Anfang November bin ich im Auto aus dem Büro nach Hause gefahren worden. Während ich dem Regen an der Scheibe und den vorbei fliegenden Straßenlampen zuschaute, gab es einen dieser seltenen Radiomomente. Ein Song, den man zwar noch nie gehört hat, der einen aber sofort im ersten Moment packt und perfekt in die Stimmung passt. Der Regen tröpfelte vor sich hin und diese junge Dame im Radio sang so schön, dass man sich sofort mit ihr in eine Deckenhöhle verkriechen wollte.

Keine Ahnung, wer sie ist. Ich tippte ein paar Songtextfetzen, die ich raus hörte schnell in mein Handy, um heraus zu finden um welchen Song es sich handelte. Sie reimte „favourite sun dress“ auf „watching me get undressed“ und hauchte es dabei etwa mit dem siebenfachen Lungenvolumen eines normalen Menschen. Die Lust, mich mit ihr in eine Deckenhöhle legen zu wollen, steigerte diese Tatsache exponentiell.

Zwar war es einer der seltenen, ganz besonderen Radiomomente, aber ganz so besonders war er dann doch nicht. Das Radio ist mittlerweile wohl auch das falsche Medium um große Neuentdeckung zu finden. Der Song war schon in den Hörercharts ganz weit vorn und womöglich war er dazu auch noch der SUPERCASHHITSONG$$$$$, bei dem man mehrere tausend Euro gewinnen kann, wenn man danach bei der Radiostation anruft.

Mir egal, ich hatte für mich gerade Lana del Rey entdeckt. Google nahm sich meiner Songtextschnippsel an und meinte, der Song hieße „Videogames“. Ich hörte ihn danach ungefähr 172 Mal hintereinander und konnte immer noch nicht genug davon bekommen. Die Stimmung dieses Songs ist so großartig. Alt und eingestaubt, aber auf eine schöne Art und Weise.  Man hat das Gefühl, er würde die ganzen 4:01 Minuten die Anspannung halten bevor er richtig anfängt und dann ist er wieder vorbei. Das ist ein unheimlich schmaler Grad und dieses Lied wandert ihn perfekt entlang. Das ist in etwa vergleichbar mit Auto fahren. Der Schleifpunkt, wo man die Kupplung langsam gehen lässt und das Auto ohne Gas zu geben los fährt.

Okay. Ich habe mich auf Anhieb mit dieser Frau in eine Deckenhöhle legen wollen und ihre Musik gerade mit Autos verglichen. Ich war auch schonmal feinfühliger. Aber dazu kommen wir später noch.

Das Wunschvorhaben, mich in eine Deckenhöhle mit Lana verziehen zu wollen, verstärkte sich dann ein weiteres Mal, als ich meine weiteren Recherchen begann und sie nach meinen Ohren nun auch mal meinen Augen vorstellte.

Oh, hallo. Ich liebe Pop Musik. Und wenn man eine große Schwäche für Pop hat, muss man eine gewisse Naivität mitbringen, sonst findet man das ja alles sofort blöd. Dementsprechend ist diese junge Dame eben wirklich die schüchterne Vorstadt-White-Trash-Diva die wohl zum Weltstar werden wird. Und natürlich sind auch diese Lippen echt. Warum denn auch nicht?

Ein paar Tage nach meiner Entdeckung spielte Lana del Rey ein Konzert in Berlin. Direkt um die Ecke. Da hier hervorragende Arbeit geleistet wurde, um einen Hype ins Rollen zu bringen, fand das 30minütige Konzert allerdings ohne mich statt. Man hatte nämlich eine Räumlichkeit gewählt, die der Nachfrage ungefähr zu einem Zehntel gerecht wurde.

Bei ihrem Deutschlandbesuch schaute sie allerdings auch bei „Inas Nacht“ vorbei und man konnte sich das ganze anschauen. Mein Bild begann zu bröckeln.

Okay, man kann schon mal Angst bekommen, wenn man in einer voll besetzten, deutschen Kneipe steht und durch Bierdunst von Ina Müller angeschrien wird. Da waar viel Aufregung dabei, aber als erfahrener Hörer merkt man auch, dass es eben nicht nur Aufregung ist. Es fehlt auch arg an Luft. Aber wer weiß, das gibt sich bestimmt noch. Leider konnte ich mich auch nicht den hypnotischen Blicken in die Kamera hingeben, da meine Blicke viel zu sehr gebannt an den Gel-Nägeln hingen. Sie würde überall in der Deckenhöhle hängen bleiben!

So richtig wollte ich der Sache aber noch nicht glauben und wartete weitere Auftritte ab. Herrjemine, meine schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten. Dieses kleine, hübsche Mädchen war dem, was sie da fabrizierte, gar nicht gewachsen. Blendet man dazu die Pop-Naivität aus und recherchiert ein wenig weiter, wird man auch schnell merken, dass ihr Aussehen letztlich auch nur die Projektion der popkulturellen Spalte, in die sie da rutschen soll, ist. Und ja, die Lippen sind auch nicht echt.

Angesichts der Diskrepanz auf diversen Ebenen, wollte ich diesen Text eigentlich schon vor ihrem Auftritt bei „Saturday Night Live“ geschrieben haben. Ich wollte ankündigen, dass die Chancen sehr hoch stehen, dass ihr Auftritt gelinde gesagt nach hinten losgehen könnte.  Hab es aber letztlich doch nicht getan, weil ich mich nicht allzu weit aus meinem kleinen, popkulturellen Fenster lehnen wollte. Nun ja, meine schlimmsten Befürchtungen sind eingetreten:

Aus der großen Vielleicht-Diva, bricht das schüchterne Mädchen heraus, was es einfach nicht schafft die eigenen Songs mit der Hingabe oder viel eher der gleichen luft wie im Studio zu singen. Vielleicht ist es ja auch gerade das, was den Song „Video Games“ so besonders macht. Er hat eben exakt einmal funktioniert und das war im Studio. Achtet man genauer auf den Auftritt, merkt man, dass es nicht wirklich die Aufregung ist oder eventuelle Einflüsse diverser pharmazeutischer Erzeugnisse. Es fehlt ihr einfach hier und da. Sie schafft es nicht das Bild, welches als Fassade um sie herum aufgebaut wurde zu halten. In harten Zahlen sieht das dann so aus, dass sie nach dem Auftritt auf Platz 91. der US-Charts eingestiegen ist. Hart gesagt bedeutet das, dass diese junge Dame vielleicht nicht ver- aber doch wenigstens angebrannt wurde. (Also nur sinnbildlich, herrje der schöne Fummel!)

Man muss sich das einmal kurz vor Augen halten: Lana del Rey ist Mitte 20, hat noch kein Album (unter diesen Namen) veröffentlicht, spielt aber bereits bei „Saturday Night Live“. Livemusik ist auch im US-Fernsehen rar und einen Auftritt hier zu haben, ist wohl das Größte, was man dahingehen als Musiker/in erreichen kann. Der Hype hat sich ganz einfach selbst aufgefressen. Dennoch ist es bemerkenswert wie gut er aufgebaut wurde.

Wir zählen das noch einmal an einer Hand ab: Eine richtig gute Single, eine gute Single und 2 ganz schöne B-Seiten. Boom:

Am sinnbildlichsten dabei ist wohl das Cover des aktuellen Intro Magazins:

Eine Ikone also. Noch nicht mal richtig Platz genommen und schon eine Ikone. Zuletzt gab es einen derartigen Hype vor der Veröffentlichung eines Major-Albums wohl bei einem deutschsprachigen Rapper mit Kratzestimme, nur lief es da ein wenig anders ab. Ich weiß nicht, ob es das in der Geschichte der Popmusik schon allzu oft gegeben hat, aber es scheint so, als wäre das Umspringen von Hype auf Wassolldasdennjetztüberhaupt?! bereits vor (!) der Veröffentlichung des Debut (!!) Albums eingetreten. Die Ikone in den Startlöchern wird sich selbst einfach nicht gerecht und die ganze Welt kann zuschauen. Verrückt dieses Internet. Will man es diesbezüglich übertreiben, kann man sich übrigens beim Anhören einfach mal vorstellen, wie jeder einzelne Halbsatz einzeln eingesungen wurde, damit die Luft ausrecht.

Aber mal zu einem anderen Punkt: Manch einer mag hier eine großartige Retro-Lady sehen, die direkt aus einem Zeitreisetunnel als Diva tritt. Wenn mich eine Frau nur durch ihr wunderbares Singen und ihr Aussehen dazu bringt, dass ich mich durchaus gern spontan mit ihr in eine Deckenhöhle verkriechen würde und nicht abgeneigt wäre, sie auszuziehen, spielt der Feminist in mir Xylophon in meinem Kopf und sagt, dass ich gefälligst mal halblang machen soll. Und eben dieser Sichtpunkt mit Feminismus-Xylophon im Kopf ist ebenso interessant. Die vielleicht bald große Diva Lana del Rey ist nämlich alles andere als das.

Vielleicht liegt es ja an besagtem Zeitreisetunnel, aber als Frau im Jahre 2012 muss einem schlecht werden, bei der Art und Weise, wie sich Frau del Rey Liedzeile für Liedzeile zu einem passiven (Sex-)Objekt haucht. Irgendein harter Kerl kommt immer daher, dem sie sich an den Hals wirft und irgendwo drapiert in der Ecke sitzt und darauf wartet endlich angefasst zu werden oder ähm Goldmünzen zu bekommen. Im Prinzip liebt sie die harten Kerls dann bis ans Ende ihres Lebens. Auch wenn die scheiße zu ihr sind oder sich ziemlich gehen lassen und lieber Videospiele spielen, während sie sich jeden Tag wie ein Püppchen aufbrezelt um es ihm recht zu machen.  „Because I’m crazy, baby. I need you to come here and save me. I’m your little scarlet, starlet singing in the garden. Kiss me on my open mouth, ready for you.“ Heieiei.

Ich hätte mich dem Hype gern hingegeben und sie für eine große Künstlerin gehalten. Aber ich kann einfach nicht. Das davor und das dahinter sind selbst für Pop-Verhältnisse viel zu weit auseinander. Dennoch bin ich gespannt was nach der Veröffentlichung des Debut-Albums am Freitag so passieren wird. Ob sie die Diva wird, die sie sein soll und ob es wohl jemals ein zweites Album geben wird.

lanadelrey.com

Share on Facebook0Tweet about this on TwitterEmail this to someone