Letzte Woche hatte meine S-Bahn zum Bahnhof 10 Minuten Verspätung, woraufhin mein eng gestaffelter Routineplan wie ein Kartenhaus zusammen fiel. Ärgerlich. Besonders um 6:30 Uhr, wenn man also theoretisch eigentlich noch im Bett liegen könnte. Die Folge war eine Stunde Zeit bis zum nächsten passenden Zug. Da ich mich um diese Zeit noch nicht allzu sehr auf meinen Kopf verlassen kann, verharre ich dann gern in der inaktiven Beobachterposition. Wenn man einmal damit anfängt, reiht sich einiger Unsinn aneinander. Erst recht, weil sich alles so früh am Morgen anfühlt, als würde man bei „Takeshi’s Castle“ teilnehmen, nur eben mit unsichtbaren Hindernissen.

Da ich immer viel zu knapp bin, hatte ich schon lang nicht mehr den Luxus von zu viel Zeit am Bahnhof. Weil ich meine Bahncard in diesem Jahr so oft benutzt habe, habe ich neulich eine neue, silberne Bahncard zugeschickt bekommen. Ich bin jetzt bahn.comfort Kunde. Das klingt ganz nett, macht einen aber eigentlich zu einem schlechteren Menschen. Denn zum Beispiel hat man damit das Recht bahn.comfort Sitzplätze im ICE zu benutzen. Genauer gesagt also andere Leute von diesen eigentlich freien Sitzplätzen zu vertreiben. Ein ganz nützlicher Vorteil ist allerdings, dass man neben Menschen der 1. Klasse die Bahn Lounge besuchen darf. Das wollte ich immer schon mal ausprobieren! Vielleicht gibt es dort ja ein Bällebecken oder so. Leider nein, aber immerhin kostenfreies, stabiles WLAN. Das Bällebecken des 21. Jahrhunderts.

Die Anwesenden dort hätten jedenfalls eine wunderbare neue „Stromberg“ Reihe angegeben. Geschäftsleute, die morgens um 7 Uhr auf den Zug warten, man kann sich vorstellen, wie aufregend es da zugeht. Zwischen etwa 30 Männern gab es zudem ganze 2 Frauen. Eine Bedienung und eine Empfangsdame.

Bevor mein zweiter Zugversuch des Tages startete nahm ich einen kleinen Umweg über den Kaisers im Hauptbahnhof. Fast so was wie ein Geheimtipp übrigens, weil er ganz versteckt in der unteren Etage ganz am Ende liegt, dafür aber immer geöffnet hat und Getränke und Essen zu normalen Preisen hat. Zum Beispiel Brezeln, die mit einer Spritze mit gesalzener Butter gefüllt worden. Ich mag die, auch wenn man dafür in Bayern ins Gefängnis kommen kann.

An der Kasse gab es aber ein durcheinander, da eine indische Touristenfamilie sich scheinbar vordrängeln wollte. SO NICHT! Die Kassiererin schickte sie brav zum anstellen nach hinten. Als sie dann nach mir dran waren, zeigten sie auf eine Tafel Lindt Schokolade und fragten „What’s the price?“. Die Kassiererin legte einen enormen Kaltstart hin und wurde sofort laut: „STEHTDO DRUFF MÄÄÄÄNSCH!“. Sie zeigte sich kurz verwundert, dass die Inder mit dieser Aussage nichts anfangen konnten und tippte – nein sie drosch – mit ihrem Finger auf den aufgedruckten Preis auf der Packung und schaute danach so vorwurfsvoll als wäre es die letzte Tafel Schokolade im Raum Berlin Brandenburg, die sie sich eigentlich sichern wollte. Eingeschüchtert als wären sie gerade zu nah an ein Bärengehege gekommen, ging die Familie wieder.

Aber mal ehrlich: Auch mich als ehrenvollen deutschen Staatsbürger verwirrt das. Für alle Produkte im Supermarkt gibt es ein Preisschild, nur bei Lindt Schokoladen sind sie direkt auf dem Produkt mit aufgedruckt irgendwo zwischen den Inhaltsstoffen und der Geschäftsanschrift. Bemerkenswerte Reaktion der Kassiererin jedenfalls. So wird man doch gern behandelt. Wahrscheinlich steht sie schon in irgendwelchen Online-Reiseführern als Geheimtipp, wenn man gern besonders deutsch behandelt werden möchte. Achtung! Blitzkrieg! Schadenfreude!

Im Zug gab es gleich das nächste Beispiel was wunderbar in diese güldene Schatulle der Zwischenmenschlichkeit passte. Dieses Mal waren es keine Inder, sondern zwei junge Frauen die deutschen Gepflogenheiten bereits seit Geburt an kennen dürften. Und trotzdem begaben sie sich auf äußerst dünnes Eis und hatten – Achtung Bahnfans, nicht erschrecken – einen Hund dabei.

Er war nicht sonderlich groß, fiel mir aber gleich auf, weil er wahnsinnig gut hörte, dabei äußerst niedlich war und obendrein auch noch ein Bein in Gips hatte. Ich hoffe unsere beiden Katzen zu Hause lesen das hier nicht, aber ich hatte innerhalb von Sekunden mein Herz an diesen Hund verloren. Er lag die ganze Zeit unterm Sitz vor den Füßen der beiden Damen und schlief entweder oder wunderte sich wahrscheinlich, in was für einem abgefahrenen Ding er gerade ist.

Kurz vor Hamburg wurde ihm wohl etwas langweilig und er legte sich in den Gang. Der Zugbegleiter ging durch den Wagon und blieb sofort stehen. Tickets hatte er bereits zu Beginn der Fahrt kontrolliert, machte jetzt aber wohl noch mal eine OKF (Ortskontrollfahrt heißt das, ihr Stadtkinder!). Den Hund konnte er so natürlich nicht tolerieren. „So müssen wa da jetzt aber n Ticket lösen!“ Ich verstand nicht ganz was die Hundebesitzerin sagte, es lief aber darauf hinaus, dass man irgendwas mit einer Tasche ausgemacht hatte. Wenn der Hund in der Tasche sitzt wäre es wohl okay. „Na dann musser aber auch in der Tasche sein!“ Und so schaute der Zugbegleiter dabei zu, wie die gesamte Reisetasche ausgeräumt und der Hund hineingesetzt wurde. Abschließend kommentierte er die Situation in tief ernstem Ton mit:„AB KATZENGRÖSSE MÜSSEN HUNDE ZAHLEN!“

Ich musste mir umgehend vorstellen, wie der Hund reumütig sein kleines Portmonee rausholt, um sein Ticket nachzulösen. So geht das schließlich nicht. Das macht allerdings auch eine Zweiklassengesellschaft deutlich – Katzen fahren immer kostenlos! Und man könnte einen ganzen Wagon voller Katzen den ganze Tag durch Deutschland fahren lassen und niemand könnte etwas sagen. Vielleicht ein neues Geschäftsmodell? Und zählen Tiger dann auch als Katzen?

Wie auch immer. Ich hab mich mal informiert, Hunde müssten dann den Kinderpreis für eine Strecke zahlen. In diesem Falle wären das also knapp 50€ für anderthalb Stunden Fahrt gewesen. Hahaha! Ja, klar. Natürlich. Ich verstehe diese Regelung natürlich, da ein dicker Bernhardiner ja so viel Platz wie ein Mensch in der Bahn wegnimmt und somit rein theoretisch weniger Platz für Fahrgäste lässt. Aber ach, mal ehrlich, einen Hund belehren? Für Bahn-Nerds: Hunde zählen nicht als kostenlose Kinder und man kann Tickets für sie zwar online kaufen, muss sie sich aber per Post zuschicken lassen. Haha!

Kein Wunder also, dass es den Dog Train gibt:

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