Der vorletzte und damit eigentlich letzte Tag meines New York Aufenthalts. Morgen würde mein Flieger gehen, also hatte ich heute noch mal einen ganzen Tag Zeit um mich von dieser wunderbaren Stadt ausführlich zu verabschieden.

Nur wo fängt man da an? Habe ich alles gesehen, was ich sehen wollte? Alle Orte besucht die mehr empfohlen wurden? Alles getan, was ich mir seit Jahren für Irgednwannmalinnewyork vorgenommen hatte? Bei weitem nicht. Hunderte Dinge schießen einem da durch den Kopf. Wo sollte ich da anfangen? Souverän wie ich bin, bin ich erst mal ewig lang im Bett liegen geblieben.

Irgendwie mochte ich das aber. Es fühlte sich so an, als sei das meine Art, New York zu zeigen, dass wir jetzt Kumpels sind. Kein raus rennen um 8 Uhr morgens, um den Tagesplan zeitgemäß abzuarbeiten, weil es doch schließlich so viele Dinge zu tun gibt. Nein, einfach liegen bleiben. Ich weiß das es dich da draußen gibt, New York und allein diese Tatsache ist ziemlich toll. Zugegeben vielleicht eine komische Art und Weise, Dinge zu schätzen. Bei Menschen würde das wohl eher weniger gut funktionieren.

Was stand für heute also auf dem Tagesprogramm? Keine Ahnung. Das übliche Umherirren? Gut. Ich hatte übrigens noch ein weiteres Detail meines fabelhaften und beinahe surrealen Montags nicht erwähnt, welches nun zum Tragen kam. Ich hatte ein Ticket für Conan O’Brien am Mittwoch bekommen, aber als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, das einer meiner beiden New Yorker Mitbewohner für die Daily Show arbeitet. Ja, so langsam würde ich mir das selbst auch nicht mehr glauben.

Ich überlegte kurz und entschied mich meine Daily Show Einladung für Mittwoch anzunehmen. Mit Conan O’Brien und Jimmy Fallon war ich ja nun schon am Eisstand und wenn ich Jon Stewart noch sehen würde, hätte ich mein US-Fernsehtriumvirat zusammen. Dass ich so etwas Mal sagen würde. Außerdem ja auch eine schöne Form des Abschieds, wenn sich der Kreis schließt, nachdem es am ersten Tag in New York mit der Daily Show nicht so ganz klappen wollte.

Und so fand ich mich wieder vorm „Comedy Central News Headquarter in New York“.

Weiß ja nun auch wie das läuft hier und mit der Zusage, dass ich sowieso reinkommen werde, gestaltete sich das Ganze auch noch als sehr viel entspannter. Ich unterhielt mich mit einer jungen Dame aus der Warteschlange und erklärte ihr wie das hier alles läuft. War ja mittlerweile der Oberbescheidwisser was Fernsehen in New York angeht. Ich sagte ihr, dass sie etwa 100 Leute vor sich stehen hat, sie brauche sich also keine Sorgen zu machen und käme mit sehr sehr großer Wahrscheinlichkeit rein.

Danach hatten wir noch ein kurzes Gespräch über die USA und Deutschland. Meist kommt es dann auf Klischees zu sprechen. Ich mag das ja irgendwie. Sie sagte, was sie gemerkt hatte, wäre, dass alle Deutschen mit denen sie zu tun hatte, immer recht hatten. Fand ich irgendwie komisch.

Kurz darauf kam sie wieder und zeigte mir ihre Ticketnummer: 102. „See?“ sagte sie, lachte und ging wieder. Für einen Moment habe ich mich schon als Gast bei SternTV gesehen. „Deutschlands bester Schätzer“

Name gesagt, Ticket bekommen und jetzt 2 Stunden Zeit bis zum Einlass. Wenn die Sendung fertig ist, ist es dunkel. WAS SOLL ICH MIR DA JETZT NOCH SCHNELL ANGUCKEN?! Im Endeffekt bin ich komplett wirre Wege gelaufen und kann mich an keine Ecke so recht erinnern. Zumal ich zu Beginn dachte, ich hätte nur eine Stunde Zeit und nicht gleich zwei. Hach, ich Organisationstalent. Das einzig nennenswerte zwischendurch war vielleicht diese großartige Gyroswerbung:

Nach 2 Stunden unkontrollierter urbaner Wanderschaft und einer halbe Stunde Wartens saß ich auf meinem Stuhl im Publikum der Daily Show. Hübsches Studio! Leider waren auch hier (wie immer) keine Fotos erlaubt. Zudem wurde man zuvor von 2 oder gar 3 Securities durchgecheckt. Irgendwie ja verständlich , gibt sicherlich einige Menschen in den USA, die Jon Stewart Böses wollen.

Sollte man übrigens doch beim Fotografieren erwischt werden, wird die Kamera oder das Handy eingezogen und man muss vorher, unter Aufsicht die Aufnahme/n löschen. Meine Güte. Bevor es losgeht laufen eine halbe Stunde auf voller Lautstärke diverse Charthits. Ich mag Charthits, von daher alles gut. Seitlich zum Publikum standen 2 Praktikanten, die ab und zu mit einem kleinen pinken Zettel zu einzelnen Zuschauern gelaufen sind. Habe mich lange gefragt, was das wohl soll, bis ich es gesehen habe: Kaugummis raus! Hahaha. Die Kaugummi-Polizei! Was man nicht alles über sich ergehen lassen muss, nur um einmal einen der lustigsten Menschen der Welt aus live zu sehen.

Musik aus, los geht’s. Nein, noch nicht ganz. Erst muss man noch eine dunkle Seite von Fernsehaufnahmen über sich ergehen lassen. Das ist überall auf der Welt so und es ist wohl, zumindest in seiner teilweisen Wirkung, einer der schlimmsten Jobs der Welt: Der Anklatscher. Von mir aus auch Anheizer. Furchtbar.

Immer sind es Männer mittleren gehobenen Alters, die versuchen müssen, dass Publikum möglichst gut gelaunt und (das ist noch viel wichtiger) möglichst laut zu bekommen. Das geschieht mit ganz schlimmen Witzen und man spürt förmlich, dass hier gerade eine gescheiterte Comedy-Karriere im Studiolicht umher springt. Der Anklatscher der Daily Show ist tatsächlich im Kreis gerannt, hat die Leute in der ersten Reihe abgeklatscht, während er das gesamte Publikum dazu aufforderte, seinen Namen laut im Takt zu rufen. Interessante Mischung aus Abneigung und Mitleid, die sich da in einem ausbreitet. Letztlich fokussierte es sich dann zunehmend auf ersteres, da er der Reihe nach Witze auf Pocherniveau über einzelne Publikumsmitglieder machte. Bevor er endlich verschwand (das Publikum war laut genug) sagte er allen ernstes noch, dass er nach der Show am Ausgang Rabattkarten für seinen Auftritt bei irgendeinem Comedyevent verteilen würde. Und schon war es wieder da, das Mitleid.

Aber egal, weg mit Herrn Anheizer, Zeit für Herrn Stewart. Der nahm sich, wie vor jeder Sendung nämlich die Zeit dazu einige Fragend es Publikums zu beantworten. Klare Anweisung der Securities vorher: Nicht nach Umarmungen fragen.

Jon Stewart ist erstaunlich klein, er geht mir schätzungsweise bis zum 3. Rippenbogen und sein Jackett ist länger als seine Beine. Immer diese kleinen Fernsehmenschen. Dafür ist er tatsächlich so überdreht und lustig wie man es von ihm vermutet. Als wäre er ein Wrestler, nur eben etwas kleiner und im Jackett.

So lang wie die Vorbereitung gedauert hat, so schnell ist die Aufzeichnung auch schonwieder vorbei. Amüsante Sendung und Wahnsinn zu sehen, wie sich der Herr da einfach hinsetzt, nicht einen Fehler macht, jede Pointe trifft und alles ohne ein Augenzwinkern im ersten Take klappt.

Übrigens: Die, wie ich finde eher langweiligen, Gesprächsrunden mit seinen „Korrespondenten“ sind natürlich komplett gescriptet und werden vollständig vom Teleprompter abgelesen, was sie nicht gerade unterhaltsamer macht.

Und so hatte ich mein Lieblingstriumvirat des US-Fernsehens zusammen und konnte mit dem beruhigenden Gedanken nach Hause fliegen, dass Jon Stewart ja tatsächlich so toll ist, wie ich mir das erhofft hatte. Hier die vollständige Sendung. Wer mich lachen hört, bekommt ein Calippo Cola. Mein Lieblingspart daraus ist der mit Donald Trump. Großartig!

Danach irrte ich stundenlang durch New York. Das noch sehen, hier noch mal vorbei, da noch mal gucken. Keine Ahnung wo ich überall genau war.

Beim Time Square Zum Beispiel, wo meine illustre kleine Reise irgendwie ihren Lauf genommen hatte. Mir fiel auf, dass es dort Ecken gibt, die tatsächlich zu 100 Prozent auf mich abgestimmt sind:

Und das hier hatte ich mir auch irgendwie unauffälliger vorgestellt:

Einen Football und (viel wichtiger) einen Stift, um mir diese markanten schwarzen Striche unter die Augen zu malen, kaufte ich mir noch und machte mich dann auf den Heimweg um ins Bett zu fallen. Noch eine Nacht und einen Tag New York.