Mein erster Tag in New York, der ausserhalb New Yorks war. Mein Onkel ist vor etwas mehr als 7 Jahren in die USA ausgewandert und wohnt seitdem im benachbarten Bundesstaat Connecticut. Eine hervorragende Gelegenheit für einen kurzen Besuch also. Vor allem um sich auch mal eine ruhigere Ecke des Landes anzugucken und die auch noch von jemandem gezeigt zu bekommen, der sich da bestens auskennt. Amerikanismen-Basisunterricht I.

Die Zuganbindung war erstaunlich einfach. Nur in einen Zug in der Grand Central Station setzen und dann zwei Stunden durchs Land fahren. Dummerweise werden aber auch die einfachsten Dinge erheblich schwieriger, wenn man unter Zeitdruck steht.

Und was soll ich sagen, die Grand Central Station in New York ist einer der ungünstigsten Orte überhaupt, um dort beim allerersten Besuch am frühen Morgen in fürchterlicher Eile zu sein. Keine Ahnung wie, aber ich habe es irgendwie geschafft, noch rechtzeitig ein Ticket zu bekommen und meinen Zug zu erreichen. Wie der Louis Defunes des nordamerikanischen Fernverkehrs muss ich da wohl umher gesprungen sein.

Nach einer Woche zum ersten Mal wieder raus aus dem Trubel New Yorks. Aus dem Zugfenster sieht man erst mal lange nichts. Beziehungswiese sieht man schon etwas, nämlich zumeist sehr alte Industrieflächen. Dort gibt es aber keine Menschenseele. Ein bisschen so, als würde man ein kleines Stück vom Ruhrgebiet nehmen, 90% der Menschen daraus entfernen und auf eine sehr sehr große Fläche breit ziehen. Ach ja, mit dem Atlantik dahinter. Eine gute Gelegenheit, dass gesamte „The Suburbs“ Album von Arcade Fire durchzuhören.

Erstaunliche Abwechslung. Die letzten Tage habe ich eigentlich konstant so viele Menschen auf einem Quadratmeter gesehen, wie man hier auf einem ganzen Landstrich findet. Und während ich immer wieder meinen Blick etwas ungläubig aus dem Fenster schweifen lasse, bleibt mir auch genügend Zeit, das US-Original meiner deutschen Lieblingslektüre zu lesen:

Weiß jetzt bestens über die „Real Housewives of New Jersey“ Bescheid und in dieser Ausgabe wurde lustigerweise in einem zweiseitigen bericht noch behauptet, Kim Kardashian würde sich nie nie nie scheiden lassen. Nebenbei sei noch vermerkt: Eigentlich wollte ich auch aus Spaß einen kurzen Selbstversuch machen, aber die Fettverbrennungspillen für die Snookie in der InTouch wirbt kosteten stolze 30 Dollar in der Drogerie. Tze, so nicht!

Aber zurück zu Connecticut. Ich stehe am Bahnhof von New Haven und noch während ich denke, dass es schon irgendwie bemerkenswert ist, dass das hier, am anderen Ende der Welt, mittlerweile die ganze normale Heimat meines Onkels ist, kommt er auch schon um die Ecke gebogen. Mir steht ein hervorragender Tagesplan bevor.

Aber eigentlich hätte es mir auch gereicht, die ganze Zeit wirr mit dem Auto umher zu fahren, so schön sieht es in Connecticut aus. Dieser US-amerikanische Vorstadtcharme mit ganz viel Land dazwischen. Toll. Doch ehe ich mich auch nur halbwegs daran satt sehen kann, gibt es erst mal essen.

Erster Halt meiner kleinen Amerikanismen Basis-Schulung: Ein American Diner!

Die Schwiegereltern meines Onkels und Seine Frau sind auch mit von der Partie. Sehr herzliche Menschen. Vor allem die Schwiegermutter, eine Frau aus der Riege lieber Omis. Vom gleichen Schlag wie meine Oma in der Heimat. Aus diesem Grund verstehen sie sich wohl auch so gut, ohne sich wirklich zu kennen. Omis eben. Liebe Omis machen sich untereinander auch gern Geschenke. Die können dann schon mal etwas abwegig, dafür aber umso omimäßiger sein. Ich bekam zum Beispiel ein kleines Päckchen mit, dass ich doch bitte meiner Oma nach Deutschland mitnehmen sollte. Der Inhalt des Päckchens: Eine 20er Packung Papierservietten mit Weihnachtsmotiven. Ach, Omis.

Was ich gegessen habe, weiß ich gar nicht mehr, was mir aber in Erinnerung blieb, war diese adäquate Cookie-Größe:

Die Größe kommt auf dem Bild nicht so gut rüber aber zum Vergleich: Die Tabletts haben jeweils ziemlich genau die Größe eines A4-Blatts. Das dürfte auch erklären warum hier, wie in vielen anderen Läden auch, ein großes Plakat mit Notfallmaßnahmen hängt. Nicht etwa für einen Brandfall oder Erdbeben, nein für den Fall, dass sich jemand am Essen verschluckt.

Danach weiter mit dem Auto fahren. Es wurde tatsächlich immer schöner. Wahnsinn. Ich habe tatsächlich selten eine so schöne, lebenswerte Landschaft gesehen. Hübsche kleine Häuser, dann mehrere hundert Meter Wald und stets in der Nähe: Der Atlantik.

Es ist einer der dichter besiedelten gegenden des Landes, aber dennoch so ruhig, dass hier Biber in aller Ruhe wirken können. Eine Biberburg! Was ist schon manhattan gegen die Deluxe Variante einer Biberburg?


Toll. Auch wenn leider keiner der Biber für eine persönliche Begrüßung vor Ort zur Verfügung stand. Womöglich grad in Narnia unterwegs. Oder bin ich vielleicht gerade in narnia unterwegs? Immerhin wurde George W. Bush in diesem Bundesstaat geboren. Man weiß ja nie.

Dieses „Da wohnen menschen und dann kommt erst mal eine Weile lang nichts“ was man schon von kleinauf kannte, sich aber nie so recht vorstellen konnte, wurde hier mehr als deutlich.

Strahlend blauer Himmel, Indian Summer und dann fuhr auch noch der Schulbus vor uns her. Perfekte Grundlagen für meine Amerikanismen Basisseminar. Ich spürte förmlich, wie langsam mein herz für Country Musik in mir aufblühte. Aber bevor es dazu kam, wurde nach einem kurzen Zwischenstopp mal eben eines meiner musikalischen Traumszenarien seit vielen Jahren erfüllt. Rein ins Auto, aus der Ausfahrt raus auf den highway und im Radio beginnt „Turn The Page“ in der Metallica Version. Hach. Connecticut, du meinst es heute sehr sehr gut mit mir.

Bei einem Zwischenstopp in einem Outlet Store … ähhh … Land, bekam ich meine wichtigen basiskenntnisse, was Baseball angeht beigebracht. Bei Football kann ich ja noch halbwegs mithalten aber Baseball… phew. immerhin weiß ich jetzt welche Mützen ich noch aufsetzen darf und welche nicht. Schon ein lustiges Szenario so eine Outlet Store Ansammlung. Da fährt man in einer halben Stunde vielleicht an 5 bis 10 Häusern vorbei und dann sind da auf einmal riesige Parkplätze und man kann alles kaufen, was das Herz begehrt. Dies ist nur einer von, ich glaube insgesamt 5 Parkplätzen:

Eigentlich der perfekte Ort um sich einen Weißkopfseeadler auf den Oberarm stechen zu lassen. (Nein, keine Sorge.) Ich bin hellauf begeistert von meinem kleinen Amerikanismen-Seminar.

Hier freue ich mich zum Beispiel so sehr, dass ich am Strand des Atlantik instinktiv eine Pinguinhaltung einnehme:

Eine landschaftliche Mischung aus Bergen mit Wald und Meer. Wunderbar. Genau davon hatte ich immer auf der Heimfahrt geträumt, wenn ich mit meinen Eltern früher aus der Thüringer Heimat in den Ostseeurlaub gefahren bin. Und es mag an dieser Stelle zwar absolut keinen Sinn machen, aber ich hab es einfach nicht aus dem Kopf bekommen:

Ich hatte die absurden Größenverhältnisse im Vergleich zum Umland bereits beim Outlet Dingsbums erwähnt. Das sollte aber noch ein weiteres Mal getoppt werden. Mein Onkel arbeitet, wie ich schätze mal so ziemlich jeder Bewohner dort, im nahe gelegenen Mohegan Sun Casino. Man muss sich das so vorstellen: Da ist nur Wald rundherum und dann steht da ein Hotel mit einem Casino daneben, welches zu den 10 größten der Welt gehört. Ähm, hallo?

Einer der mit Abstand absurdesten Plätze, den ich je besucht habe. Man muss dazu sagen, dass ich zuvor noch nie in einem Casino war und dann gleich so was. Tausende Glücksspielautomaten, eine eigene Konzerthalle (in der in der Woche drauf Jay-Z und Kanye zu Gast sein sollten) und zum Beispiel ein Planetarium(!). Egal was es ist, es ist entweder das größte oder teuerste etwas in New England. Dort arbeiten etwa 8000 Leute (in den 8 Stunden Connecticut habe ich schätzungsweise 27 gesehen) und am Tag werden durchschnittlich etwa 15 Millionen Dollar an Gewinn ausgeschüttet. Was das dann für den Eigengewinn bedeutet, kann man sich ja ungefähr ausrechnen.

Zur Mittagszeit scheinan da irgendwie nur Rentner zu sein und was dabei besonders amüsant ist, die nicken dann auch schonmal vor ihren Automaten ein. Zumindest hoffe ich, dass sie geschlafen haben. Apropos absurder Platz: Michael Jordan hat ein eigenes Steakhouse da drin:

Und in meiner Countrylaune war ich kurz davor, das hier zu kaufen:

Immerhin befindet sich darauf eins der besten Lieder der Welt:

Aber genug mit dem Kitsch. Meine Reputation! Vollkommen absurder Platz jedenfalls. Und da musste ich mich doch auch mal am Glücksspiel probieren. Wäre doch auch super für meine Berichterstattung hier, wenn ich dort plötzlich Millionär werden würde, oder?

Innerhalb von etwas mehr als 20 Sekunden habe ich dann einen 5 Dollar Schein in das hier verwandelt:

Die Stelle des kommas, bzw. des punktes, ist hier sehr wichtig. Dabei war das ein Automat mit Batman drauf, da hatte ich mir zumindest etwas mehr Fairness erhofft. Hmpf. Aber so hab ich den Rentnern wenigstens ein bisschen was zum Gewinnen da gelassen. Genug Casino für mich. Alles blöd hier, pah!

Auf der Autofahrt danach fiel mir diverse weitere male auf, wie wunderhübsch es dort doch ist:

Und weil es die Radiostationen Connecticuts so gut mit mir meinen haben sie es während diesem Ausblicks auf der Interstate einfach noch mal gespielt:

Was für ein großartiger Tag! Auf der Zugfahrt zurück ins bunte treiben New Yorks habe ich die alljährliche Comedy Ausgabe der Entertainment Weekly gelesen. Neben diversen Features aller möglichen US-Comedygrößen hat sich die schon allein wegen einem verkleideten Chevy Chase gelohnt:

Womöglich weil ich zuvor sehr viel über Sitcoms und Dergleichen gelesen hatte, fühlte sich mein Leben dann auch direkt wieder wie eine an. Als ich am Abend in der Haupthalle der Grand Central Station ankam … nun ja … ging mir schlagartig der Gürtel meiner Hose kaputt. Äusserst unpraktisch und ich hatte ernsthaft kurz Angst vor eventuellen Gefängnisstrafen, wenn ich jetzt unachtsam sein sollte, haha.

Auch wenn ich mich wiederholen mag, aber: Großartiger Tag im hübschen Connecticut und spätestens dank des Amerikanismen-Grundseminars bin ich bestens integriert. Sogar den High School Blick kann ich schon: