Auch wenn für gewöhnlich meine Gedanken sehr häufig um Süßigkeiten und Spielzeug kreisen, so gibt es auch bei mir Momente in denen ich mich alt fühle. Genauer gesagt ist es sogar nur eine Sache: YouTube. Und noch genauer gesagt: Deutsche YouTuber.


So gerne und oft ich auf YouTube bin, so sehr fühle ich mich auch als Aussenstehender, wenn ich mir anschaue, was die deutsche YouTube-Riege so von sich gibt. Ich kann übrigens „Wuzzup“ von MrTrashpack sehr empfehlen. Da bekommt man wöchentlich einen Überblick, was so in Sachen YouTube in Deutschland los ist. Ich verstehe regelmäßig so gut wie nichts davon, schaue aber jedes Mal gebannt zu. Es tut sein übriges dazu, dass in 99% der Fälle, wo mir YouTuber auf irgendwelchen PR-Events begegnet sind, die dann mindestens wunderlich waren. Aber irgendwo muss das ja auch herkommen.



Während man zu Zeiten der ersten Schritte von Online-Videos noch darauf kam, dass Videos nicht länger als 3 Minuten sein sollten ist man mittlerweile scheinbar dabei angekommen, DASS MAN SEINE ZUSCHAUER ANSCHREIEN SOLLTE UND TAUSEND SCHNITTE UND ZICKZACKHICKHACK AHHHHHHHHHH!!! Klar, ich muss mir das ja nicht anschauen, mache es aber trotzdem immer mal wieder gern, weil ich es einfach interessant finde, was da so passiert. Und vielleicht auch aus Erschrecken darüber, wie scheiße und trotzdem erfolgreich Sachen sein können, nur weil man eben auch als großer YouTuber immer noch sagen kann, man wäre „einer von euch da draußen und ohne euch da draußen nie so weit gekommen abonnierenundlikenplz“.

Gerade läuft Twitter ausnahmsweise mal nicht nur wegen dem „Tatort“ heiss, sondern auch, weil Sami Slimani endlich 1.000.000 Abonnenten auf YouTube erreicht hat. Im Vergleich anderer Größen der ähhh Szene ist er damit (glaube ich zumindest) relativ spät dran, ist in der Welt außerhalb von YouTube dennoch eines der bekanntesten Gesichter. Kann natürlich auch daran liegen, dass es gerade eine deutschlandweite Plakatkampagne mit ihm gibt.



Ich bin schon lange Fan von ihm und vor allem seiner Facebook Seite oder viel eher von dem Phänomen, dass er nunmal ist. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen finde ich es interessant, wie er seinen Weg und seine Inhalte komplett durchzieht. Viel interessanter finde ich aber, wie ihm es gelingt, seine Fans für sich zu instrumentalisieren. Einfach mal die Facebookseite anschauen und man wird verstehen was ich meine. Hey es würde mir total viel bedeuten, wenn ihr das hier liked, mindestens fünf Mal kommentiert und alle eure Verwandten anruft, um sie darüber zu informieren.


Vor zwei Jahren bin ich auf damals noch HerrTutorial getroffen. Da startete er gerade richtig durch und erzählte ein bisschen davon wie es ihm immer besser gelinge, Produkte und Marken unterzubringen. Das Kunststück ist natürlich trotzdem noch wie der nette Boy von nebenan zu wirken. (So mach ich das ja auch, ha!) Und genau das gelingt ihm mit Bravour. Zwischen den typischen Beautyvideos gibt es dazu eine Unmenge an vor Kitsch triefender Sprüche wie zum Beispiel: „Vergesse niemals wer für dich da war, als es niemand war. ♡“ oder „Du bist wunderschön wie du bist, vergiss das nie. Lass dich niemals unterkriegen.“ oder „Schönheit erregt nur Aufmerksamkeit. Aber Persönlichkeit erobert Herzen!“. Haaach! Natürlich wird das Ganze dann immer gern mit einem nachdenklichen Foto garniert und man kann beim Anschauen quasi deutschlandweit Teenagerherzen zerfließen hören. Ebenso wird Sami nicht müde zu erwähnen, dass er dankbar für all seinen Erfolg ist, niemals abheben wird und stets an seine Saminators denkt. Das waren in den 90ern schon die wichtigsten Grundregeln bei Boygroups und heute gilt das natürlich auch für YouTube-Sternchen. Nebenbei hat er übrigens seine ganze Familie mit in den Onlinezirkus geholt. Seine Schwestern sind mittelmäßig bis sehr erfolgreich auf YouTube und seine Mutter hat derzeit über 45.000 Fans auf Facebook.


Aber ganz ehrlich: Ich glaub ihm das sogar. Also natürlich nicht jeden kitschigen Gefühlsfirlefanz mit dem auf Likefang gegangen wird, aber diese Grundhaltung, dass er eben wirklich mal ein schmächtiger Loser war, der heute jeden Tag froh über seinen Erfolg ist.



Er ist ja heute noch das leichteste Ziel was man sich auf YouTube raussuchen kann. Die männlichen Pendants in seinen Erfolgssphären auf YouTube sind (von dem was ich Unwissender so kenne) alle überdrehte Männertypen, die in Axe-Deospray getaucht wurden, einen schlimmen Humor haben und im Wesentlichen oftmals Prolls mit einem Schnittprogramm auf dem Rechner sind.



Sami hingegen bekommt in guter Regelmäßigkeit und Fülle tiefgehende Beleidigungen zu lesen eben weil er keinem klassischen Mannsbild entspricht. Das alte ERSVOLLSCHWUL ALSO ICH MEINE DAS NICHT BÖSE ODER SO JA ABER ERS VOLL SCHWUL! fällt im Sekundentakt. Sei es nun in den Kommentaren unter den Videos, auf Facebook oder in Form von Schmierereien auf den Plakaten und Anzeigen. Sollte man zu so etwas neigen, dann empfehle ich übrigens die letzte Variante, weil man da nicht gleich von Horden an Teeniemädchen überrollt werden dürfte.



Aber mal ehrlich: So schmierig viele seiner Inhalte auch sein mögen – Es muss einem ja nicht gefallen. Aber doch muss man ihm ja Respekt dafür zollen, dass er sich nicht hat unterkriegen lassen und seinen Schuh durchgezogen hat. Insofern ist Sami Slimani also doch ein gutes Vorbild für die Teenager da draußen, die täglich darunter zu leiden haben, dass sie anders sind. Beziehungsweise gerade unter den Jungs, die eben keinem klassischen Männerbild entsprechen und sich für Beautyzeugs interessieren, ohne dann danach an U-Bahnhöfen rumzustehen und böse zu schauen. Und er hat es ja nicht nur durchgezogen, er ist auch noch sehr erfolgreich damit.



Zum ersten Mal wurde mir das Ganze bewusst, als aufgrund der aktuellen Plakatkampagne erstaunlich viele Leute um mich herum über ihn schimpften, obwohl sie natürlich – so wie ich – von seiner Arbeit so gut wie keine Ahnung haben. Wie schon gesagt, er ist einfach ein erstaunlich leichtes Ziel für Spott.



Und was sagt er selbst dazu? Er nutzt die Beleidigungen als Ansporn weiterzumachen und zeigt sie dann auch gerne Mal zum Beispiel auf seiner Facebook Seite. Nur um seinen kleinen großen Fans zu zeigen, dass es weitergeht und da draußen immer irgendwer ist, der Scheiße erzählt. Hat was. Und während ihn wahrscheinlich mindestens so viele Menschen furchtbar wie gut finden und lauthals beleidigen, fährt er mit seinem dicken Mercedes zur nächstgelegenen Drogerie und macht ein neues Video von dessen Klicks er sicherlich mehr als gut leben kann.



Natürlich darf man seine Videos und das was er so von sich gibt, scheiße finden, aber irgendwie mag ich es, dass er sich von dem ganzen Hass nicht brechen und von seiner Sache abbringen lässt. Und irgendwie mag ich es, dass sein 
riesiges Plakat am Alexanderplatz gerade wahrscheinlich der größte und zugleich harmloseste Mittelfinger Deutschlands ist.

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