26. Oktober 2011 | 14:56 Uhr


3 Stunden habe ich geschlafen. Gut, geschlafen eigentlich nur die Hälfte davon und das war dann auch kein richtiger Schlaf. Gar nicht mal so sehr wegen Aufregung und Vorfreude, sondern wegen meinem eher eigenwilligen Organisationstalent. Wie das eben so ist, wenn man eine Reise plant und dies und jenes noch erledigen muss. 5 Uhr morgens lag ich dann endlich mal in meinem warmen Bett und wollte eigentlich gar nicht mehr in dieses New York, sondern einfach nur unter der Decke bleiben. Nach dem Aufwachen war dieser Gedanke aber glücklicherweise wieder abhanden gekommen.

Koffer packen. 3 Stunden vor Abflug. Diesmal gar nicht mal wegen Zeitmangel, sondern weil die Socken noch nicht trocken waren. Irgendwas ist ja immer. Dafür dann umso mehr Zeit am Flughafen gehabt. Ein wunderbarer Ort zum Menschen beobachten. Zudem fühlt man sich dabei auch noch so weltmännisch. Meine fehlende Nachtruhe war auch auf einmal wie weg gezaubert, als ein Herr mit Bluetooth-Headset beim Telefonieren gegen eine Glastür lief. Jackpot!

Erstmal nach Frankfurt fliegen, dann erst so richtig. Aber war ganz schön. Ich guck doch so gern aus dem Fenster beim Fliegen. Und eigentlich könnte ich die ganze Zeit durch die Luft kreisen und mir dabei kleine Dörfer mit noch kleineren Häusern in mitteldeutschen Mittelgebirgen angucken. Hach. Und das übrigens im besten Flugzeug der Welt:

Anschlussflug. New York, ich komme. Irgendwie mag ich die Spannung, wenn man ins Flugzeug steigt und langsam zu seinem Platz läuft. Ist es ein guter Platz? Ist womöglich daneben frei? Und wenn nicht, sitzt dann jemand nettes dort? All das ging mir in meiner Reiselaune durch den Kopf. Ich habe die gleiche Körpergröße wie Michael Jordan, weshalb mir alle Welt immer rät, einen Platz am Gang zu nehmen, da muss man sich wenigstens nicht ganz so zusammen falten. Mir aber egal. Ich will Fenster! Ich will Wolken angucken und dabei tolle Musik hören. Ursprünglich wollte der Mensch doch genau deswegen fliegen. Oder etwa nicht?! Doch als ich an meinem Platz ankam, saß dort bereits eine alte, grimmig schauende Frau mit schütterem Haar. Sie saß da nicht nur, sie sah auch so aus, als würde man sie dort nie wieder weg bekommen. Das sagte zumindest auch ihr entschlossen grimmiger Blick. Daneben ihr Mann. Das perfekte Gegenstück. Ein kleiner dicker Gurkenkönigmensch mit Haut wie der Mond nur eben aus Haut. Sah toll aus, wei die beiden da saßen, irgendwas auf russisch murmelten und mich anstarrten, während ich mich neben sie setzte.

Meine Lieblingsbesonderheit der Beiden war eigentlich, dass sie beide die komplette Flugdauer über, jeweils eine übergroße schwarze Lederjacke trugen. Wie 2 Eulen in Lederjacken saßen sie da und beäugten mich grimmig, bevor sie wieder was murmelten. Einmal gelang es mir doch tatsächlich mal kurz einzuschlafen. Als ich nach wenigen Minuten wieder aufwachte, starrten mich beide an. Ein toller Flug.

Auf dem Platz vor mir saß ein hessischer Unternehmer, der sein Geld mit Baufahrzeugen verdient. Das kam zumindest schnell raus, da er seinem Sitznachbarn detailreich davon erzählte und sich bei jeder Fahrzeugeigenschaft die er nannte, wuchtig in seinen Sitz fallen ließ. Aua. Aua. Aua. Als er zur Ruhe kam, lag er dann bei mir auf dem Schoß. Rückenlehne nach hinten. Hoarr! Mal ehrlich, sind Rückenlehnen nicht furchtbar asozial? Man bekommt doch durch diesen kleinen Neigungswinkel niemals so viel mehr Komfort, dass es das Ärgernis vom Menschen dahinter irgendwie rechtfertigen könnte.

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Rentner. Überall Rentner. Wurde ich da womöglich einer osteuropäischen Rentnergruppe untergejubelt? Konnte gut sein. Das war wirklich erstaunlich. Irgendwo musste immer jemand husten. Und zwar dieses Husten, wo es so klingt, als würde der/die Betroffene innen drin mit steinernen Zahnrädern betrieben.

Leider Gottes gab es noch nicht mal irgendein Entertainmentprogramm in das ich mich hätte stürzen können. Es gab keine Bildschirme im Sitz, sondern nur ein paar kleine Röhrenmonitore an der Decke im Gang, so das ich mich fühlte, als wäre ich mit den Rentnern auf Klassenfahrt. Passend dazu kam dann auch nur Schmuckwerbung, Golden Girls und Mickey Maus Cartoons aus der Nachkriegszeit.

Der kleine dicke Kumi Ori in Lederjacke neben mir versuchte sich auch mal an den Kopfhörern. Leider hat er es nur geschafft, die Lautstärke voll aufzudrehen, nicht aber den Trance-Radiosender zu wechseln. Also hängte er die Kopfhörer einfach wieder an seinen Sitz und unterlegte die gemütliche Flugzeugstimmung mit feinen Klängen. Als er kurz eingenickt ist, hab ich schnell ausgemacht. Das erste was er nach dem Aufwachen machte war natürlich, mich wie ein Frosch anzugucken. Kommentarlos. „Schön hier“ dachte ich.

Später stellte sich heraus, dass die beiden aus Mazedonien kam. Sie sprachen weder deutsch noch englisch, weshalb ich ihnen half ihren Zoll Zettelkram auszufüllen. Hab mir überlegt, dass es eigentlich ganz lustig wäre zu beobachten, was passiert, wenn denn jemand bei diesem Einreisezettelkram tatsächlich ankreuzt das er einer terroristischen Vereinigung angehört und/oder ein Spion ist. Aber das wollte ich ihnen dann doch nicht antuen und versuchte mein Bestes. Als Dank bekam ich ein Husten von ganz tief unten mit einem Nicken dazu.

Einziger Lichtblick war die französische Familie schräg vor mir, die irgendwann eine Kissenschlacht anfing. Ich durfte aber leider nicht mitmachen, ich saß ja bei den Rentnern. Dafür … und das war wirklich toll … kam ab und zu ein kleines, indisches Kind durch den Gang gerannt und hat sich kaputt gelacht, während es versuchte an mir hochzuklettern. Irgendwo da in mehreren Kilometern Flughöhe über dem Atlantik muss meine biologische Uhr dann wieder zerflogen sein. Mehrmals gleich. Allein schon aus Angst vor dem Alter.

Da ich eine Extrawurst bin, habe ich mir vegetarisches Essen für den Flug bestellt. Da es ja (leider) immer nur ein paar Menschen bei so nem Flug sind, die das machen, ging die Verteilung davon recht schnell und ich bekam das Essen immer einige Minuten vor allen Anderen. Problem dabei: Der ungewollte Sitzplatztausch mit der Lederjackenoma. Das Essen war schließlich für meine Sitzplatznummer hinterlegt, also kam dann immer eine Stewardess, wollte der Oma das Essen reichen und genau da musste ich immer intervenieren. Vegetarisch? Das ist meins! Die grimmige Eulenoma hat das natürlich nicht verstanden. Für die Beiden sah das dann jedes Mal so aus, als würde ich in letzter Minute ihr Essen für mich beanspruchen. Fühlt sich gut an, bei jedem Bissen böse Blicke von der Seite zu bekommen.

Irgendwann sollte man vielleicht mal eine Doku über die Kombination Rentner und technische Geräte in Flugzeugen drehen. Einem alten Mann schräg hinter mir, ist es irgendwie gelungen, Heavy Metal in voller Lautstärke über sein Handy laufen zu lassen. Er schien davon genauso überrascht zu sein wie ich.

Jetzt schreibe ich hier schon seit fast einer Stunde vom Flug, langsam aber sicher sollte ich mal auf New York zu sprechen kommen. Ach, gleich.

Erwähnte ich schon, dass ich das nicht mag, wenn ich beim Fliegen nicht aus dem Fenster gucken kann? Allein schon fürs Gefühl und das Bewusstsein, dass man jetzt woanders ist. So habe ich mich in Berlin für 8 Stunden in einen brummenden Kasten gesetzt und mein Körper denkt deshalb, er wäre immer noch in Berlin. Hm. Also nicht jetlagtechnisch oder so, sondern einfach vom Gefühl her. Dafür habe ich meine erste richtige umfangreiche Zeitreise genutzt, um „Ocarina Of Time“ noch mal auf dem DS anzufangen. Doch dazu später mehr. Kommen wir doch endlich mal zu New York.

Das erste Mal New York in meinem Leben, sehe ich im Landeanflug durch einen kleinen Spalt, den die nach vorne gebeugten Lederjacken neben mir lassen. Währenddessen fängt hinter mir eine Mutter an für die nächsten 10 Minuten zu Erbrechen während ihre Tochter daneben sitzt und bitterlich weint. Die Landung ist so unsanft, dass ein Raunen durch die Reihen geht und schlagartig auf allen Monitoren an der Decke rot eingefärbtes Weißes Rauschen kommt. Hallo New York!

Oder eher gesagt: Hallo New Jersey! Der erste Mensch, der auf amerikanischen Boden mit mir spricht, ist ein Officer. Er fragt: „You guys know the Gaslight Anthem in Germany?“ Endlich angekommen.

Ab da funktioniert alles total schnell. Ich hatte mir eigentlich ausgemalt, wie ich stundenlang an einem Lügendetektor sitze und ich irgendwann nicht Einreisen dürfte, weil ich ein Kreuz bei diversen Anmeldeformularen falsch ausgefüllt habe oder es ans Tageslicht käme, dass ich vor vielen Jahren mal Nägel für unser Baumhaus geklaut habe. Aber nichts von alledem. Es ist vielleicht eine halbe Stunde und dann stehe ich mit meinem Koffer in einer Halle vor einem Ventilator, schaue mir den blauen Himmel an und bin für einen Moment der glücklichste Mensch der Welt.

Keine Ahnung wie ich das danach alles koordiniert habe, hat direkt geklappt. Ich bin mit zu 70% Glück immer in die richtige Bahn gestiegen und genau in dem Moment in meinem Appartment angekommen, als der Vermieter gerade vor einige Stunden gehen wollte.

Auf der Zugfahrt vom Flughafen in New Jersey nach New York fühlt sich alles an wie im Film. (Ich schätze daran wird sich auch in den nächsten 8 Tagen nichts ändern) Ich höre Springsteen und freue mich in der brachen, aber hübschen Industrielandschaft über Läden wie „Tony’s Pizza“. Direkt mal den Sopranos Intro Song gehört, den habe ich mir extra für Momente wie diesen auf den MP3-Player gemacht.

In New York bin ich in Williamsburg untergebracht. Immer wenn ich das gesagt habe, kamen Leute, die schonmal hier waren, ins schwärmen. Und es stimmt tatsächlich. Alles ist wunderhübsch hier, als wäre man inmitten einer HBO-Fernsehserie gelandet. Und was noch viel besser ist: Die Grundstimmung und Kommunikativität der Menschen hier. Die letzten 6 Jahre meines Lebens habe ich in Ostwestfalen oder Berlin verbracht, da ist das wie ein kleines Geschenk, wenn man allein vom Weg zum Flughafen ins neue Zuhause mit 4 verschiedenen, fremden Leuten irgendwelche Witze macht.

Ich mag das hier alles so aussieht, wie man es eben von irgendwoher kennt. All der Kitsch, all die Uniformen und erst recht die Geräuschkulisse.

Gegen 6 am Abend bin ich endlich da und lasse mich erstmal aufs Bett fallen. Was jetzt? Ich bin seit gut 30 Stunden wach und der Schlaf davor war auch nicht sonderlich qualitativ. Meine Entscheidung kann deshalb nur ein sein: Zum Times Square fahren!

Und so stehe ich da ein paar Minuten später. Bunte Lichter + Schlafmangel = Yeaaahhhhh!

Ich weiß gar nicht wo ich zuerst anfangen soll im Kopf während ich da rumstehe. Mein erster Gedanke war lustigerweise, dass ich mir das alles viel größer vorgestellt hatte. Haha, noch größer. Als ob das überhaupt geht.

Ich laufe planlos umher und stehe irgendwann vorm Zeil meiner Träume: Toys R Us! Überall Spielzeug! Endlich bin ich hier. Und was es da nicht alles gibt. Zum Beispiel Egon. EEEEGOOON!

Oder, ähhh …

Oder ein lebensgroßes Barbie Haus!

Als kleine Garnitur obendrauf (Bunte Streusel) gab es dann noch einen Besuch im Comicladen um die Ecke. Hach, alles voll und die Menschen reden über Comics. Ist das nicht toll?

An mehr kann ich mich gerade gar nicht erinnern, weil es einfach auch ein bisschen zu viel für mein kleines Köpfchen war. Doch, halt! Das hier noch:

Ausserdem drängelt mein Zeitplan und ich muss mal los jetzt und die schöne Nachbarschaft erkunden. Apropos, ich hätte gerne Überwachungsvideomaterial von meinem Gesichtsausdrück gesehen, vom Moment (oder eher den momenten) als ich mit angesprochenem Schlafdefizit feststellte, dass die Frauen von Williamsburg ganz schön hübsch sind.

Als ich gerade wach wurde und mich ans Fenster gestellt habe, war tatsächlich das erste was ich sah, eines dieser grauen, dicken Squirrels. Hach. Komm her du neuer Tag am anderen Ende der Welt!

PS: Die Nachbarschaft meint es gut mit mir:

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