Ich mochte immer, wie sich das Booklet von Nirvanas „Unplugged in New York“ Album anfühlte. Es war kein Hochglanz, sondern ganz normales, raues Papier. Auch wenn das nur ein klitzekleines Detail war, so passte es perfekt zur Stimmung und dem ganzen Artwork dieses Albums. Da ich im Jahr 1986 geboren bin, habe ich Nirvana logischerweise erst für mich entdeckt, als die Holzfällerhemden wieder im Schrank und die Löcher in den jeans wieder verschwunden waren. Deshalb überromantisiere ich dieses Album wahrscheinlich auch sehr viel mehr, als Fans der damaligen Zeit. Nirvana und das Schaffen von Kurt Cobain war für mich immer wie ein Film oder eine große Serie, in die man immer weiter hinein tauchte. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie es wohl gewesen sein musste, bei den Folgen des Überalbums „Nevermind“ bewusst dabei gewesen zu sein oder auf einmal im Radio zu hören, dass sich Kurt Cobain das Leben genommen hat.

So wie Kids in 10 Jahren sich vielleicht in einen Serienmarathon mit „Breaking Bad“ stürzen werden, entdeckte ich ähnlich zeitversetzt Stück für Stück Nirvana. „Unplugged in New York“ war für mich das gefühlte Abschlusskapitel dabei. Das Bühnensetting wie bei einer Beerdigung und dann fast nur Songs aus der zweiten Reihe, die wahnsinnig intim und zerbrechlich wirkten. Erhebliche Teile meines Taschengelds investierte ich nur wegen diesem Album in Räucherstäbchen, haha.

Parallel dazu war MTV (und natürlich VIVA zwei) so ganz ohne Internet meine wichtigste Bezugsquelle für neue Musik, die es direkt auf die Ohren und Augen gab. Natürlich hatte ich auch damals schon großes Vertrauen in die VISIONS, aber letztlich ist es ja doch etwas anderes, einen Song spontan zu hören, statt davon zu lesen. Kurz gesagt: MTV war supercool. Und das trotz zahlreicher Realityformate, die vorherige MTV-Generationen wohl fürchterlich fanden. Aber dieses etwas zwischen Award-Shows, den Osbournes, Pimp My Ride und ab und zu Musik hat mich doch schwer begeistert.

Kurzer Zeitsprung ins hier und jetzt.

Vor einiger Zeit lief ich mit meinem geschätzten Freund Patrick Wollny an der Deutschlandzentrale von MTV vorbei. Und während es für uns beide früher nur wenig Cooleres als MTV gab, waren wir uns in diesem Moment einig, dass wir uns es mittlerweile nur noch schwer vorstellen könnten, dort zu arbeiten. Wie ein alternder Wrestler ist MTV nur noch ein Schatten seiner selbst, lebt noch ein wenig vom Namen und ist irgendwo … ja, wo eigentlich? Natürlich ist das logisch, denn wer würde sich heutzutage noch begeistert Musik im Fernsehen anschauen. Aber schade, ist es ja trotzdem. Sehr sogar. Als wäre ein alter, wichtiger Wegbegleiter der Kindheit und Jugend plötzlich so halb untergetaucht und wüsste leicht desillusioniert nichts mehr mit sich anzufangen. Der große Name steht noch drauf, aber dahinter? In Prinzip ein bisschen so wie bei David Hasselhoff. Da fällt mir ein: Ich wurde vor einigen Jahren sogar mal gefragt ob ich für MTV für ein geplantes Onlinedings arbeiten möchte. Und zwar kostenlos. Mein Gehalt wäre quasi der Name MTV gewesen. Daraus wurde aber nichts, weil MTV kurz darauf geschockschrumpft wurde und, na ja, ich auch sonst nicht allzu viel davon gehalten hätte, für Sticker und Kugelschreiber zu arbeiten.

Alles in allem ist es interessant zu sehen: Für die Generation(en) vor mir war MTV das neue große Ding mit den Leuten aus dem Radio im Fernseher drin. Für mich und meine Generation ist es der etablierte Riese, der immer vorgab was cool war bis er eines Tages umfiel und für die Kids von heute ist MTV wahrscheinlich kaum noch mehr als eine Webseite mit Gossip über Rihanna.

Auf diesen ausführlichen Gedankengang und die romantisierung meiner MTV-Vergangenheit kam ich übrigens, weil ich heute morgen davon las, dass es ein neues MTV Unplugged gibt. Und zwar mit … Andreas Gabalier. Wenn ich das sehe, zieht sich in mir alles zusammen:

Aber natürlich werden das sehr viele Leute sehr toll finden. Der Volksmusikrocker und so. Letzte Woche hat Helene Fischer ihre neue Tour angekündigt. Sie wird einfach in den größten hallen dieses Landes jeweils 5 (!) Konzerte geben. Das macht zwar irgendwie Sinn, aber gruselig ist es schon. So gern ich auf dem Balkon und in der Natur zum Rentner mutiere, so geschockt bin ich darüber, wie viele Leute in meinem Alter die modernen Formen von Volksmusik und Schlager hören und das teilweise sogar als rebellisch abtun. Puh. Ich bin in diesem Jahr 30 geworden und auch wenn mich diese Zahl nicht stört, habe ich zunehmend Angst davor, auf einmal bei Beatrice Egli und Konsorten mitzuwippen.

Glücklicherweise wurde ich zumindest bei diesem Gedanken aber wieder etwas beruhigt. Mein Lieblingsnirvanafan Nilz hat zu seinem 40. Geburtstag nämlich einfach ein Konzert gespielt mit sehr viel Krach ohne jegliche Anzeichen von Schlager.

Ich wäre jedenfalls so langsam aber sicher bereit für ein neues „Nevermind“. Bis dahin empfehle ich „Stage Four“ von Touché Amore, was glaube ich, mein Album des Jahres wird.

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