14. Januar 2016 | 0:23 Uhr


Gestern bin ich auf dem Weg zum Zug schon um 6 Uhr morgens über den Alexanderplatz gelaufen. Um diese Zeit strahlt der Platz umso mehr dieses “Was ist hier eigentlich passiert?!” aus. Im Sommer fischt um diese Zeit ein Müllmann alles Mögliche aus dem Brunnen und bei während den Weihnachts-Frühlings-Oster-Pfingst-Sommer-Herbst-Irgendwasistimmer-Märkten stehen die abgeschlossenen Verkaufshäusschen immer so verlassen rum, als wären sie Hütten in “Anno 1602” die keine Straßenanbindung bekommen haben. Schade eigentlich, dass ein – sowohl geografisch als auch historisch – so zentraler Platz zunehmend zu einem Urghs-Platz wird. Um genau zu sein fehlt eigentlich nicht mehr viel für eine volle Urghs-Punktzahl. Primark-Tüten haben den Platz wie ein Algenbefall übernommen, es gibt jede Menge Trickbetrüger, ab und zu wird mal jemand umgelegt und wenn man ganz viel Pech hat, ist gerade das Berliner Humor-Festival. Vielleicht ist es ein bisschen so wie mit dem Times-Square in New York. Als Tourist ist es einer der ersten Orte, den man mit großen Augen ansteuert, aber als Anwohner kann man sich kaum nervigeres vorstellen.

Na ja, ganz so schlimm ist es zum Glück nicht. Schließlich schaue ich bei jedem Gang über den Alexanderplatz kurz hoch zum Fernsehturm und freue mich darüber, in Berlin zu wohnen und das dieser Ausblick oft zu meinem ganz normalen Arbeitsweg gehört. Die besonderen Momente sind dabei wie gesagt meistens am sehr frühen Morgen. Wenn es Kaffee nur in Bechern mit grellen Farben gibt, weil die ganzen hippen Cafés noch nicht aufhaben. Gestern fiel mir in so einem ruhigen erneut auf, dass es keine Tauben mehr auf dem Alexanderplatz gibt. Stattdessen jede Menge Krähen. Die Krähen haben die Vorherrschaft am Alexanderplatz! Ich mag Krähen. Sie sind wahnsinnig schöne Tiere und obendrein auch noch sehr schlau.

Dementsprechend habe ich den Gedanken gleich weitergesponnen. Wenn die schlauen Nebelkrähen jetzt den Alexanderplatz in ihren Krallen haben, kann es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie die Kids zwischen all den Primark-Tüten überlisten. Als nächstes die Trickbetrüger. Und dann die Infostände der Sekten und fragwürdigen politischen Vereinigungen. Liebe Krähen, ich zähle auf euch.

Mein Tag in Hamburg startete heute zum Glück nicht ganz so früh. Dennoch mit Urghs-Moment. Auf dem Weg zum Büro flog auf einmal etwas knapp an meinem Kopf vorbei. Als es auf dem Boden landete sah ich, dass es ein Feuerzeug war. Huch! Wer wirft denn so früh am Morgen mit Sachen nach mir (vor allem OHNE, dass ich einen Gag vorher gemacht habe)?! Ich drehte mich verwundert um und sah einen jungen Herren in Tribal-Tracht. Wie sollte es auch anders sein. Er sah aufgebracht aus, war aber weit genug entfernt, also drehte ich mich wieder weg. Er blaffte irgendwas daher, was ich aber dank David Bowie auf meinen Ohren gar nicht hörte. Und außerdem, wer um 9 Uhr morgens mit Feuerzeugen wirft, hat wahrscheinlich eh keine Lust auf ein aufklärendes Gespräch. Wenn mir das Stadtleben eins gelehrt hat dann: Nicht auf nervige Spinner eingehen!

So ganz konnte ich mir aber doch keinen Reim darauf machen, was denn jetzt los war. Also drehte ich mich noch einmal um und guckte dieses Mal fragend böse statt verwundert belächelnd. Wenn ich seine rudernden Arm-Bewegungen daraufhin richtig interpretiert habe, wollte er mir sowas wie “Ja ich weiß doch auch nicht, sorry!” signalisieren.

(Ich nehme mal an, er hat mich erkannt und dann ist ihm schlagartig eingefallen, dass ich wöchentlich Wrestling schaue und über 200 Kontakte auf Xing habe.)

2 Antworten zu “Die Krähen und das Feuerzeug”

  1. […] Die Krähen und das Feuerzeug […]

  2. Lea sagt:

    „Irgendwas-ist-immer-Märkte“ brachte mich zum Schmunzeln. Ich frage mich ziemlich häufig zu welchem Anlass dort schon wieder Markt ist.

    Mein Problem mit dem Alexanderplatz ist, dass es dort permanent nach Gulli riecht.
    Was du beim Anblick des Fernsehturms fühlst, spüre ich beim Karaoke im Mauerpark. Immer wenn ich Besuch bekomme, sage ich, sie sollen an einem Sonntag da sein – damit wir dorthin gehen können.

Schreib einen Kommentar