17. Januar 2016 | 13:48 Uhr


Berlin ist rund um die Weihnachtstage leer gefegt wie einst die Planet Hollywood Restaurants. Jedes Jahr finde ich es amüsant, dass es junge Ur-Berliner/innen gibt, die sich etwas darauf einbilden, dass sie „ihre Stadt endlich mal für sich haben“. Überall Parkplätze und so. Ja, Gratulation. Aber das Berlin ohne seine nervigen Zugezogenen ein langweiliger Querschnitt aus Axel Schulz und Mario Barth wäre, daran mag keiner denken. Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen.

Auch ich bin einer der Menschen, die pünktlich zu Weihnachten in die Dorfheimat fahren. Ich tue das zunehmend schweren Herzens, weil meine eigentliche, kleine Familie ist ja in Berlin, bin aber letztlich immer gerne dort. Schließlich mag ich es, in zwei komplett verschiedenen Welten leben zu können. Ich hab seit mittlerweile 8 Jahren mein Berlin-Stadtumfeld, wo ich beinahe jede Ecke kenne. Und wenn mir danach ist, tauche ich einfach noch mal in mein altes Dorf-Umfeld ab, wo ich ebenfalls jede Ecke kenne. Es ist immer eine komische Mischung, irgendwie verändert sich dort über die Jahre alles, aber letztlich ja doch nichts.

Seitdem ich weg gezogen bin haben so ziemlich alle kleinen Geschäfte im Dorf geschlossen. Sieht man mal, was ich für eine Kaufkraft habe! Dementsprechend war es natürlich ein überdimensionales Event, als nach knapp einem Jahr Bauzeit ein neuer Rewe-Markt am Ortseingang eröffnete. Ein kleiner Ort, wo sonst so gut wie nichts passiert, bekommt einen neuen High-Tech-Rewe. Das ist in etwa so, als wäre die Elbphilharmonie nach einem Jahr eröffnet worden. Ein neues Wahrzeichen! Dementsprechend Aufregung war auch das Eröffnungsevent. Eine Tanzgruppe führte ein Programm auf und für zehn Minuten gab es eine Lasershow. Endlich einkaufen.

Nach diesen Erzählungen konnte ich es kaum erwarten an Weihnachten auch endlich das neue Rewe-Feeling auszuprobieren. Und siehe da, es ist tatsächlich etwas ganz besonderes. Und der direkte Vergleich macht es umso interessanter. Der neue High-Tech-Rewe in meiner Berliner Nachbarschaft sieht von innen schließlich genauso aus wie der Dorf-High-Tech-Rewe. Wenn ich hier einkaufen gehe, geht man sich aus dem Weg, ab und zu rennt ein Kind gegen ein Regal, es gibt mehr Sorten Apfelschorle und Mate als Cola und die Soja-Milch ist oftmals kurz vor ausverkauft.

Auf dem Dorf ist das anders. Da ist so ein neuer Supermarkt eine Art Begegnungsstätte, die es ja sonst nicht mehr gibt. Schließlich hat nicht nur der kleine Einzelhandel sondern auch sämtliche Kneipen in den letzten Jahren den Löffel abgegeben. Der erste Blick in den Markt ist deshalb direkt ganz anders. Auf der einen Seite laufen Menschen durch die Regale und blicken sie an, als wären sie im Museum, während an allen Knotenpunkten kleine Rentnergruppen stehen und sich austauschen über ihr aktuelles Krankheitsbild, wer zuletzt verstorben ist, einen Autounfall hatte oder was die Tomaten kosten. Dabei verbarrikadieren sie sich mit ihren Einkaufswagen rundherum als wären sie der schwarze graue Block.

Wenn man mal wissen möchte, wie es sich anfühlt, prominent zu sein, sollte man einfach mal in einem Dorfsupermarkt einkaufen. Wie eine Playmobilfigur im Lego-Kasten fällt man sofort aus und andauernd kommen zwischen den Regalen Köpfe hervor, die einfach nur schauen, wer man eigentlich ist. Das sieht tatsächlich sehr lustig aus und hat ein bisschen was vom einstigen Moorhühner jagen.

Ich kann es also nur empfehlen, mal einen Supermarkt aufm Dorf zu besuchen. Auch weil man danach eine der wichtigsten Fragen im Dorfleben beantworten kann. Sobald man einkaufen war, kommt nämlich jedes Mal die Reaktion: „Ouhh, das war doch bestimmt total voll?!“ Aber natürlich, schließlich gab es eine Lasershow.

*Disclaimer: Das Foto ist nicht vom Supermarkt, sondern eine Ecke weiter. Aber ich mochte das Schaf.

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