Früher™ war mehr. Da bin ich in der Woche meist 3 mal irgendwohin tanzen gegangen. Dann zog ich vor ein paar Jahren nach Berlin und war erstmal furchtbar überfordert. So viel auf einmal und man wusste ja gar nicht wo genau hin und wenn man dann da war, war es eher okay bis nett und man hätte vielleicht doch woanders hingehen sollen. Schwierig. Überangebot nennt man das glaube ich.

Mittlerweile bin ich sehr viel wählerischer geworden und lasse mich nur noch selten auf den Tanzflächen Berlins (oder eher deren Rändern) blicken. Vielleicht ja auch, weil ich keine Lust mehr habe, durch den ewig gleichen Sumpf an dumpfen Elektrobeats der Berliner Nacht zu waten. Oder aber, weil ich mich nur noch mit Häppchen locken lasse.

Aber manchmal ist das anders. Am Wochenende zum Beispiel. Zwei gute Freunde in Berlin zu Besuch, da muss man doch die alte Hotsteppermentalität wieder aufleben lassen. Problem war nur: ich sollte aussuchen, wo es uns vier zu späterer Stunde nach Konzert und Geburtstag hin ziehen sollte.

Sonst ist ja immer irgendwo was, wo man hingehen kann. Irgendwer kennt immer irgendwen der irgendwo was weiß, was irgendwer irgendwo macht. Dieses Mal aber nicht. Keine Ahnung. Also klickte ich mich eben ein bisschen durch’s Internet. Die Rockerkids waren auf dem With Full Force Festival, die Drogis auf der Fusion und so sah der Feierabend für einen Samstag ganz schön dünn besetzt aus. Erstaunlich viel Dancehall und Reggae gab es. Die werden doch wohl nicht heimlich die Stadt übernehmen, während alle anderen weg sind? Herrje.

Hip Hop hatten wir vorher festgelegt. Man bounced ja viel zu selten, weil Hip Hop irgendwie nur in schlimmen Clubs läuft. Aber das war heute Abend egal. Die Bässe wie einst im klapprigen Ford Fiesta sollten her!

Problem war nur, dass ich das aussuchen sollte. Irgendwann hatte ich was gefunden. Auf einem von 3 Floors soll wohl auch so was wie Hip Hop laufen. Der Rest ist dann eher so Studentendisko. Eher doof, aber kann ja auch ganz okay sein, letztlich kommt es ja auch darauf an, mit wem man dort ist. Klang auch irgendwie sicherer. Das letzte Mal, als mir die Aufgabe zugeteilt wurde „einen Club, in dem Hip Hop läuft“ zu finden, standen wir möglichst verhaltensunauffällig am Rande der Tanzfläche zwischen Anhängern diverser Kampfsportarten und dazugehörigen Nummerngirls. (Zwei Wochen später schloss der Club übrigens.)

Wer weiß was es heute werden sollte. Ich sage nicht wo es war, das würde letztlich meiner hart erarbeiteten Street Credibility auf die Füße fallen. Aber es gab auf jeden Fall die härteste Tür Berlins. 4 bärtige junge Männer fast alle kurz vor 30 mussten ihre Ausweise zeigen. Ich wurde zusätzlich gebeten, meine Kapuze abzunehmen. Dabei ging es doch heute um Hip Hop – Hallohoo?!

Man bekommt ja sehr schnell ein Gefühl für einen Club, wenn man erstmal drin steht. Dieser Abend würde wohl in die Hose gehen. Die Musik vom ähhhm Hip Hop Floor ließ vermuten, dass wir an einer Autobahnausfahrt angekommen waren und die Schlange vorm Damenklo ließ vermuten, dass wir die einzigen waren, die nach dem Ausweis (an der härtesten Tür Berlins!!!) gefragt wurden.

Ich dachte ja immer, solche Clubs gibt es gar nicht in Berlin. Solche, die Durchschnitt sind und von allem etwas haben. Irgendwo zwischen Haargel und Nirvana Shirt. Jede etwas größere Stadt hat genau so einen Club und irgendeine geheime Untergrundorganisation sorgt dafür, dass in allen … in allen … solchen Clubs die gleiche Musik läuft. Und diese Playlist hat sich seit kurz nach dem krieg nicht mehr geändert.

Der Klassiker: Es kommt immer Fettes Brot. Immer. Nichts verdeutlich diese musikalische Situation besser, als ein Song, der mit den Worten „Es ist Neunzehnsechsundneunzig …“ beginnt. Es gibt dann immer solche Musikblöcke. Irgendwann geht es etwas ruppiger zu und das Muster sieht Folgendes vor: Ein bisschen Foo Fighters, dann KATTMYLIFEINTOPIEHSESS! Papa Roach, FACKJUIWONTDUHWATTYATELLME! Rage Against The Machine, System of a Down und dann wird es wieder ruhiger. Ruhiger und gleichzeitig super absurd, denn dann läuft immer – immer!„Tribute“ von Tenacious D.

Das ist durchaus ein unterhaltsamer Song mit legendärem Video dazu, aber was um alles in der Welt denkt sich ein DJ, der so etwas in einem vollen Club spielt. Oder eher: Was um alles in der Welt, denken sich Leute, die tatsächlich versuchen, zu einem fünfminütigen Erzählstück zu tanzen? Womöglich ist das so eine tiefpsychologische Taktik, die Besucher dann an die Bar zu drängen, aber sie tanzen ja einfach weiter. Ich finde das immer wieder erstaunlich.

Aber zwischendurch gibt es auch immer wieder Songs in der in Stein gemeißelten Playliste, die man dann mag. Bei mir ist das zum Beispiel „Mr. Brightside“ von den Killers. Da denke ich jedes Mal „Hach!“. Womöglich hat jeder Mensch seine eigene „Mr. Brightside“ Story und dann tanzen alle seufzend dazu. (Womöglich bin aber auch nur ich das und alle anderen denken „Hoarr ich hätt‘ lieber Arwiejuman Orarwiedäncer von denen gehört.“)

Auf der Hip Hop Tanzfläche fiel in diese „alt und mag ich“ Kategorie „Try Again“ von Aaliyah. Dafür lief dann da aber auch „Mr. Boombastic“ von Shaggy. Das wird immer noch gehört? Was soll das überhaupt für ein Name sein – Shaggy? Dennoch würde ich voll gern „Wasn’t me“ wie Shaggy sagen können.

Ich habe keine Ahnung was das für zeitgenössische Musik war, die dann lief, als die Oldiephase vorbei war. Eins zeichnete sich jedoch ab: Aktuell sind Akkordeons in diversen Varianten wohl ziemlich in. Oh und ich scheine immerhin bei tanzwütigen Muttis und russischen Schulmädchen eine kleine Beliebtheit zu haben. Immerhin was. Wobei ich das bisher immer noch nicht verstanden habe. „Where are you from?“ – „Berlin“ – „Ah ok, sorry.“ Dann ist sie wieder gegangen. Seitdem versuche ich mir zusammen zu reimen, was wohl der Grund dafür war. War sie womöglich enttäuscht, dass ich dann kein erstklassiges Hostel-Achterzimmer vorzuweisen habe, wo ich doch hier wohne?

Als wir kurz im Aussenbereich vorbei schauten, brach das größte Gewitter seit Dreizilliarden jahren über Berlin rein. Ein tolles Bild. Überall Regen, Blitze, Donner und kreischende kleine Mädchen, die denken, dass sie jetzt sterben müssen.

Zurück drinnen auf dem „jede Stadt hat so einen Möchtegern-Indieladen“-Floor lief ein Klassiker der auch nicht fehlen darf: The Prodigy. „The Firestarter“ kommt ebenfalls immer. Zusätzlich durfte ich Zeuge des diesbezüglich besten Songübergangs überhaupt werden. Auf „Firestarter“ folgte „Summer of ’69“ von Brian Adams. Okay. Währenddessen gab eine Ecke des Daches nach und es regnete zwischen Bar und Tanzfläche rein, während Brian seine Riffs schmetterte. Was für ein denkwürdiger Abend. Zurück zum Hip Hop Floor, bevor die Muttis wieder kommen. (Wie später, bei „Narcotic“ von Liquido – WTF?)

Das Schöne ist ja, dass man dann umso mehr Zeit hat, gewisse Clubkonstanten zu beobachten. Beziehungsweise sind es so viele, dass man gar nicht alle auf einmal bemerken kann. Da hätten wir zum Beispiel:

A) Frauen, die wie Pokale irgendwo am Rand stehen. (Ihre Kosmetika scheint zudem mit Pokalpflegemitteln sehr deckungsgleich zu sein). Die stehen da wirklich einfach nur rum und ab und zu kommt ein Typ mit „Hi! Öhhhhsssmtrinkn?“ vorbei. Klappt – erstaunlicherweise – nie.

B) Der Typ hinter’m DJ. Keine AHnung warum aber da ist immer einer, der ist da einfach so und knutscht halb im sitzen halb im stehen super ungelenk mit einer Frau rum. Wichtigstes Accessoire dabei ist sein Hut. Was man da aber wissen sollte (und das wollte ich auch viele Jahre nicht einsehen): Nur Justin Timberlake (und vielleicht noch Niggi) darf einen Hut tragen. Sonst niemand. So toll das auch im Kopf aussehen mag, in echt tut es das einfach nicht.

C) Das Pärchen was schon lange zusammen ist, bei dem Sie am heutigen Abend aber voll abgeht, frei nach dem Motto „Guck mal wie Suuuper dörrrrrty ich tanzen kann mit dir!“. Um Gottes Willen.

D) Eine andere Variante von C ist dabei das Pärchen, was sich am selben Abend erst kennenlernte und sich bei jedem Song, egal welches Tempo, kuschelnd in den Armen liegt und schwoovt. Mein Favorit dabei ein junges Paar, welches sich super einfühlsam mit Standardtanzschritten langsam hin und her bewegte während Lil Jon seinen Klassiker „Get Low“ mit Textstellen wie „To the sweat drip down my balls, to all these bitches crawl…“ zum Besten gab. Voll romantisch so, ja?

E) Der Typ, der auf einmal aus dem Nichts angestürzt kommt, wenn Sean Paul läuft. Als ob das musikalisch nicht schon schlimm genug wäre. Nein, dann dreht da auch noch einer voll am Rad.

F) Die super aufgepumpten Typen, die immer so eine hohe, glänzend rote Stirn haben. Dazu gegelte blonde Spitzen und (noch wichtiger!) ein geriffeltes Hemd. Wo bekommt man so was überhaupt? Geriffelte Anziehsachen? Während bei Lebensmitteln gilt, dass alles Geriffelte prinzipiell besser ist, gilt das für Kleidung leider nicht. Die jungen Herren sind dann meist sehr hilfsbereit und fragen, ob man ein Problem hat. „Öhhhhsnproblem?!“

Aber dann passierte es: Die 10 Minuten für die sich der Abend letztlich doch lohnte: Lauter Old School Hip Hop vom Feinsten. Hach. Wie damals. Alles gut gegangen. Glück gehabt.

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