In jeder Familie und Bekanntenkreis gibt es einen technikbegeisterten Onkel. Im Sommer ist er auf irgendeiner Südseeinsel, trägt eine weiße übergroße Schildmütze und eine Brille mit herunter klappbaren Sonnenbrillengläsern. Dieser Onkel weiß bestens über die Vorzüge seiner VHS-Kamera Bescheid und bringt aus jedem Urlaub ein illustres Filmchen mit. Strand, Sonnenuntergang am Horizont und von rechts oben dreht sich ein „MENORCA 1994“ in großen verpixelten Buchstaben ins Bild. Daraufhin folgen ungefähr 7 Stunden an Aufnahmen der örtlichen Flora und des allabendlichen Buffets. Wie wunderbar doch diese Mandarinenscheibe zu einer Blüte auf dem lauwarmen Pommesmeer gefaltet wurde.

Einige Teile meiner Kindheit wurden in genau dieser Form auf VHS festgehalten. Im Hintergrund läuft Volksmusik während ich furchtbar gelangweilt mit einer Schar alter Menschen durch das Riesengebirge wandere. Dieser Ausblick, atemberaubend. Und das Essen am Abend erst. Kroketten!

An diese Zeiten fühlte ich mich gestern Abend erinnert, als ich Sepp Maiers kleines Urlaubsvideo von seinem Ausflug im Juni/Juli 1990 sah. Der kleine Ausflug war insofern besonders, als das es sich dabei um die WM in Italien handelte und Deutschland dabei Weltmeister wurde.


Aus den Camcorder-Aufnahmen von damals, wurde der kleine Film „We Are The Champions“ zusammen geschraubt. Ein Zeitdokument, welches an Authentizität wohl nicht zu übertreffen ist. Sozusagen das wahre Sommermärchen.

Die Geschichte um die Aufnahmen herum ist an sich schon Märchen genug: Über 6 Stunden Material hat Maier damals vom Trainingslager vor der WM bis zur Siegesfeier in Frankfurt gefilmt. Während des Autokorso durch Frankfurt wurde ihm aber die Kameratasche mitsamt aller Aufnahmen geklaut. Gna. Der DFB startete auf seine Bitte hin einen Aufruf, die Bänder doch wieder zurückzugeben. Es meldete sich tatsächlich jemand und gegen 1000 Mark Lösegeld wurden die Aufnahmen in einer Frankfurter Bahnhofskneipe übergeben. Glück gehabt. Die 1000 Mark ließ sich Maier übrigens vom DFB erstatten.

Der Film wurde später auf einer Weihnachtsfeier des DFB gezeigt und verschwand dann wieder in den Archiven Maiers. Im vergangenen Jahr konnten die Macher des Berliner „11mm Fußballfilmfestivals“ ihn aber dazu überreden, den Film bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals zu zeigen. Mit 4 ausverkauften Vorstellungen des Films war und ist die Nachfrage überwältigend. Das Besondere dabei: Der Film wandert danach zurück in’s Archiv, unzugänglich für die Öffentlichkeit, denn so wurde es einst den Protagonisten des Films versprochen.

Seit Gestern darf ich mich auch zum kleinen Kreis der Auserwählten zählen, die Onkel Sepps Urlaubsvideo von Italien 1990 sehen durften. Oder auch: Seit Gestern darf ich mich auch zum kleinen Kreis der Auserwählten zählen, die Lothar Matthäus dabei zusehen durften, wie er mit dem WM-Pokal vorm Gemächt nackt durch die Kabine tänzelt. Überhaupt habe ich glaube ich jeden Weltmeister von 1990 einmal nackt oder wenigstens angetrunken durchs Bild hüpfen sehen. Stets mit Jugendschutz-Fußball untenrum rein editiert.

Überall war die Kamera dabei. Im Stadion, in der Kabine, im Mannschaftsbus und natürlich auch im Mannschaftshotel. Die Aufnahmen von letzterem erstrecken sich über gefühlte 10 Minuten und zeigen alte Gemäuer neben Blumenbeeten. Wie man das eben so macht, in Urlaubsvideos.

Sehr schön sind auch die Aufnahmen aus der Kabine. Ich musste immer wieder an meine Zeit im Jugendfußball denken. Nicht, dass ich da in der Nationalmannschaft gespielt hätte, aber diese Mischung aus kleinen Bänken, alten Metallkleiderhaken, Spanplattenverkleidung und vergitterten Fenstern 1,80m über dem Boden kamen mir dann doch sehr bekannt vor.

Wo es heute Entspannungs-, Unterhaltungs-, Kommunikations- und Sportbereiche in 5-Sterne-Hotels gibt, gab es damals eben gar nichts. Dokumentiert wird eine Truppe Fußballer, die von Spiel zu Spiel fährt und dazwischen sehr viel Zeit hat. Nur einmal gibt es als Unterhaltungsprogramm einen kleinen Ausflug mind Kind und Kegel zum Comer See. Eine einfache, große Klassenfahrt mit den gewohnten Blödeleien, sobald die Kamera läuft. In seiner Rolle als Entertainer ist Pierre Littbarski damals übrigens ganz wunderbar aufgeblüht und der heimliche Star des Films. Den Höhepunkt finden seine Einlagen darin, als er sich nach dem Finalsieg mit Trainingsbekleidung unter die Dusche stellt und komplett einseift.

Der Trashfaktor ist natürlich äusserst hoch. (Nicht nur wegen der wunderbaren mintgrünen (?) Trainingsanzüge.) Alle Anfang der 90er möglichen Videoeffekte werden mehrmals gezeigt und vor jedem Spiel wird in großer, pixeliger Schrift (wiederum in allen Farben die es damals gab) gezeigt, was als nächstes Kommt. Das Endergebnis wird vorab mit kleinen Grafiken verdeutlicht. Vor dem Achtelfinale gegen die Niederlande ploppen zum Beispiel 2:1 pixelige Käsestücke auf.

Ganz wichtig ist dabei auch der Soundtrack. Vorm Finale „The Final Countdown“, nach Abpfiff „We Are The Champions“ und danach „One Moment In Time“. Jedes noch so wackelige Bild ist mit einem wunderbar passendem Lied unterlegt. Der Soundtrack hätte wohl Doppel-Platin verdient. Mindestens. Die Lieder, die mir aus dem Stehgreif wieder einfallen sind:

  • Roy Black & Anita – Schön ist es auf der Welt zu sein
  • Europe – The Final Countdown
  • Queen – We Are The Champions
  • Whitney Houston – One Moment In Time
  • Vangelis – Chariots of Fire
  • Irgendein Song von Eros Ramazotti (Ich kann die leider nicht auseinander halten)
  • David Hanselmann – Go Get The Cup
  • Gianna Nannini & Edoardo Bennato – Un Estate Italiana
  • Duran Duran – Wild Boys

Die Grundstimmung des Films wird in diesen 10 Sekunden hier ganz gut deutlich:

Trotz all der unfreiwillig komischen Szenerie, hatte ich zu 90% der Zeit Gänsehaut. Aufnahmen aus dem Bus auf dem Weg zum Stadion oder auch vor Spielbeginn, wie die Spieler im leeren Stadion auf dem Rasen sitzen und darauf warten, dass es endlich losgehen kann. Applaus im Kino, wenn endlich das erste Tor fällt.

Zum WM Finale damals war ich stolze 4 Jahre alt und saß auf dem heimischen Sofa. Fußballerische Früherziehung. Ich kann mich natürlich an nichts mehr davon erinnern, könnte aber mittlerweile problemlos den Turnierverlauf nacherzählen. Und überhaupt: Wenn ich mich auf einen Fußballgänsehautmoment festlegen müsste, dann wäre es der schönste Elfmeter der Welt. Unten links, milimetergenau neben den Pfosten. Andi Brehme. Hach.

Noch mehr Infos zum Film gibt es in der aktuellen 11Freunde Ausgabe (#124). Wer jetzt auch nur annähernd der Nostalgiestimmung verfallen ist, wie ich es seit diesem Film bin, kann sich hier eine ARD Reportage zur WM 1990 anschauen:

Und wer jetzt noch wissen möchte, was aus den Weltmeistern von damals wurde: Hier entlang.

(Alle Fotos © Sepp Maier)

Share on Facebook0Tweet about this on TwitterEmail this to someone