Auf diesem Blog ging es in den letzten Wochen und sogar Monaten so aufregend zu wie in einem geschlossenen Salzbergwerk. Das hat verschiedene Gründe. Zum Beispiel, dass ich kleine Geschichten eher bei „Gästeliste Geisterbahn“ erzähle, als sie aufzuschreiben oder mich lieber mit Fußball befasse. Denn ganz ehrlich, diese Welt und das Geschehen auf ihr beschäftigt mich gerade so sehr, dass ich mich wirklich schwer tue, ein paar lockere oder gar lustige Worte aus dem Ärmel zu schütteln.

In den vergangenen Wochen erschien ein Foto, welches den neuen humanitären Tiefpunkt der Flüchtlingsproblematik darstellte. Ein Kind liegt regungslos am Strand. Man könnte bei einem schnellen Blick fast meinen, es würde dort nur schlafen. Tatsächlich ist es aber tot, da es die Flucht aus Syrien nicht überlebt hat. Es fiel von einem gekenterten Schleuser-Schiff ins Wasser und wurde an den Strand geschwemmt.

Genau an den Strand, wo ich vor ein paar Monaten noch mit meiner Liebsten im Urlaub lag und vergeblich versuchte, meinen käsigen Colabauch zu bräunen. Es könnte einem also gar nicht besser vor Augen gehalten werden, wie gut es einem doch geht, wie dankbar man dafür sein sollte und das man aus dieser Situation heraus nie aufhören sollte, anderen zu helfen.

Am vergangenen Wochenende bin ich in die thüringer Heimat gefahren. Das mache ich ganz gerne, um den Kopf ein wenig frei zu bekommen. Zwar sind familiäre Befindlichkeiten auf Dauer auch ganz schön anstrengend, aber was ist das schon gegen einen riesigen Wald direkt vor der Haustür.

Als hätte ich mein Leben derzeit mehr im Griff als je zuvor, hörte ich die Audio-Version der letzten beiden ZEIT Ausgaben (!) während ich im Mietwagen (!) in Richtung alte Dorfheimat fuhr. Nein, ich trug keinen Rollkragen Pullover dabei. Im Zeit Magazin gibt es dabei immer die schöne Reihe „Ich habe einen Traum“, in der bekannte Menschen des Zeitgeschehens davon erzählen ob und wie sie ihren Träumen gerecht werden. Zum Beispiel Cem Özdemir, der mich teilweise an meine eigene, frühe Jugend erinnerte:

Als Jugendlicher habe ich die Träume meiner Eltern zerdeppert, zumindest anfangs. Als türkische Einwanderer waren sie einem großen Traum gefolgt: Ihr Sohn solle es besser haben als sie. Mein Vater hat in der Türkei Armut und Hunger erlebt, er ist ohne Vater aufgewachsen und konnte nicht zur Schule gehen. Ich sollte in Deutschland Abitur machen und Arzt, Ingenieur oder Anwalt werden. Aber trotz ihrer Mühen habe ich mich anders entwickelt: Ich war schlecht in der Schule, musste sogar eine Klasse wiederholen. Nach meiner mittleren Reife habe ich dann entschieden, Erzieher zu werden. Für meinen Vater ein Schlag ins Gesicht – sein einziger Sohn will mit Kindern spielen! Und weigert sich, zur Armee zu gehen, und beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. Und dann tritt dieser Sohn auch noch in eine Partei ein mit Männern, die stricken!

Hihi. In der Ausgabe davor erinnert sich Claus Kleber an seine Albträume, wie er in den ersten Wochen beim heute-Journal jede Nacht davon träumte, zu spät im Studio anzukommen und berührte mich danach mit einer Aussage plötzlich sehr:

Dafür erinnere ich mich an einen Tagtraum, der eng mit der Realität verknüpft ist, sogar mit einem konkreten Datum: Am 7. Dezember 1988 war ich mit meiner Frau auf dem Weg in eine Klinik in Alexandria, außerhalb von Washington, wo wir damals lebten. Ich war Juniorkorrespondent für das Radio des Südwestfunks. Wir erwarteten unser zweites Kind, das eine Amerikanerin werden sollte. Meine Frau ging noch in ein Geschäft, ich blieb im Auto und hörte im Radio live eine Rede von Michail Gorbatschow vor den Vereinten Nationen. Er sprach über Abrüstung und den Wandel seines Landes. Wir konnten noch nicht ahnen, dass ein Jahr später die Mauer fallen würde, aber diese Rede gab mir die Hoffnung, dass der Kalte Krieg zu Ende ging. „Was für ein Tag“, dachte ich, „jetzt kann unser Kind zur Welt kommen.“

Meine Generation fragte sich ja ernsthaft, ob man ein Kind in eine Welt setzen dürfe, in der ein Atomkrieg droht. Einen Tag später wurde Alexandra geboren. Sie wuchs auf, während dieser alles beherrschende Konflikt in der Geschichte versank. Es gab eine realistische Chance, dass die Menschheit beginnen würde, gemeinsam Lösungen für die eigentlichen Probleme zu finden: Hunger, Durst, Seuchen und Klimawandel. Das schien zum Greifen nah. Tatsächlich ist es nun wieder so wie immer – und schlimmer: Krieg in der Ukraine, der Terror der Gotteskrieger, Menschenrechtsverletzungen in China, der nie endende Nahostkonflikt … all dieser schreckliche Mist.

Er sprach dann weiter davon, dass er sich trotzdem nie eine positive Denkweise nehmen lässt und genau das berührte und bestätigte mich zugleich. Denn auch wenn ich noch einen gewissen Sicherheitsabstand zu eigenen Nachfahren habe, so sind diese Gedanken darüber doch sehr ernst und jedes Mal komme ich an einen Punkt, ob ich das überhaupt will. Nicht weil ich mich nicht bereit dafür fühlen würde, sondern weil ich mich jedes Mal frage, ob ich überhaupt ein Kind in diese Welt setzen möchte, die mich im Kleinen und im Großen oftmals mehr als enttäuscht. Dieser Tage wieder mehr denn je. So viel Lautes, so viel Dummes, so viel Kaputtes. Meine Güte.

Und dann waren es die Worte vom verträumten Claus Kleber, die mich so trafen. Schließlich ist die Welt ja immer irgendwie, irgendwo schlimm und das gute wird nur selten bei mehr als 49% liegen, aber letztlich kommt es ja doch drauf an, was man selbst draus macht. Meine Güte, ich rede wie ein Baseball-Coach aus einem Film der Disney-Filmparade. Aberisdochso!

Die ausführlichen Stunden im Wald haben jedenfalls ihr übriges dazu getan. Ich habe mich kurzzeitig verlaufen, einen Hirsch gesehen, einen Fuchs gesehen, Pilze gesammelt und – am wichtigsten – überlebt, als ich eben diese gegessen habe. Ab einer gewissen Zeit werde ich dabei immer so kitschig poetisch. Wenn zum Beispiel der Wind durch einen Hang voller Bäume zieht, gibt es dazwischen immer ein paar wenige Bäume, die ganz leise knarzen. Mit dem Wind machen sie das alle nacheinander, wodurch es klingt als würden sie stille Post spielen.

Okay, das ist wirklich kitschig, aber während ich diese Zeilen gerade schreibe, sitze ich im OnePiece im Dunkeln aufm Balkon und höre dabei Yann Tiersen. Was soll dabei auch anderes herauskommen? Wie auch immer … ich hab jedenfalls wieder Lust aufs Bloggen und ihr solltet viel häufiger raus in den Wald Pilze sammeln gehen und nicht nur auf Tastaturen drücken.

PS: Nein, solltet ihr nicht. Weil Pilze sammeln ist illegal und wenn man dann nicht aufpasst … ach ach ach.

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