonst sein, dass der Sympathie und Verständnis für rassistische Mörder entwickelt.

Bergen hat ein neues, verrücktes Müllsystem. Auf ein paar Häuser kommen wie gewohnt eine Tonne für jeweils Papier, Altglas und so weiter. Aber das sind keine Tonnen, sondern Öffnungen für einen Schacht. Mit einem Chip kann man die Öffnung ein paar Mal im Monat (je nachdem wieviel man bezahlt) öffnen und den Müll reinwerfen. Der Müll wird dann unterirdisch erst gesammelt und dann per Hochdruck durch ein Rohrsystem in die Müllverbrennungsanlage geschossen. Verrückte, neue Welt!

Apropos verrückte, neue Welt. Bis vor kurzem waren in Bergen Segways verboten. Die rechtsgerichtete Partei im örtlichen Parlament setzte sich dann aber erfolgreich dafür ein, dass sie endlich erlaubt werden.

Weiterhin verboten sind aber Plakatwerbungen. Abgesehen von kulturellen Veranstaltungen wird per Plakat nichts in Bergen beworben. So sieht alles gleich noch mehr nach hübscher, heiler Welt aus.

In Bryggen sieht alles aus wie eine Mischung aus Besuch beim Weihnachtsmann und Wochenende im Heidepark. Ist tatsächlich aber ein UNESCO Weltkulturerbe und ehemaliger Umschlagplatz der Hanse. Die Geschichte dieser kleinen deutschen Siedlung ist durchaus interessant.

Fußball aus der Ferne (+ Gewinnspiel)


Da man von Berlin aus mit dem Zug gerade mal eine Stunde nach Wolfsburg braucht, habe ich neulich die Chance genutzt und mir den Pokalkracher zwischen dem FC Bayern und dem VFL Wolfsburg angeschaut. Das Stadion ist gerade mal eine Viertelstunde vom Bahnhof entfernt und der Weg dorthin fühlt sich an, als wäre Wolfsburg ein kleiner, absurder Freizeitpark. Erst läuft man durch ein kleines Outlet Center und dann an der Autostadt vorbei. Überall stehen alte, neue, schöne, besondere und verrückte Autos. Allesamt wunderhübsch angestrahlt, während im Hintergrund die Schornsteine des VW-Werks thronen. Selbst das vergleichsweise kleine Stadion wirkt durch seine Umwelt fast wie ein Autohaus.

Für stolze 70€ hatte ich ein Ticket in Reihe 5 nahe der Mittellinie bekommen. Ich mag es, so nah am Spielgeschehen zu sein, dass man das Geräusch jede Ballannahme hören kann, die Zurufe und Anweisungen der Spieler hört, so wie deren Mimik dazu sehen kann. Gerade die erste Halbzeit war dabei wie ein permanentes Dessert mit feinstem Fußball. Philipp Lahm stand dabei die meiste Zeit vor mir und ich konnte aus nächster Nähe beobachten, wie er die Fäden zog. Ebenso wie Xabi Alonso zu dem ich mir einrede, dass wir befreundet sind, seitdem wir im Frühsommer diesen Jahres mal zusammen gekickt haben. (Er hat mich allerdings gar nicht gegrüßt, wahrscheinlich hat er mich nur übersehen. Oder??)

Hach, mein FC Bayern. Vor einigen Wochen war ich in München und habe während einem Spaziergang das altehrwürdige Olympiastadion besucht. Ich habe mich auf einen der alten Schalensitze gesetzt und darüber nachgedacht, wie unerreichbar dieser Ort für mich früher war. Während so ziemlich alle Fußballfans in meinem Freundeskreis aus Liebe zu ihrem Verein schon im Kindesalter in der Kurve im Stadion standen, saß ich in meinem Kinderzimmer in Thüringen und das Olympiastadion war für mich dabei in etwa so unerreichbar, wie die Tiere aus meinem Afrika Buch. Wobei es die immerhin im Zoo gab, Mehmet Scholl hingegen nicht. Den gab es nur einmal.

Mit 14 war ich dann zum ersten und einzigen mal im Olympiastadion. Es fühlte sich an wie im Film und ich kann mich heute noch an beinahe jeden Moment erinnern. Carsten Jancker und Giovanne Elber sahen wirklich so aus, wie man sie aus „ran“ kannte und bereits 10 Jahre vor der WM in Südafrika kaufte ich eine Vuvuzela. Ich Trendsetter. Meine blonden Strähnen damals kamen eben nicht von ungefähr.

Wenn es hochkommt sehe ich den FC Bayern heutzutage etwa fünf Mal im Jahr. Jedes Spiel so exklusiv wie ein Stück aus einer Pralinenschachtel und jedes Mal etwas besonderes. Ich wäre gerne weniger diese Form des Edelfans, aber das geht aus der Ferne ja leider eher schlecht. Dafür werde ich aber auch niemals das Heimspiel-Gefühl beim mir von Gott und meinem Vater zugeteilten Herzensverein verspüren. Denn für mich ist jedes FC Bayern Spiel ein Auswärtsspiel. Egal ob in Berlin, Wolfsburg oder München. Aber das ist okay, die gewinnen ja auch ohne mich relativ oft.

Aus der Ferne kann man sich dafür dann mit anderen Dingen umso mehr beschäftigen. Zum Beispiel mit Coca-Cola Dosen mit Vereinslogo sammeln. Die stapelten sich früher auf meinem Schrank und so ergriff mich eine kleine Nostalgiewelle, als man bei Coke Zero vergangenen Jahr wieder damit anfing. Auch für dieses Jahr gibt es alle 18 Vereine der ersten Bundesliga in Dosenform und ihr könnt in 10 Jahren dann damit prahlen, dass ihr noch die seltene Darmstadt-Dose habt.

GEWINNSPIEL

Wer sich das sammeln besonders einfach machen möchte, hat hier die Chance eins von zwei Komplettpaketen mit allen 18 Dosen (natürlich voll) zu gewinnen! Kommentiert dafür einfach bis einschließlich dem 6. Dezember 2015 unter diesem Artikel, welcher Verein mal auf eine Sammeldose sollte. Die Gewinner der Dosenjackpots werden dann per Zufallszahl ausgelost.

PS: Mit etwas Glück verwandeln sich die 18 Coke Zero Dosen dann auch noch in 18 mal Manuel Neuer und ihr werdet nie wieder im Schulbus geärgert.

Ungewisse Gewissheit


Am Freitagabend bekam ich eine Push-Benachrichtigung einer Nachrichten-App über die Vorkommnisse in Paris. Kurz zuvor hatte ich zur letzten halben Stunde des Fußballländerspiels zwischen Frankreich und Deutschland geschaltet. Es ist komisch, plötzlich in einen Moment geworfen werden, von dem man genau weiß, dass man sich sehr lange, wahrscheinlich für immer, sehr genau an ihn erinnern kann. Der hilflose Tom Bartels, der dieses Spiel irgendwie zu Ende moderieren musste und die noch hilfloseren Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl im Anschluss.

Bis 2 Uhr nachts saß ich auf dem Sofa vor dem Fernseher und verfolgte jedes Detail was aus Paris kam. Sekündlich aktualisierte sich ein Newsticker auf reddit, wo verschiedene Menschen vor Ort immer wieder neue Details beitrugen. Denn auch das ist einer der Nebeneffekte unserer Zeit, der solche Taten noch absurder macht: Ich erfahre jedes noch so kleine Detail beinahe in Echtzeit. Auf Periscope-Livestreams und dergleichen habe ich verzichtet, weil ich nicht in wackeligen Videos live miterleben wollte, wie Menschen panisch um ihr Leben rennen. Schlimm genug, dass ich überhaupt jedes Detail verfolgte und mich somit immer mehr von den Vorkommnissen aufwühlen ließ. Aber an Schlaf war eh nicht zu denken. Als sich die Lage etwas beruhigte (wenn man das überhaupt sagen kann) und ich endlich schlafen wollte, machte ich mir eine Folge “Friends” an und versuchte dabei den Kopf wieder etwas frei zu bekommen und dabei einzuschlafen.

Hat nur so mittelmäßig gut funktioniert. Weitaus besser war die Entscheidung am Tag darauf für das Wochenende raus aus Berlin ins Heimatdorf nach Thüringen zu fahren. Weg von der Stadt und vor allem auch irgendwie weg vom Internet. Ruhe im Wald ist wohl das beste was man aus diesen angeknacksten Tagen noch herausholen konnte.

Zurück in Berlin bekam ich auch direkt eine Bestätigung für die Richtigkeit meiner Entscheidung. Mit meinen Freunden Donnie und Nilz betreibe ich seit einiger Zeit den Podcast “Gästeliste Geisterbahn”. Ein sehr überdrehtes und wohl auch lustiges Dings was wir erstaunlich regelmäßig bereits 11 Mal aufgenommen haben. Alle 2 Wochen erscheint eine neue Folge, in den Wochen dazwischen eine Minifolge, in der wir Fragen beantworten. Jeden Sonntag gibt es also etwas Neues. Nach kurzer Rücksprache entschieden wir uns aber gestern dafür, keine neue Folge zu veröffentlichen. Für alle Beteiligten war sofort klar, dass wir uns unangenehm damit fühlen würden, einen überdrehten, lauten Podcast, den wir bereits vor zwei Wochen aufgezeichnet hatten, zu veröffentlichen. Die Welt um uns herum war so still und nachdenklich, da will man nicht wie ein unreflektierter Idiot dastehen. Ich zumindest nicht. Natürlich lassen wir uns für gewöhnlich durch nichts den Spaß verderben, aber ein Bauchgefühl sagte sofort, dass in diesem Falle Ruhe angebracht ist.

Selbstverständlich war diese Aussage ein gefundenes Fressen für ein paar wenige Idioten, die das nicht als persönlichen Entschluss, sondern als Diskussionsgrundlage sahen. So ist das Internet nunmal. Wenn man etwas aus einem (Bauch-)Gefühl heraus entscheidet, dann ist das nun mal so. Deshalb sind es ja Gefühle. Aber nein, unsere Entscheidung wäre unverständlich, schließlich würde andauernd irgendwo was passieren und da würde man ja auch nicht … blablabla. Als wären wir ein öffentlicher Abodienst, der sich gegenüber seinen zahlenden Abonnenten in den Weg stellt und nicht ein kleines Hobbyprojekt, was sich für eine Woche Pause entschieden hat. Internet ey. Klar, ich sollte längst gelernt haben mich von nichts und niemandem im Internet provozieren zu lassen, aber für mich war es einfach ein Stück zu viel. Als ich meine Facebook App öffnete, sah ich ein Foto, unter dem ein Freund von mir mitteilte, dass ein geschätzter Kollege von ihm im Le Bataclan umgekommen sei. Daneben öffnete sich die Notification mit eben genannten “Diskussionsansatz”.

Man sollte die sozialen Medien weitestegehend meiden, bei solchen Ereignissen. Schließlich basieren die Inhalte nunmal weitestgehend auf Emotionen. Und wenn die durchdrehen, drehen auch die Inhalte durch. Niemand glaubt ernsthaft, mit einem neuen Profilfoto den Terror bekämpfen zu können, für viele Menschen ist es aber nunmal zwischen gefühlter Hilflosigkeit ein Zeichen der Anteilnahme und überhaupt irgendein Zeichen um zwischen all den Fragen mal einen Punkt zu machen. Jede/r sollte Trauer so zeigen, wie er/sie es gerne möchte. Fertig. Etwas ganz anderes ist es natürlich, wenn Anteilnahme plakativ eingesetzt wird, um beispielsweise möglichst viele Klicks zu generieren. Auch wenn ich mich wiederhole, aber: Internet ey!

Statt es einfach hinzunehmen und die Gefühle anderer zu respektieren geht die gewohnte Keule los: “Jetzt berichten die Medien darüber, wenn so etwas mal in Paris passiert, aber sonst ja nie!” Dabei stimmt das gar nicht, nur interessiert das eben nicht so viele Menschen. Wobei wir bei der nächsten Keule wären, die auch ich schon abbekommen habe: “Warum nimmt dich das so mit, wenn so etwas doch andauernd passiert! Interessiert dich das sonst etwa nicht?!”

Doch tut es, nur trifft es mich sonst nie so nah und außerdem habe ich mir mittlerweile eine sehr feine Mauer aus Selbstschutz um mich herum errichtet, weil ich nicht vollends an dieser Welt verzweifeln möchte. In nicht allzu ferner Zeit möchte ich ein Kind in diese Welt setzen und nicht vorher zu dem Schluss gekommen sein, dass dies ein Fehler wäre. Wenn ich es wollen würde, könnte mich beinahe in jedem Moment meines Alltags etwas nerven oder mir gar nahe gehen. Das reicht von übermächtigen, brutalen Regimes in fernen Ländern bis zu dummen Menschen mit Echtfellkragen die mir in der U-Bahn gegenüber sitzen. Ich habe gelernt das in den meisten Fällen nicht an mich heran zu lassen. Aus reinem Selbstschutz, weil man es anders ja auch gar nicht aushalten könnte. Stattdessen bin ich lieber froh in einer Gegend und einer Zeit zu leben, die in der Geschichte in Sachen Frieden und Lebensqualität ihresgleichen sucht. Lieber nutze ich diese Position aus, um die Welt jeden Tag ein klein wenig besser zu machen. So kitschig das auch klingt.

Und doch habe ich Angst und bin getroffen von dem, was am Freitag in Paris passierte. Einfach weil es so nah war. Bekannte von mir saßen im Fußballstadion und auch ich wäre beinahe dort gewesen. Die Eagles of Death Metal habe auch ich bereits mehrmals live gesehen und die ein oder andere Cola mit deren Sänger Jesse Hughes getrunken. Übermorgen würde ich eigentlich auf ein Konzert der Deftones gehen, die nun aber ihre Europa Tour abgesagt haben. Einige Bandmitglieder waren am Freitag im La Bataclan, haben es aber glücklicherweise frühzeitig verlassen. Ihr eigentlicher Tourplan sah so aus und könnte kaum besser verdeutlichen, wie nah dieser ganze Wahnsinn auf einmal sein kann:

Ich hasse diese eigentlich unberechtigte Angst in solchen Momenten. 2002 gab es in einer Erfurter Schule einen Amoklauf. Am Tag darauf saßen wir eine halbe Autostunde davon entfernt in unseren Klassenräumen bei einer Schweigeminute. Im Haus fiel wahrscheinlich eine Tür durch einen Windstoß zu und ein lauter Schlag hallte durch die Stille im ganzen Gebäude. Ich erwischte mich kurz wie ich dachte: “Jetzt ist es so weit.”, schließlich war man in den Stunden zuvor eh immer im Kopf durchgegangen, wer an der eigenen Schule zu so einer Tat fähig sein könnte. Letztlich war es aber doch nur eine Tür, was mich gleichermaßen erleichtert und dumm fühlen ließ.

Ähnlich wie heute morgen, als ich unterbewusst immer wieder genau schaute, wer gerade in die U-Bahn einstieg. Paris hat seinen Horror am vergangenen Freitag erlebt. Vor 10 Jahren explodierten bei einem Terroranschlag mehrere Bomben in der Londoner U-Bahn. Im Jahr zuvor gab es einen ähnlichen Anschlag in Madrid. Welche Stadt fehlt (zum Glück) in dieser Reihe? Rund 550 Dschihadisten sind aus der Bundesrepublik ausgereist, um für den IS zu kämpfen. Der bekannteste davon radikalisierte sich in der Nachbarschaft vom Büro, wo ich diesen Text gerade schreibe.

Es ist ein komisches Gefühl in einer Stadt zu wohnen, von der man die ungewisse Gewissheit hat, dass es wohl früher oder später knallen wird. Und trotzdem wäre es nicht richtig sich dieser Angst hinzugeben. In Deutschland gibt es jährlich 300.000 Verkehrsunfälle mit Personenschaden, pro Monat sterben dabei rund 300 Menschen auf Deutschlands Straßen. Und doch kann ich jedes Mal bedenkenlos in ein Auto steigen. Ein Zitat, welches ich gestern las, bringt sehr gut auf den Punkt, nach welchem Prinzip man trotz dieser ungewissen Gewissheit leben sollte. Es entstand nach den Anschlägen in Norwegen 2011:

We will not become worse, we will be better. We lived in a land where this is possible, even easy. And we will keep living in a land where this is possible, even easy. We are open, we are free and we are together. We are vulnerable by choice. And we will keep on like that, that’s how we want to live. We will not be worse because of the worst. We must be good because of the best.

Oder wie ich es jetzt sagen würde: Denkt was Gutes, tut was Gutes, dann wird alles schon irgendwie gut. Und selbst wenn nicht, dann hat man seine Zeit bis dahin wenigstens nicht vergeudet.

Die wählerische 12/4


Gerade scheint wieder eine erhöhte Klassenfahrtdichte zu herrschen. Seit mehreren Tagen teile ich mir regelmäßig den U-Bahn-Wagon mit ganzen Schulklassen. Das ist zwar anstrengend, weil es sehr viel enger ist und alles nach Axe oder Vanille riecht, aber ebenso interessant ist es auch. Ich mag es mir durch bloße Beobachtungen das soziale Gefüge einer Schulklasse auszumalen.

Wer sind die Looser, wer sind die Sporthonks, wer sind die Anführermädchen und – neu! – wer sind die Hypsterstyler? Letztere sind noch nicht mal volljährig, tragen aber spitze Lederslipper und Hemden in der Schule. Hahaha! Und überhaupt: Dieses Markending wird ja auch von Generation zu Generation schlimmer. Erst Recht durch Smartphones. Die Kids verschicken Emojis mit Geräten, die teuerer sind als mein gesamter Besitz bis zum 21. Lebensjahr! Opa Herm erzählt vom Krieg.

Zu Klassenfahrten waren wir innerhalb Deutschlands nie in Großstädten. Wahrscheinlich besser so, dass hätte uns Dorfkids vollends überfordert und alle hätten sich Hasch gespritzt und Heroin geraucht. Oder so. Einmal waren wir für einen Tag in Pirna und es fühlte sich an wie die große, weite Welt.

Deshalb finde ich es immer spannend Schulklassen dabei zu beobachten, wie sie Berlin wahrnehmen und was sie außer Primark so machen in der Stadt. Heute Morgen fuhr zum Beispiel eine ganze Klasse unter der Leitung von zwei Lehrerinnen zum Kottbusser Tor. Warum in aller Welt tut man das? Auf Teenager aufpassen am Kotti – Ich kann mir nur wenig Schlimmeres vorstellen. Höchstens vielleicht auf brennende Teenager am Kotti aufpassen. Aber vielleicht waren sie ja auch für den Sozialkundeunterricht dort. Oder die Schüler/innen hatten es sich am Vorabend verdient, direkt nach dem Frühstück erstmal von wildfremden Menschen bepöbelt zu werden.

Äußerst unterhaltsam war eine weitere Klasse in meiner Bahn auf dem Heimweg. Ich hörte raus, dass es jetzt zum Abendessen geht. Und zwar in eine Pizzeria und jede/r darf für 15€ essen. Genauer gesagt zu „I Due Foni“. Ein durchaus bekannter Laden, mit 3 Bekanntheitsmerkmalen:
1) Es gibt dort sehr gute Pizza
2) Diverse Punkbands haben sich auf den Wänden dort verewigt
3) Als Mann wird man in 9 von 10 Fällen furchtbar unfreundlich bedient

Lustig jedenfalls: Einen Augenblick nachdem der Name fiel, meldete sich direkt ein Junge der schwäbischen Schulklasse zu Wort. „Ja abor der Salat soll net so gud sei.“ Alle nickten anerkennend und berieten sich, was sie nehmen würden. Hahaha, die sind auf Klassenfahrt hier und gucken selbstverständlich in die Yelp-Bewertungen. Hallo Zukunft!

Gersberms


Die Welt der Memes kann sehr unterhaltsam sein (solange sich keine Werbeagentur daran versucht). Es ist einfach eine interessante Form der Internetkultur, die irgendwie, irgendwo durch Zufall entsteht. Plötzlich wird ein Bild zum Sinnbild und das ganze Netz versucht sich in Ideen dazu zu überbieten.

Es gibt einen klaren Sinn und eine Funktionsweise dahinter, die wie überall anders auch, gerne falsch verstanden und genutzt wird. Plötzlich gibt es Werbeplakate die der Meinung sind, sie wären ein Meme weil sie einfach auf irgendein Foto die fette Impact-Schrift mit schwarzer Kontur setzen. Oder vollkommen sinnlose Zeilenumbrüche. Es hat schließlich einen Sinn, was oben und was unten steht. Oder auf deutsch! Und … ach, ich will mich gar nicht weiter darüber aufregen. Es scheint jedenfalls noch ein weiter Weg zu sein, bis Corporate Seiten bei Facebook und Co verstanden haben, was dieses meme-Dings überhaupt ist und wie man es nutzt.

In jedem Fall finde ich es immer interessant, wer eigentlich die Menschen hinter den Memes sind. Also nicht diejenigen, die durch Zufall irgendein Foto zum Meme gemacht haben, sondern die Menschen auf den Fotos. Wie das wohl sein muss, plötzlich im Internet zum Sinnbild für etwas zu werden? Eine bizarre Form der Prominenz. Bis auf wenige Ausnahmen hat man, scheinbar jedenfalls, zumindest finanziell, rein gar nichts davon.

In der US-Ausgabe der Vanity Fair gibt es gerade einen Artikel über das „Ermahgerd-Girl“. Äußerst interessant, denn sie wusste auch rein gar nichts davon, bis es ihr jemand unter die Nase rieb, dass sie gerade heißer Scheiß im Internet wird. Besonders schön sind folgender Abschnitt:


Three years after first becoming an unwitting meme star, Goldenberger, who works as a nurse in Phoenix, still occasionally experiences the surreal, stupefying jolt of being ambushed by her own face online. “My eyes just get wide and I say, out loud, ‘This is so fucking weird.’ ”

Goldenberger’s friends delight in revealing her online identity to strangers at every opportunity. “Then there’ll be a 30-minute session of them looking at every single version of it. I have to fake-laugh as if I haven’t seen them all before,” said Goldenberger. “I just can’t believe this is my 15 minutes of fame—I was hoping it would come in another form. But I guess you have to take what you can get.”

Um Gottes Willen. Man muss sich das mal vorstellen. Lustige Bilder aus dem Internet und erst Recht Memes gemeinsam anzuschauen und womöglich noch zu erklären ist ja so schon unangenehm genug. Aber dann ist man da auch noch drauf und muss das andauernd machen.

Der Hund ist zahlungspflichtig


Letzte Woche hatte meine S-Bahn zum Bahnhof 10 Minuten Verspätung, woraufhin mein eng gestaffelter Routineplan wie ein Kartenhaus zusammen fiel. Ärgerlich. Besonders um 6:30 Uhr, wenn man also theoretisch eigentlich noch im Bett liegen könnte. Die Folge war eine Stunde Zeit bis zum nächsten passenden Zug. Da ich mich um diese Zeit noch nicht allzu sehr auf meinen Kopf verlassen kann, verharre ich dann gern in der inaktiven Beobachterposition. Wenn man einmal damit anfängt, reiht sich einiger Unsinn aneinander. Erst recht, weil sich alles so früh am Morgen anfühlt, als würde man bei „Takeshi’s Castle“ teilnehmen, nur eben mit unsichtbaren Hindernissen.

Da ich immer viel zu knapp bin, hatte ich schon lang nicht mehr den Luxus von zu viel Zeit am Bahnhof. Weil ich meine Bahncard in diesem Jahr so oft benutzt habe, habe ich neulich eine neue, silberne Bahncard zugeschickt bekommen. Ich bin jetzt bahn.comfort Kunde. Das klingt ganz nett, macht einen aber eigentlich zu einem schlechteren Menschen. Denn zum Beispiel hat man damit das Recht bahn.comfort Sitzplätze im ICE zu benutzen. Genauer gesagt also andere Leute von diesen eigentlich freien Sitzplätzen zu vertreiben. Ein ganz nützlicher Vorteil ist allerdings, dass man neben Menschen der 1. Klasse die Bahn Lounge besuchen darf. Das wollte ich immer schon mal ausprobieren! Vielleicht gibt es dort ja ein Bällebecken oder so. Leider nein, aber immerhin kostenfreies, stabiles WLAN. Das Bällebecken des 21. Jahrhunderts.

Die Anwesenden dort hätten jedenfalls eine wunderbare neue „Stromberg“ Reihe angegeben. Geschäftsleute, die morgens um 7 Uhr auf den Zug warten, man kann sich vorstellen, wie aufregend es da zugeht. Zwischen etwa 30 Männern gab es zudem ganze 2 Frauen. Eine Bedienung und eine Empfangsdame.

Bevor mein zweiter Zugversuch des Tages startete nahm ich einen kleinen Umweg über den Kaisers im Hauptbahnhof. Fast so was wie ein Geheimtipp übrigens, weil er ganz versteckt in der unteren Etage ganz am Ende liegt, dafür aber immer geöffnet hat und Getränke und Essen zu normalen Preisen hat. Zum Beispiel Brezeln, die mit einer Spritze mit gesalzener Butter gefüllt worden. Ich mag die, auch wenn man dafür in Bayern ins Gefängnis kommen kann.

An der Kasse gab es aber ein durcheinander, da eine indische Touristenfamilie sich scheinbar vordrängeln wollte. SO NICHT! Die Kassiererin schickte sie brav zum anstellen nach hinten. Als sie dann nach mir dran waren, zeigten sie auf eine Tafel Lindt Schokolade und fragten „What’s the price?“. Die Kassiererin legte einen enormen Kaltstart hin und wurde sofort laut: „STEHTDO DRUFF MÄÄÄÄNSCH!“. Sie zeigte sich kurz verwundert, dass die Inder mit dieser Aussage nichts anfangen konnten und tippte – nein sie drosch – mit ihrem Finger auf den aufgedruckten Preis auf der Packung und schaute danach so vorwurfsvoll als wäre es die letzte Tafel Schokolade im Raum Berlin Brandenburg, die sie sich eigentlich sichern wollte. Eingeschüchtert als wären sie gerade zu nah an ein Bärengehege gekommen, ging die Familie wieder.

Aber mal ehrlich: Auch mich als ehrenvollen deutschen Staatsbürger verwirrt das. Für alle Produkte im Supermarkt gibt es ein Preisschild, nur bei Lindt Schokoladen sind sie direkt auf dem Produkt mit aufgedruckt irgendwo zwischen den Inhaltsstoffen und der Geschäftsanschrift. Bemerkenswerte Reaktion der Kassiererin jedenfalls. So wird man doch gern behandelt. Wahrscheinlich steht sie schon in irgendwelchen Online-Reiseführern als Geheimtipp, wenn man gern besonders deutsch behandelt werden möchte. Achtung! Blitzkrieg! Schadenfreude!

Im Zug gab es gleich das nächste Beispiel was wunderbar in diese güldene Schatulle der Zwischenmenschlichkeit passte. Dieses Mal waren es keine Inder, sondern zwei junge Frauen die deutschen Gepflogenheiten bereits seit Geburt an kennen dürften. Und trotzdem begaben sie sich auf äußerst dünnes Eis und hatten – Achtung Bahnfans, nicht erschrecken – einen Hund dabei.

Er war nicht sonderlich groß, fiel mir aber gleich auf, weil er wahnsinnig gut hörte, dabei äußerst niedlich war und obendrein auch noch ein Bein in Gips hatte. Ich hoffe unsere beiden Katzen zu Hause lesen das hier nicht, aber ich hatte innerhalb von Sekunden mein Herz an diesen Hund verloren. Er lag die ganze Zeit unterm Sitz vor den Füßen der beiden Damen und schlief entweder oder wunderte sich wahrscheinlich, in was für einem abgefahrenen Ding er gerade ist.

Kurz vor Hamburg wurde ihm wohl etwas langweilig und er legte sich in den Gang. Der Zugbegleiter ging durch den Wagon und blieb sofort stehen. Tickets hatte er bereits zu Beginn der Fahrt kontrolliert, machte jetzt aber wohl noch mal eine OKF (Ortskontrollfahrt heißt das, ihr Stadtkinder!). Den Hund konnte er so natürlich nicht tolerieren. „So müssen wa da jetzt aber n Ticket lösen!“ Ich verstand nicht ganz was die Hundebesitzerin sagte, es lief aber darauf hinaus, dass man irgendwas mit einer Tasche ausgemacht hatte. Wenn der Hund in der Tasche sitzt wäre es wohl okay. „Na dann musser aber auch in der Tasche sein!“ Und so schaute der Zugbegleiter dabei zu, wie die gesamte Reisetasche ausgeräumt und der Hund hineingesetzt wurde. Abschließend kommentierte er die Situation in tief ernstem Ton mit:„AB KATZENGRÖSSE MÜSSEN HUNDE ZAHLEN!“

Ich musste mir umgehend vorstellen, wie der Hund reumütig sein kleines Portmonee rausholt, um sein Ticket nachzulösen. So geht das schließlich nicht. Das macht allerdings auch eine Zweiklassengesellschaft deutlich – Katzen fahren immer kostenlos! Und man könnte einen ganzen Wagon voller Katzen den ganze Tag durch Deutschland fahren lassen und niemand könnte etwas sagen. Vielleicht ein neues Geschäftsmodell? Und zählen Tiger dann auch als Katzen?

Wie auch immer. Ich hab mich mal informiert, Hunde müssten dann den Kinderpreis für eine Strecke zahlen. In diesem Falle wären das also knapp 50€ für anderthalb Stunden Fahrt gewesen. Hahaha! Ja, klar. Natürlich. Ich verstehe diese Regelung natürlich, da ein dicker Bernhardiner ja so viel Platz wie ein Mensch in der Bahn wegnimmt und somit rein theoretisch weniger Platz für Fahrgäste lässt. Aber ach, mal ehrlich, einen Hund belehren? Für Bahn-Nerds: Hunde zählen nicht als kostenlose Kinder und man kann Tickets für sie zwar online kaufen, muss sie sich aber per Post zuschicken lassen. Haha!

Kein Wunder also, dass es den Dog Train gibt:

Wie mich YouTube als Reiseführer enttäuschte


Am Wochenende habe ich meine persönliche Prag-Premiere. Endlich mal in die Stadt reisen, von der ich schon so viel Gutes gehört habe. Auf der Suche nach Anhaltspunkten, was man sich denn unbedingt anschauen sollte, kam mir erstmals die Idee, doch auch mal bei YouTube nachzuschauen.

Zwar fühle ich mich regelmäßig spürbar alt, weil ich den Gehalt so einiger YouTube-Werke einfach nicht nachvollziehen kann, aber für das Thema Reisen eignet es sich doch eigentlich hervorragend. Falsch gedacht. Es folgt eine Sammlung meiner Ergebnisse die ich bekam, bis ich nach 15 Minuten entnervt abbrach und mir dann doch einen gewöhnlichen Reiseführer in Buchform bestellte.

Disclaimer: Ja, ich hätte meine Suche mit mehr als „Prag“ verfeinern können. Finde die Ergebnisse dennoch wunderbar sinnbildlich. Werfen wir also mal einen Blick darauf, was man in Richtung Prag mit auf den Weg nehmen kann.

Eine klassische Doku, die sich so trocken und alt anfühlt, wie klobige Videokassetten im Geografie-Unterricht. Nur das man sich damals über alles, was mit einem Videorekorder zu tun hatte, gefreut hat. Nein, nein, ich will schnelle, tolle Fakten. Dafür ist YouTube doch gemacht!

Also klickte ich auf das Video dieses jungen Herren. 10 Minuten für 10 Tipps, das könnte doch was sein. Er erklärt die erste Minute lang mehrmals, dass er auf mehreren Kanälen, mehrere Prag Videos hochlädt. Aha, okay. Ich scheine schneller zu begreifen als die allgemeine Community und kann meine freie Zeit damit nutzen, mich voll auf seine Art des Redens zu konzentrieren, die mich wahnsinnig macht. Nachdem hoffentlich alle verstanden hatten, wo nun welche Vlogs landen, erklärt er 5 Minuten lang, wo man auf keinen Fall Geld tauschen sollte. Okay, super Prag Tipps, danke. Als er dann endlich ans Eingemachte geht und erklärt, wo es schön ist, aber kaum Leute sind, damit man ungestört Instagram-Fotos machen kann, musste ich mit schwitzigen Händen wegklicken.

Vielleicht können Beauty-Mädels das ja besser und hey, sie hat immerhin fast 100.000 Abonnenten. Was mir das Video so richtig sagen sollte, habe ich nicht verstanden. Aber immerhin ist sie das Risiko eingegangen und hat endlich einen bestimmten Concealer ausprobiert, obwohl ihr schon mehrere Leute sagten, dass der zu schnell austrocknet.

Dann bleiben wir doch direkt bei Beauty. In Prag kann man scheinbar günstig für 3000€ Brust-OPs machen lassen. Immerhin schonmal etwas über die Stadt gelernt. Eine komplett CGI-animierte Frau erzählt deshalb sehr versiert, wie ihre OP war. Zeigt aber in 16 Minuten nicht einmal ihre neue Oberweite. Enttäuschend. Immerhin rennt bei 1:29 Minuten eine Katze durchs Bild.

Okay, „Follow me around“ scheint das passende Format zu sein, um etwas über die Stadt zu lernen und die junge Dame hat eine Viertelmillion Abonnenten. Das muss was sein. Die ersten 2 Minuten lang wird das Klo gezeigt und welches Make-Up sie dabei hat. Es folgen wahnsinnig wackelige und/oder unscharfe belanglose Aufnahmen aus der Stadt mit schlechten Gags und einer anschließenden Zusammenfassung, welche Beauty Produkte sie gekauft hat. Wieder was gelernt: Es gibt dm auch in Prag. Das beruhigt mich jetzt.

Ja gut, wenn wir einmal dabei sind, schauen wie eben auch noch das Prag-Haul-Video von Ginibabe. Die wollte eigentlich auch ein Follow-Me-Around-Video drehen, aber die Kamera hat gesponnen. Ärgerlich! Immerhin ein paar gerettete Aufnahmen beweisen, dass sie bereits im Juli 2014 mit Selfiestick arbeitete. Okay, noch was gelernt: In Prag machen die scheinbar um Lippenstifte nichts drum, weshalb fast alle schon benutzt sind. Und es gibt Sephora Geschäfte! Die gibt es in Deutschland nicht! Ich weiß nicht was das ist, aber dann gehe ich da natürlich auch hin!

Ich musste mich wohl oder übel aber damit abfinden, dass es Prag-Reisenden scheinbar nur um Kosmetikprodukte vom DM geht. Aber dann kam ein Lichtblick! Nicht nur überdrehte Teenager mit komisch verlagerten Prioritäten nutzen YouTube als aktive Produzenten, sondern auch Rentner! Selten war ich so dankbar dafür. Und so kann man sich das Video einer Reisegruppe aus dem Jahre 2007 anschauen und es ist schlichtweg wunderbar. Am besten trinkt man einen schönen Tee dazu und erinnert sich an alte VHS Zeiten, in denen Onkel Peter auch noch solche aufwändigen Videos selbst produziert hat.

Puddeling


Heute verstarb Ellis Kaut nach langer Krankheit im Alter von stolzen 94 Jahren. Erwartungsgemäß wirbelt diese Meldung gerade die deutschen Sphären des Internets auf und es ist einer dieser traurigen Anlässe, bei dem man automatisch in Erinnerungen schwelgt. Immerhin gibt es neben meinen Eltern wahrscheinlich kaum eine Person, die derart großen Einfluss auf meine Kindheit hatte, wie Ellis Kaut.

Es fing damit an, dass ich bereits im jungen Kindesalter zum Einschlafen Hörspiele vorgesetzt bekam. Meine erste Kassette war eine Folge „Panki aus Pankanien“ und direkt darauf folgten diverse Pumuckl Kassetten. Die erste war die Folge „Die Bank vor der Werkstatt“ und jedes Mal, wenn meine Mutter alle paar Monate bei einer Fortbildung war, brachte sie aus der großen Stadt eine Pumuckl Kassette für mich mit aufs Dorf. Insgesamt dürften es zwar nur 15 Stück sein, die noch heute fein säuberlich sortiert im Schrank liegen und doch habe ich diese Sammlung verehrt und konnte jede Folge mitsprechen.

Die dazugehörigen Ausgaben der Fernsehserie sowieso. Wahrscheinlich kommt auch durch den Pumuckl meine Liebe zur verschnörkelten bayrischen Urigkeit. Als ich vor einigen Jahren das erste Mal in München war, wollte ich natürlich zum Drehort der Werkstatt und wie sollte es anders sein: Das Gebäude der Werkstatt wurde vor vielen Jahren abgerissen und an ihrer Stelle steht mittlerweile ein Bankgebäude.

Wenn ich heute darüber nachdenke war es wohl die Mischung aus Anarchie und klarer Ordnung, die mich beim Pumuckl begeisterte. Während ich alte Pippi Langstrumpf Filme heute eher nervig finde, freue ich mich jedes Mal, wenn eine Folge „Pumuckl“ im TV läuft. Beziehungsweise braucht es ja gar keinen Fernseher mehr, denn letztes Jahr entdeckte ich, dass es zahlreiche Folgen auf YouTube gibt und gewöhnte es mir über den Winter an, morgens eine Folge zum wach werden zu schauen. Hier meine Lieblingsfolge: Pumuckl und der Pudding

Es ist auch heute noch dieses einzigartige warme Kindheitsgefühl in mir drin, wenn zum Beginn jeder Folge die Buchstaben über die Ziegeldächer springen und die letzten Töne der Zither am Ende des Intros ausklingen. Immerhin ging es damals bei mir so weit, dass ich Pläne machte, um ein eigenes kleines Holzbett zu bauen. Schließlich wollte ich verdammt noch mal auch so einen Kobold haben!

Im Übrigen bin ich froh, dass ich zwar gern „Pumuckl TV“, aber im Kindheitsalter nie den Kinofilm „Pumuckl und der blaue Klabauter“ sah. Am Anfang des Films gibt es nämlich eine Szene, die mich heute noch so sehr mitnimmt, dass es damals wahrscheinlich mein kleines Kinderherz in tausend Stücke zerrissen hätte. Und zwar:

„Da Gustl Bayrhammer nach den Dreharbeiten für den Film verstarb, musste dieser von Wolf Euba nachsynchronisiert werden. Der Film beginnt mit einer Widmung an Gustl Bayrhammer. Pumuckl sitzt auf seinem Bettchen in Eders Werkstatt vor einem Bild von Bayrhammer als Meister Eder und spricht mit Tränen in den Augen die Worte: „Diesen Film widme ich Dir, lieber Meister Eder.““

Ich werde mir heute Abend jedenfalls die ein oder andere Folge des Pumuckls anschauen und in Erinnerungen schwelgen, wie viele tolle Geschichten Ellis Kaut in mein Leben als kleiner Möchtegern-Kobold brachte. Von Herzen vielen Dank dafür.

Die Internet-Piraten der Karibik


Wenn ältere Bekannte und Verwandte davon erzählen, was sie früher für Umwege auf sich nahmen, um an die ein oder andere Platte zu kommen, denke ich oft daran, wie die DDR wohl heute aussehen würde. Also vor allem im Bezug darauf. Wie würde das Internet in der DDR aussehen? Und was würde es für Folgen haben, wenn man mittlerweile ganze Musikkataloge auf einem winzigen USB-Stick packen kann?

Kuba ist wahrscheinlich der beste Ansatzpunkt, wenn man sich ein Bild von einer „modernen DDR“ machen möchte. Internetzugang gibt es kaum und wenn dann ist die Verbindung meistens verschwindend langsam und ein Großteil der Inhalte sowieso gesperrt. Die Lösung? Ein lokales Internet. Netflix, Hulu und Spotify in Festplattenform. Sämtliche Inhalte wie Kinofilme, Musik, TV-Serien, Magazine, Apps und sogar Screenshots von Online-Artikeln werden von ein paar ausgewählten Personen aus dem Netz gezogen oder per geheimen Satellit aus dem US-Fernsehen aufgenommen. Gegen eine kleine Gebühr kann man sich dann Inhalte aus dem Offline-Internet auf eine eigenen USB-Stick ziehen.

Dazu gibt es eine kurze, äußerst interessante Doku:

Ach Lucien


Dank einer schlauen Internetdatenbank weiß ich, dass ich am 18. Mai 2008 an einem regnerischen Tag in Paderborn im Hermann-Löns-Stadion war. Es war der letzte Spieltag der Saison 2007/08 in der 2. Bundesliga. Als Vorletzter war der SC Paderborn zu diesem Zeitpunkt bereits in die 3. Liga abgestiegen, während die Gäste von Borussia Mönchengladbach als Tabellenführer den Aufstieg in der Tasche hatten. Das Spiel endete 2:3, wobei ich mich daran aber nur wenig bis gar nicht erinnern kann, weil ich die meiste Zeit ein „Scheiß DSF!“ Banner oder die Kimme eines untersetzten Herren, der auf dem Zaun saß, im Blickfeld hatte.

Es war zugleich das letzte Spiel im altehrwürdigen Hermann-Löns-Stadion, weshalb nach Abpfiff Fans von allen Seiten auf das Spielfeld rannten und das Stadion liebevoll in seine Einzelteile zerlegten. Jeder wollte ein kleines Andenken mitnehmen, bis auf den (weiteren) untersetzten Mann, der ins Tornetz gefallen war und sich dort wie in einer Venusfliegenfalle hoffnungslos verfangen hatte.

Vielleicht ist es dieser Tag, welcher der Beginn meiner Leidenschaft für Borussia Mönchengladbach war. Ich spreche dabei gern von fußballerischer Polyamorie, da mein Herz nicht nur für einen Verein schlägt. Von Geburt an war und bin ich schon immer Anhänger des FC Bayern, hatte in der Hochphase meines Daseins als Teenagers allerdings zunehmend das Interesse an Fußball verloren. (Unvorstellbar aus heutiger Sicht!) Nach wenigen Jahren der Abstinenz zogen mich zu Beginn meines Studiums zum Glück gleich zwei Menschen zurück in die Fußballwelt. Richtige Entscheidung meinerseits, schließlich sind die beiden auch fast 10 Jahre später noch meine besten Freunde.

Einer kam aus Duisburg und brachte mir die Zebras näher. Dem MSV Duisburg nah zu stehen, heißt in erster Linie sehr viel Leid zu ertragen. Man bekommt nichts geschenkt und selten gibt es Lichtblicke. Wenn, dann werden diese aber umso ausführlicher gefeiert. Klar. An dieser Grundsituation hat sich bis heute nicht viel geändert. Der MSV ist dem Ruin nur knapp entgangen und nun mit „Einmal Hölle und zurück“ Shirts zurück in der 2. Bundesliga, wo er mit 2 Punkten aus 7 Spielen Tabellenletzter ist. In der Vereinshymne heißt es passend dazu: „Früher gab’s hier nur Kohle, früher war hier nur Stahl. Für die Zukunft kämpfen – das ist für uns normal.“, denn so ist es irgendwie immer.

Bei Mönchengladbach ist das anders. Seit den 70ern besinnt man sich auf die 70er und hofft, dass diese Erfolge eines Tages zumindest ansatzweise zurückkehren würden. Genau das spürte man auch, als die Borussia nach dem Ausrutscher in Liga 2 zurückkehrte und das Hermann-Löns-Stadion auseinander geschraubt wurde. Ein Neuanfang. Jetzt aber wirklich!

Statt Neuanfang gab es aber wieder Abstiegsangst bis zum letzten Spieltag. Hans Meyer kehrte zu alter Wirkungsstätte zurück und das Team erreichte mit 31 Punkten gerade so Platz 16. Bis heute ein Rekord. Ein anderer Aufsteiger (hinter!) Gladbach war damals übrigens ein gewisser Club namens Hoffenheim, die mit überragendem Fußball aus dem Stand mal eben Herbstmeister wurden. Wenn auch nicht sonderlich beliebt, klar.

Hans Meyer ging nach der Retteraktion und auch dieses Mal sollte es einen Neuanfang mit Hand und Fuß geben. Michael Frontzeck hatte sich bislang keinen großen Namen als Trainer gemacht, kannte die Borussia aber bestens und wirkte wie ein passender Baustein auf der Trainerbank. Gewiss kein Meistertrainer, aber auf lange Sicht könnte sich da vielleicht etwas Konstantes entwickeln. Funktionierte auch ganz gut und am Ende der Saison 2009/10 gab es Tabellenplatz 12.

Dementsprechend lang hielt man am Trainer fest, bis der nächste Abstieg eigentlich gewiss war, als man wichtige Spiele gegen die direkten Abstiegskonkurrenten VfB Stuttgart und FC St. Pauli verlor. So gut wie an den Tag im Hermann-Löns-Stadion, erinnere ich mich noch an den Tag der Niederlage gegen St. Pauli. Auf einer Borussia-Fanseite schrieb man von der unangenehmen Gewissheit des Abstiegs. Und das bereits am 22. Spieltag. Immerhin genug Zeit um den nächsten Neuanfang in Liga 2 zu planen. Selbst für erfahrene Feuerwerhmänner auf dem Trainerkarussell (was für ein schönes Bild) war die Nummer zu heiß. Tabellenletzter, 7 Punkte Rückstand zum Relegationsplatz. Nein, danke.

Überraschend kam Lucien Favre als neuer Trainer. Ausgerechnet dieser ruhige Trainersonderling dem zuvor das Wunder gelungen war, dass ich die Hertha aus Berlin zumindest etwas sympathisch finde. Es sollte nicht sein letztes Fußballwunder bleiben.

Als hätte er bei „Anstoss 2“ ein paar Regler verschoben fruchteten seine Ansätze sofort. Jeder Spieler war plötzlich doppelt so gut und Borussia gelang eine Aufholjagd sondergleichen. Ich kann Spiele an einer Hand abzählen, bei denen ich derart angespannt war, wie am letzten Spieltag besagter Saison. Es tat sein übriges, dass wir wie nervliche Wracks zusammensaßen und die Bundesligakonferenz über einen wackeligen Onlinestream mit überdrehtem, arabischen Moderator schauten. Der Nachmittag im Paderborner Hermann-Löns-Stadion war der Auftakt und spätestens dieser nervenraubende Nachmittag hat mich fest an die Borussia geschweißt.

Alles gut gegangen, inklusive Relegation. Schon zu diesem Zeitpunkt war Favre eine Legende, egal was danach kommen sollte. Es sollte allerdings noch lange nicht genug sein.

Im Jahr darauf gab es den 4. Platz in der Tabelle. Etliche Vereinsrekorde purzelten, zumindest einmal wurde die Champions-League-Hymne im Borussia Park gespielt und Marco Reus wurde Deutschlands Fußballer des Jahres. Es trat der seltene Fall ein, dass man am Niederrhein nicht sehnsüchtig in die Siebziger blicken musste, weil die Gegenwart schlichtweg gut genug war. Wären da nicht immer diese Tiefschläge. Wichtige Spieler verließen den Verein und man musste gefühlt wieder (fast) von vorne anfangen. Doch auch das gelang Lucien Favre. Er schien für alles eine Lösung zu haben, brachte den Verein konstant auf einstellige Tabellenplätze und in seinem Meisterstück in der vergangenen Saison brachte er die Borussia erstmals in die Champions League.

Nachdem er zuvor schon immer gern mit taktischen Finessen die Großen der Bundesliga ärgerte, dürfte er sich nun an den ganz Großen Europas versuchen. Ein Traum. Favre und Gladbach waren ein gegenseitiger Glücksgriff der besser kaum sein konnte. Denn so gut wie Favre ist, so schwierig konnte er auch sein. Er hat in vielen Dingen seine ganz spezielle Art und mit der wusste man in Mönchengladbach bestens umzugehen. Eigentlich sollte er statt Tuchel zu Saisonbeginn in Dortmund sitzen und war schon so manches Mal in München im Gespräch, doch beide Seiten wussten, was sie an dieser einmaligen Kombination hatten.

Und jetzt? Zackbumm alles aus. Die schmerzliche Erinnerung daran, wie sehr einen der Fußball doch bestimmen kann. So muss es sich angefühlt haben, als Robbie Williams damals Take That verließ. Nur noch schlimmer. Bislang dachte man, die Mannschaft würde sich schon irgendwie wieder fangen und nun liegt alles vollends in Scherben. Lucien Favre hat die Scheidung für die Vorzeige-Ehe eingereicht und das – wie sollte es auch anders sein – auf sehr speziellem Wege. Denn so ist er nun einmal: Speziell.

Ich mag keine Prognosen über das wie und warum machen, da sich wahrscheinlich gerade die Meldungen minütlich ändern. Aber immerhin habe ich zur Eigentherapie mehr als 1000 Wörter geschrieben und bin ein weiteres Mal erstaunt darüber wie einen die Nähe zum Fußball doch derart bestimmen kann. So schön es manchmal ist, so sehr kann es einen auch aus der Bahn werfen. Letzteres wahrscheinlich weitaus emotionaler.

Denn mal ehrlich, was soll jetzt noch kommen? Wer soll in diese einst perfekte Lücke passen? In die Lücke eines Trainers, der ursprünglich viel zu gut für diesen Verein war? Wen sollen die Spieler denn noch ernst nehmen, nach so einem Perfektionisten? Fragen über Fragen und nebenbei die Erkenntnis, wie bizarr das Fußballgeschäft doch sein kann.

Vor wenigen Wochen gab es noch die Meldung, dass „keiner so sicher im Sattel sitzt wie Favre„. Und jetzt? Zumal es auf jede andere Arbeitswelt abseits vom Fußball übertragen noch bizarrer wirkt. Gibt es irgendwo einen essentiellen, administrativen Job in einem millionenschweren Unternehmen, den man einfach so von heute auf morgen beenden kann? Man nennt es einfach „Rücktritt“, teilt es der Presse mit und kommt nie wieder? So ganz ohne Kündigungsfrist und alles? Hm.

Ach Lucien, komm doch einfach wieder und mach deinen wunderbaren „Anstoss 2“ Spielstand weiter. Der einzige klitzeklitzekleine Lichtblick der in dieser Situation bleibt ist, dass man einst dachte, dass nach Hans Meyer nicht mehr viel besseres kommen kann. Und das es letztlich doch nur Fußball ist. Wobei das natürlich nicht zählt. Sonst könnte ich ja jetzt auch ganz einfach einschlafen.