Ich bin zwar einer dieser Wasmitmedienheinis, deren täglich digitales Brot das Internet ist, dennoch weiß ich über manche Dinge und Situationen manchmal viel zu wenig. Beziehungsweise bin ich natürlich nicht komplett ahnungslos, sondern habe eine nötige Grundahnung, möchte dann meist aber auch gar nicht mehr darüber wissen. Zumeist liegt das nicht an Desinteresse, sondern einfach daran, dass man mit einem Thema komplett überrollt wird.

Keine Ahnung woher dieser Reflex kommt, aber viele dieser Netzmenschen (so eine tolle Bezeichnung) haben einen Hang zur Überreaktion. Wäre das Internet ein Getränk, dann womöglich eins mit sehr viel Schaum. In vielen Themen ist das wichtig, keine Frage. Da ist es gut, wenn ständig jemand weiter trommelt und für Aufmerksamkeit sorgt. Dann gibt es aber auch auf einmal solche Aktionen, wo die Häuser von Leuten fotografiert werden, die ihr Haus bei Google haben verpixeln lassen, weil ihnen das alles etwas ungeheuerlich ist. Am besten setzt man solche Aktionen als Netzverfechter dann möglichst medienwirksam um. Mit einem Reporter der Abendschau eines lokalen TV-Senders oder so. Geht doch nicht, dass hier jemand das Internet ärgern will. Unser Internet! Bevor ich da etwas vernünftig erkläre, stoße ich lieber ein paar Leute vor den Kopf.

Herrje, ich komme schon wieder vom Thema ab und schreibe halb gares, wirres Zeug. Fest steht jedenfalls, dass ich die Entrüstung und anschließende Übertreibung auf vielen Ebenen bei manchen Dingen einfach nicht nachvollziehen kann. Vor allem die Diskrepanz zwischen der Begründung, warum man etwas tut und die Dinge die dann letztlich getan werden.   Viel zu oft gibt es dann von Leuten, die es besser wissen müssten aber statt einer vernünftigen Erklärung, viel eher für Verärgerung sorgen.

Das aktuellste Beispiel dafür ist wohl das Aus von Megaupload. Der Filesharing-Riese wurde nach einem erfolgreichen Schlag des FBI vom Netz genommen und plötzlich raschelt es überall im Laub. Von der Art der Reaktion, die ich eben ansprach, bezogen auf dieses Thema, hat es die deutsche Piratenpartei in einer Presseerklärung wohl am besten auf den Punkt gebracht:

Wie am gestrigen Donnerstag bekannt wurde, haben US-amerikanische Behörden den Filehosting-Dienstleister Megaupload abgeschaltet und dessen Geschäftsführung festgenommen. Als Begründung nannten die Behörden angebliche umfangreiche Urheberrechtsverstöße. Diese Behauptung erweist sich bei näherer Betrachtung jedoch als höchst fragwürdig.

Ich fand es bereits fragwürdig, dass eine politische Partei, die Bezeichnung „Contentmafia“ in der Überschrift einer Presseerklärung benutzt, aber diesen Ausschnitt fand ich dann noch ein kleines Stückchen besser. Die „Contentmafia“ hat also gewütet und Megaupload kaputt gemacht, obwohl das mit den Urheberrechtsverstößen doch gar nicht mal so genau fest steht.

Ernsthaft? Wir können ja mal ein kurzes Spiel spielen: Man möge sich einfach mal kurz überlegen, wie und wo man jetzt mal eine Datei bei Megaupload (wäre der Dienst noch online) suchen könnte, die nicht urheberrechtlich geschützt ist. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich keine Ahnung habe. Dafür wäre es aber in wenigen Klicks machbar, jeden aktuellen Kinofilm, diverse Software, Musik, Serien usw. zu bekommen. Und das weiß man auch spätestens nach der ersten Stunde des Computerkurses an der Volkshochschule. Zu behaupten, ob denn vorliegende Urheberrechtsverstöße fragwürdig wären, ist dann schlichtweg ignorant.

Bei der Piratenpartei kommt dann noch folgender Vergleich:

„Rechtlich gesehen bieten Filehoster etwa die gleiche Dienstleistung wie ein Lagerhallenbetreiber an – es wäre absurd, diesen für das Verhalten seiner Kundschaft verantwortlich zu machen“

Mhmmm Mhmmm eine Lagerhalle, die zu gut 95% mit urheberrechtlich geschütztem Material gefüllt ist und jeder der mag, kann sich eine unentgeltliche Kopie von allem holen. Könnte mir absolut nicht vorstellen, dass da irgendjemand rechtlich etwas gegen dieses Geschäftsmodell hätte, würde diese Lagerhalle beispielsweise in Berlin stehen. Beziehungsweise gibt es ja solche Lagerhallen in Berlin schätze ich mal. Aber irgendwie kriegt man von denen nur mit, wenn sie von der Polizei hoch genommen werden. Komisch.

Es gibt ja weitaus mehr dieser One Click Filehoster wie Megaupload (die sich gerade ein Loch in den Bauch freuen) nur stellen die sich zumindest noch ein Stück weit geschickter in den Grauzonen, in denen sie sich bewegen, an. Bei Megaupload hat man nicht nur zuhauf Urheberrechte verletzt und damit Geld ohne Ende verdient, man hat sich dabei auch noch relativ bescheiden hinter den Kulissen angestellt.

Man kann die Anklage hier einsehen und bereits ein paar Auszüge daraus zeigen äusserst ungeschicktes, dummes Vorgehen:

  • Die Betreiber haben die eigenen Megaupload Datenbanken gezielt nach urheberrechtlich geschütztem Material durchsucht und zwar nicht, um es zu sperren, sondern um es selbst herunter zu laden.
  • Nach Hinweisen, urheberrechtlich geschütztes Material vom Server zu nehmen, wurde zwar der gemeldete Link gesperrt, nicht aber die Datei, auf die er verwies. Die lag nach wie vor auf dem Server und war über andere Wege zugänglich.
  • Die Betreiber haben selbst urheberrechtlich geschützte Inhalte bei ihrem Dienst hochgeladen. Dementsprechend waren sie sich nicht nur bewusst, dass Nutzer ihre Plattform für solche Zwecke nutzen, sondern machten es auch noch selbst, wodurch sie diverse gesetzliche Auflagen nicht mehr erfüllten und ruck zuck aus der Grauzone, in der sich die vielen anderen Anbieter befinden, heraus katapultiert haben.
  • Um der Tochterplattform Megavideo zu einem besseren Start zu verhelfen, wurden diverse YouTube Videos automatisch 1 zu 1 übernommen.
  • Nutzer, die große Mengen urheberrechtlich geschütztes Material hoch geladen hatten, bekamen einen finanziellen Bonus. Es gibt eMails in den Unterlagen des FBI wo aufgelistet ist, welcher User was hochgeladen hat und was er dafür nun bekommt.

Diese Punkte dürften bei weitem ausreichen, um festzuhalten, dass die Betreiber nicht wirklich für Megaupload festgenommen wurden, sondern eher dafür, dass sie sich unglaublich dumm angestellt haben und das auch noch umfangreich dokumentiert haben.

Zeit für den Megaupload Song!

Keine Ahnung, was diesen Künstlern für lukrative Beteiligungsmodelle unterbreitet und Gagen gezahlt worden sein muss. Wahnsinn. Die stehen jetzt natürlich super da, haha.

Sind wir mal ehrlich, so war es nur eine Frage der Zeit, bis Megaupload offline oder zumindest stark eingeschränkt weiter online sein würde. Interessant finde ich da jetzt die Nachwehen dieses Falls. Plötzlich tritt die offene Hackergruppierung Anonymus auf den Plan, erzählt was von Freiheit im Internet und legt diverse FBI Seiten lahm. Wegen Megaupload. Muss man erstmal hinterher kommen.

Ich halte viele Aktionen von Anonymus für großartig, aber gerade eben weil es ein loser Verbund ist, dem sich im Prinzip jeder anschließen kann, kommen zum Teil mehr als fragwürdige Aktionen dabei heraus. Plötzlich sollte Facebook kaputt gehackt werden, dann wieder doch nicht, dann doch und letztendlich ist nichts passiert, weil das eigentlich nur die Idee von ein paar Kiddos war.

Zudem war der Zeitpunkt dieser Anonymus Aktion auch noch mehr als ungünstig. Am Tag zuvor, blieben tausende einflussreiche Webseiten schwarz um gegen SOPA zu diskutieren. Der Erfolg dieser Aktion war immens und während das FBI zeigt, dass es solche Gesetzgebungen gar nicht braucht, um für Recht und Ordnung zu sorgen, kommt Anonymus um die Ecke und schießt sich mit einer „Wir sind die Bösen im Internet und können ganz schön viel kaputt machen“ Aktion selbst ins Knie. Wie auch immer, es scheint ja mittlerweile gut auszusehen.

Dennoch finde ich es fragwürdig, dass in solchen Fällen, Diskussionen über die Freiheit im Netz beginnen. Was hat denn bitte schön meine Freiheit im Netz mit einem Filesharing Hoster zu tun, der Millionen Dollar damit verdient hat, das Zeug unter die Leute zu bringen? Meine Freiheit soll darin liegen, dass ich einem Freund von mir, eine Musikempfehlung schicken kann, ohne das ich dafür ins Gefängnis muss. Komischerweise geht hier gerne mal die Verhältnismäßigkeit verloren.

Man kann dann gerne ein Bild von Lil Wayne auf einem Haufen Dollarscheinen bringen, mit der ironischen Beschriftung, dass es den Künstlern furchtbar schmerzt, Raubkopien ihrer Musik zu ziehen. Man kann sich aber auch vor Augen halten, dass sich hunderte Indielabels von Spotify ( der großen Vorzeigehoffnung vieler) zurück ziehen, weil sie dort einfach nichts verdienen können.

Natürlich wird das Ganze weitergehen. Es gibt genügend andere Anbieter, die das Megaupload Loch gerade dankend stopfen. Man kann Filesharing nicht einfach verschwinden lassen. Das dürfte man spätestens seit Napster ja bestens wissen. Ist ja auch toll und praktisch. Aber meine Freiheit im Netz definiere ich dann doch ein wenig anders, als über eine  fragwürdige, millionenschwere Plattform, von einem noch viel fragwürdigeren Typen.

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