Ganz ehrlich, ich mag die ALS Ice Bucket Challenge. Nicht unbedingt so, dass ich mit der Faust auf den Tisch donnere und von einer „SUPER SACHE!!!!!11“ spreche, aber ich mag das ganze als Web-Phänomen und seine Vielseitigkeit. Nicht die Vielseitigkeit in der Ausführung sondern generell. Ich finde die Idee dahinter so genial, da sie den Treibstoff von Social Media – sprich Selbstdarstellung – für einen guten Zweck nutzt und monetarisiert.

Sezieren wir das ganze also mal: Gerade bei Prominenten ist diese Selbstdarstellung im Internet wichtig. Zumindest wenn man halbwegs etwas von Marketing verstanden hat. Nur ist das gar nicht mal so einfach immer etwas interessantes, teilenswürdiges zu finden wenn man nicht gerade James Franco ist, der sich alle 10 Minuten selbst fotografiert. Da kommt die Ice Bucket Challenge wie gerufen. Der Vorteil daran ist nämlich, dass sie absolut jeder mit einfachsten Mitteln machen kann, das Ganze in weiten Kreisen als halbwegs verrückt durchgeht und das so ein Eimer Eiswasser selbst beim letzten langweiligen Honk noch eine sehenswerte Reaktion hervor ruft. Perfekter Social Media Inhalt Ding Ding Ding!

Doch damit nicht genug. Spenden macht sich für die allgemeine Aussenwahrnehmung immer super. Nur ist es leider eher verpönt sich mit Spenden zu brüsten, denn dann sieht es so aus, als hätte man das nur fürs Image getan und nicht etwa, weil einem wirklich was dran liegt. Aber auch das hebelt die Ice Bucket Challenge aus. Selbstdarstellung, Spenden und dann auch noch andere dazu aufrufen. Perfekt!

Klar, dass auch hier die allgemein gültigen Grundregeln für Webtrends greifen: Nach einer halben Stunde ist es nervig. Auch ich habe mich, trotz des guten zwecks dahinter, dabei erwischt wie ich es nervig fand. Jetzt macht da jeder mit und bei vielen ist es doch eh nur Heuchelei und/oder Klickgeilheit. Dann las ich aber auf alsa.org Folgendes bzw. die aktuellere Meldung dazu:

As of Sunday, August 24, The ALS Association has received $70.2 million in donations compared to $2.5 million during the same time period last year (July 29 to August 24). These donations have come from existing donors and 1.3 million new donors to The Association.

68 Millionen Dollar mehr als im vergleichbaren Zeitraum und 1,3 Millionen neue Spender booooom! Er wirkt also auch noch, dieser perfekt zusammen gebaute Webtrend. Viel mehr wirkte sich aber eine Videobotschaft auf mich aus. In einem Video was mittlerweile auf diversen „… und was dann passiert, veränderte mein Leben für immer“-Seiten gelandet ist, erzählt ein 26jähriger, junger Mann das auch seine Familie von ALS betroffen ist. Unter Tränen erzählt er, dass sich mittlerweile erste Anzeichen bei ihm bemerkbar und dann zeigt er Bilder wie er seine Mutter pflegt, die wegen ALS mittlerweile komplett unselbstständig ist. Bilder die an sich schon unter die Haut gehen, doch dann kam diese eine Aussage, die bei mir hängen blieb:

Leute werden genervt von der Ice Bucket Challenge, aber das ist okay denn das bedeutet es funktioniert. Ich verspreche, dass euer Newsfeed bald wieder zurück bei Kätzchenvideos und „Let it Go“ Cover sein wird aber jetzt gerade haben ALS Kranke die Hauptaufmerksamkeit. Das gab es vorher noch nie in meinem Leben.

Was für ein Arsch ich doch war, dass ich auch nur annähernd genervt von den ganzen Eiseimern in meiner Timeline war. „Ja hallo ich würde gern weiter normale langweilige Updates sehen und nicht auf eine tödliche Krankheit hingewiesen werden, Danke.“ Dabei hilft es doch endlich mal tatsächlich. Natürlich spenden nicht alle, die davon sprechen es zu tun, aber die Zahlen sprechen für sich. Von der Aufmerksamkeit für diese Krankheit ganz abgesehen. Im Gegensatz zu den sonstigen Fällen wo brutale Videos über Straßenhunde oder niedliche Kinder in Kriegsgebieten geteilt werden.

Und seit diesem Aha-Moment freue ich mich über die Ice Bucket Challenge, einfach weil sie so gut funktioniert und wasserdicht ist. Denn natürlich kommen jetzt Horden von Samaritern und Schlaumeiern die meinen, dass man auch einfach so spenden könne ohne diesen ganzen Trara. Ja ach nee, danke für den Hinweis. Aber sonst macht es doch auch keiner. Es braucht nun mal ein solches Werkzeug um den Gutmenschen über den Hebel der Selbstinszenierung herauszukitzeln, damit eine Organisation das (bisher) 35fache der Spendeneinnahmen bekommt. Der ALSA wird es jedenfalls egal sein, über welchen Hintergrund und von wem das Geld seinen Weg zur Organisation gefunden hat. Oh und danke auch für die immer zahlreicher werdenden Hinweise, dass es noch tausende andere Organisationen gibt für die man spenden kann und soll. Das wusste bestimmt auch niemand. Die Leute sitzen ja schließlich alle vor ihren großen Spendentöpfen und wissen nicht wohin damit. Wie so oft gilt also: Einfach mal passieren lassen und darüber freuen, dass endlich mal was für einen guten Zweck so gut funktioniert.

Der einzige Nachteil ist nur, dass es so ähnlich wahrscheinlich nicht noch einmal funktionieren wird. Sprich eine ähnliche Aktion für eine andere Organisation. Mein Vorschlag wäre ja, daraus eine jährliche Sache werden zu lassen. Jedes Jahr im August wird eine Organisation ausgewählt und dann geht das Eiswasser schütten von vorne los. Aus Gründen der Einmaligkeit wird das wohl auch nicht so gut funktionieren. Schade.

In jedem Fall werden in einiger Zeit, sobald es ruhiger um die Ice Bucket Challenge geworden ist, diverse Radiosender, Fernsehsendungen usw versuchen eine ähnliche Aktion ins Leben zu rufen, um ein paar müde Facebook Likes zu ergattern. Ich bin gespannt! In diesem Sinne …

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