Normalerweise habe ich kein Problem damit, kulturelle Veranstaltungen ab und zu allein zu besuchen. Konzerte oder Kinofilme wirken manchmal ja sogar besser ohne Smalltalk rundherum. Bei Fußballspielen ist das schon etwas schwieriger. Gestern war ich zum Beispiel beim Berliner Tourstopp der Xabi-Alonso-Philipp-Lahm-Abschiedstour. Ist man allein auf dem Weg zum Stadion, fällt es schwierig eine richtige Vorfreude aufzubauen. An jeder Station eine neue Welle bierseeliger Idioten. Der Verein ist dabei egal, unterm Strich wird’s immer unangenehm. Und nein: Damit sind nicht alle Fußballfans gemeint, ich habe nichts gegen Fußballfans (bin ja selbst einer, haha) und ich habe auch nichts gegen Gesänge und Co. Aber meine Güte, muss man denn wirklich schon um 14 Uhr volltrunken in der U-Bahn alles und jeden bedrängen? Weil ich selbst auf dem Dorf groß wurde und deshalb nie in den Genuss dessen kam, träume ich umso mehr davon, in einigen Jahren ein Bundesligaspiel mit einer Mini-Version von mir zu besuchen. Aber so? Nur schwer vorstellbar.

Ich liebe Fußball, habe aber zunehmend meine Probleme damit, denn egal wo etwas mit Fußball stattfindet, wird es einem irgendwie madig gemacht. Bei meinem Fußballblog „Falsche Neun“ bekomme ich beispielsweise in den Kommentaren täglich einen guten Querschnitt, was Fußballdeutschland so denkt. Selten geht es in den Reaktionen um die Liebe zum Fußball oder zum eigenen Verein, sondern viel mehr um den Hass gegenüber allen anderen. Für jeden Verein gibt es eine Begründung warum die besonders scheiße sind. Bei all der Verbissenheit wird es dann gerne auch mal etwas schwieriger, bis Humor oder Ironie funktioniert.

Bei „11 Freunde“ können sie da wahrscheinlich erst recht ein Lied von singen. Unter jedem Beitrag gibt es irgendwelche wüsten Vorwürfe gegenüber der Redaktion und die üblichen mit Hass gekochten Botschaften. Ein aktuelles Beispiel zeigt das ganz gut: Unter dem Hashtag #faireGesänge gab es neulich allerhand lustige Umdichtungen von Fangesängen. Da lag die Idee nicht weit, ein paar davon kurzerhand mit dem Berliner Kneipenchor zu vertonen.

Das Ergebnis ist jetzt kein Superviralhit den ihr in 2 Monaten von eurer Mutter auf Whatsapp geschickt bekommt, aber eine nette Abwechslung ist es allemal. In den Kommentaren sieht man das natürlich anders. Da gibt es direkt solche Blüten wie: „spasten nennen sich Berliner Kneipen Chor und kein berliner Verein dabei.“. Schön. Dann natürlich diverse Vorwürfe, dass das scheiß Studentenhumor sei.

Wo wir auch schon beim nächsten Thema wären. Angeblich macht es Fußball ja aus, dass er im Kern so wunderbar einfach und für alle da ist. Nun ja, die Realität im Stadion sieht dann doch etwas anders aus. Da gibt es klare Vorgaben in Sachen Verhaltenskodex. Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon in diversen Stadien drauf angesprochen wurde, dass ich Cola statt Bier trinke. Passt natürlich nicht so in ein Umfeld, wo „schwul“ und „Spast“ noch gängige Beleidigungen sind. Kritisiert man das Ganze, wird man selbstverständlich sofort verteufelt und steht auf Seiten der Fußballmafia DFB, die aus jeder Kurve Businesstribünen mit leisen BWL-Studenten machen möchte. Als wäre das auch nur annähernd erstrebenswert. Aber es kann doch nicht zu viel verlangt sein, hier und da etwas mehr Benehmen mitzubringen?

Oder ist Fußball mittlerweile wirklich hauptsächlich ein Gesellschaftsventil für Alpha-Männchen und die, die es gerne wären? Wenigstens einmal pro Woche schon nachmittags voll sein, alle beschimpfen und so richtig schön daneben benehmen. Ja, früher™ ging es in den Kurven noch rabiater zu, aber darf das jetzt wirklich als Ausrede zählen? Gestern saß ich zwischen zwei Grüppchen von Hertha Mittfünfzigern und meine Güte, was haben die das ganze Spiel über so auf den Platz gerufen. Ich bin nun wirklich kein Experte, aber da war ja wirklich alles falsch. Hauptsache irgendwas rein schreien und zeigen, dass man Ahnung hat. Lifehack an dieser Stelle: Bloß nicht in die Diskussion nach so was gehen.

Man könnte nun sagen: „Wenn es dir im Stadion nicht passt, dann geh doch nicht hin.“ Das würde ich einerseits sehr schade finden, zum anderen ist es woanders auch nicht sehr viel besser. Klar die Schwankungen des Profifußballs zwischen hasserfüllten Bierkutten und weltweiter Plastikvermarktung sind in ihrem Grade der Unannehmlichkeit einzigartig, dafür unterscheiden sich anderswo dann einfach die Symptome.

Das fängt ja schon beim Hobbyfußball an. Es scheint, als wäre es jedem Mann ab Mitte Zwanzig in die Gene gelegt, dass er auf dem Platz wahnsinnig viel meckern muss. Zwei Stunden Freizeitfußball pro Woche bedeuten für viele dann automatisch auch zweieinhalb Stunden Meckern pro Woche. Meine Güte. Ich habe hier in Berlin kaum eine Freizeitfußballgruppe erlebt, bei der nicht ohne Ende gemeckert wird. (Sollte jemand Ausnahmen kennen, bitte melden!) Mittlerweile gehe ich deshalb nur noch selten spielen, weil es mir einfach viel zu sehr auf die Laune drückt, wenn es statt Spaß am Fußball nur Geschrei gibt, weil eine von zehn Flanken ungenau kommt. Letztes Jahr habe ich bei einem Benefizspiel mitgespielt. In meinem Team war der damalige Bundesliga-Spieler Marco „Toni“ Sailer (damals bei Darmstadt) und selbst er wurde manchmal reflexartig von irgendwelchen Hobbykickern übers ganze Feld angeschrien. Auf die Idee muss man erstmal kommen, bei einem Benefizspiel (!) einen Bundesligaprofi (!) anzuraunen, während man selbst nach 15 Minuten kaum noch geradeaus laufen kann. Schön.

Auch da kommt dann gern die Ansage, man solle das nicht so eng sehen oder einfach nicht mehr kommen, wenn es einen nervt. Aber gerade wenn man es nicht so eng sehen soll, warum kann man das ganze Gemecker nicht einfach lassen? Oder sind wir auch hier schon wieder beim gesellschaftlichen Ventil angekommen? Nach einem unausgeglichenen Arbeitstag muss scheinbar ordentlich was von der Leber gemeckert werden. Dabei will ich doch nur Fußball spielen.

Vom Jugendfußball ganz zu schweigen. Was ich da immer wieder für Geschichten zu hören bekomme, die sich unter Vätern an der Seitenlinie zutragen. Puh. Aber es muss wohl schon von Kleinauf anerzogen werden, dass es bei Fußball nicht wirklich um Spaß am Spiel geht.

Es mag eine sehr schwarze Sicht auf den Fußball sein, aber es macht mich nun mal sehr traurig, dass so etwas so Schönes in jeder Form unangenehm kompliziert wird. Trotzdem gab es gestern auch einen lichten Moment in der vollgestopften U-Bahn auf dem Weg zum Olympiastadion: Als die Gruppe angetrunkener Bayernfans in einem Moment der Ruhe kurz keine eingebildeten Tiraden von sich gibt, weil alle an ihrem Desperados nippen, meldet sich ein kleiner Mann mit grauen Haaren zu Wort: „This is my third FC Bayern game, the last one was 40 years ago.“ Er erzählt, dass er zu Besuch aus Ankara ist und plötzlich schwärmen alle gemeinsam von Gerd Müller, Paul Breitner und Co. Auf einmal geht es um die Liebe zum Fußball und nicht mehr um den Hass gegenüber allen anderen oder ums Kampftrinken. Wenn das doch nur öfters so wäre.

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