23. Januar 2012 | 23:49 Uhr


Anfang November bin ich im Auto aus dem Büro nach Hause gefahren worden. Während ich dem Regen an der Scheibe und den vorbei fliegenden Straßenlampen zuschaute, gab es einen dieser seltenen Radiomomente. Ein Song, den man zwar noch nie gehört hat, der einen aber sofort im ersten Moment packt und perfekt in die Stimmung passt. Der Regen tröpfelte vor sich hin und diese junge Dame im Radio sang so schön, dass man sich sofort mit ihr in eine Deckenhöhle verkriechen wollte.

Keine Ahnung, wer sie ist. Ich tippte ein paar Songtextfetzen, die ich raus hörte schnell in mein Handy, um heraus zu finden um welchen Song es sich handelte. Sie reimte “favourite sun dress” auf “watching me get undressed” und hauchte es dabei etwa mit dem siebenfachen Lungenvolumen eines normalen Menschen. Die Lust, mich mit ihr in eine Deckenhöhle legen zu wollen, steigerte diese Tatsache exponentiell.

Zwar war es einer der seltenen, ganz besonderen Radiomomente, aber ganz so besonders war er dann doch nicht. Das Radio ist mittlerweile wohl auch das falsche Medium um große Neuentdeckung zu finden. Der Song war schon in den Hörercharts ganz weit vorn und womöglich war er dazu auch noch der SUPERCASHHITSONG$$$$$, bei dem man mehrere tausend Euro gewinnen kann, wenn man danach bei der Radiostation anruft.

Mir egal, ich hatte für mich gerade Lana del Rey entdeckt. Google nahm sich meiner Songtextschnippsel an und meinte, der Song hieße “Videogames”. Ich hörte ihn danach ungefähr 172 Mal hintereinander und konnte immer noch nicht genug davon bekommen. Die Stimmung dieses Songs ist so großartig. Alt und eingestaubt, aber auf eine schöne Art und Weise.  Man hat das Gefühl, er würde die ganzen 4:01 Minuten die Anspannung halten bevor er richtig anfängt und dann ist er wieder vorbei. Das ist ein unheimlich schmaler Grad und dieses Lied wandert ihn perfekt entlang. Das ist in etwa vergleichbar mit Auto fahren. Der Schleifpunkt, wo man die Kupplung langsam gehen lässt und das Auto ohne Gas zu geben los fährt.

Okay. Ich habe mich auf Anhieb mit dieser Frau in eine Deckenhöhle legen wollen und ihre Musik gerade mit Autos verglichen. Ich war auch schonmal feinfühliger. Aber dazu kommen wir später noch.

Das Wunschvorhaben, mich in eine Deckenhöhle mit Lana verziehen zu wollen, verstärkte sich dann ein weiteres Mal, als ich meine weiteren Recherchen begann und sie nach meinen Ohren nun auch mal meinen Augen vorstellte.

Oh, hallo. Ich liebe Pop Musik. Und wenn man eine große Schwäche für Pop hat, muss man eine gewisse Naivität mitbringen, sonst findet man das ja alles sofort blöd. Dementsprechend ist diese junge Dame eben wirklich die schüchterne Vorstadt-White-Trash-Diva die wohl zum Weltstar werden wird. Und natürlich sind auch diese Lippen echt. Warum denn auch nicht?

Ein paar Tage nach meiner Entdeckung spielte Lana del Rey ein Konzert in Berlin. Direkt um die Ecke. Da hier hervorragende Arbeit geleistet wurde, um einen Hype ins Rollen zu bringen, fand das 30minütige Konzert allerdings ohne mich statt. Man hatte nämlich eine Räumlichkeit gewählt, die der Nachfrage ungefähr zu einem Zehntel gerecht wurde.

Bei ihrem Deutschlandbesuch schaute sie allerdings auch bei “Inas Nacht” vorbei und man konnte sich das ganze anschauen. Mein Bild begann zu bröckeln.

Okay, man kann schon mal Angst bekommen, wenn man in einer voll besetzten, deutschen Kneipe steht und durch Bierdunst von Ina Müller angeschrien wird. Da waar viel Aufregung dabei, aber als erfahrener Hörer merkt man auch, dass es eben nicht nur Aufregung ist. Es fehlt auch arg an Luft. Aber wer weiß, das gibt sich bestimmt noch. Leider konnte ich mich auch nicht den hypnotischen Blicken in die Kamera hingeben, da meine Blicke viel zu sehr gebannt an den Gel-Nägeln hingen. Sie würde überall in der Deckenhöhle hängen bleiben!

So richtig wollte ich der Sache aber noch nicht glauben und wartete weitere Auftritte ab. Herrjemine, meine schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten. Dieses kleine, hübsche Mädchen war dem, was sie da fabrizierte, gar nicht gewachsen. Blendet man dazu die Pop-Naivität aus und recherchiert ein wenig weiter, wird man auch schnell merken, dass ihr Aussehen letztlich auch nur die Projektion der popkulturellen Spalte, in die sie da rutschen soll, ist. Und ja, die Lippen sind auch nicht echt.

Angesichts der Diskrepanz auf diversen Ebenen, wollte ich diesen Text eigentlich schon vor ihrem Auftritt bei “Saturday Night Live” geschrieben haben. Ich wollte ankündigen, dass die Chancen sehr hoch stehen, dass ihr Auftritt gelinde gesagt nach hinten losgehen könnte.  Hab es aber letztlich doch nicht getan, weil ich mich nicht allzu weit aus meinem kleinen, popkulturellen Fenster lehnen wollte. Nun ja, meine schlimmsten Befürchtungen sind eingetreten:

Aus der großen Vielleicht-Diva, bricht das schüchterne Mädchen heraus, was es einfach nicht schafft die eigenen Songs mit der Hingabe oder viel eher der gleichen luft wie im Studio zu singen. Vielleicht ist es ja auch gerade das, was den Song “Video Games” so besonders macht. Er hat eben exakt einmal funktioniert und das war im Studio. Achtet man genauer auf den Auftritt, merkt man, dass es nicht wirklich die Aufregung ist oder eventuelle Einflüsse diverser pharmazeutischer Erzeugnisse. Es fehlt ihr einfach hier und da. Sie schafft es nicht das Bild, welches als Fassade um sie herum aufgebaut wurde zu halten. In harten Zahlen sieht das dann so aus, dass sie nach dem Auftritt auf Platz 91. der US-Charts eingestiegen ist. Hart gesagt bedeutet das, dass diese junge Dame vielleicht nicht ver- aber doch wenigstens angebrannt wurde. (Also nur sinnbildlich, herrje der schöne Fummel!)

Man muss sich das einmal kurz vor Augen halten: Lana del Rey ist Mitte 20, hat noch kein Album (unter diesen Namen) veröffentlicht, spielt aber bereits bei “Saturday Night Live”. Livemusik ist auch im US-Fernsehen rar und einen Auftritt hier zu haben, ist wohl das Größte, was man dahingehen als Musiker/in erreichen kann. Der Hype hat sich ganz einfach selbst aufgefressen. Dennoch ist es bemerkenswert wie gut er aufgebaut wurde.

Wir zählen das noch einmal an einer Hand ab: Eine richtig gute Single, eine gute Single und 2 ganz schöne B-Seiten. Boom:

Am sinnbildlichsten dabei ist wohl das Cover des aktuellen Intro Magazins:

Eine Ikone also. Noch nicht mal richtig Platz genommen und schon eine Ikone. Zuletzt gab es einen derartigen Hype vor der Veröffentlichung eines Major-Albums wohl bei einem deutschsprachigen Rapper mit Kratzestimme, nur lief es da ein wenig anders ab. Ich weiß nicht, ob es das in der Geschichte der Popmusik schon allzu oft gegeben hat, aber es scheint so, als wäre das Umspringen von Hype auf Wassolldasdennjetztüberhaupt?! bereits vor (!) der Veröffentlichung des Debut (!!) Albums eingetreten. Die Ikone in den Startlöchern wird sich selbst einfach nicht gerecht und die ganze Welt kann zuschauen. Verrückt dieses Internet. Will man es diesbezüglich übertreiben, kann man sich übrigens beim Anhören einfach mal vorstellen, wie jeder einzelne Halbsatz einzeln eingesungen wurde, damit die Luft ausrecht.

Aber mal zu einem anderen Punkt: Manch einer mag hier eine großartige Retro-Lady sehen, die direkt aus einem Zeitreisetunnel als Diva tritt. Wenn mich eine Frau nur durch ihr wunderbares Singen und ihr Aussehen dazu bringt, dass ich mich durchaus gern spontan mit ihr in eine Deckenhöhle verkriechen würde und nicht abgeneigt wäre, sie auszuziehen, spielt der Feminist in mir Xylophon in meinem Kopf und sagt, dass ich gefälligst mal halblang machen soll. Und eben dieser Sichtpunkt mit Feminismus-Xylophon im Kopf ist ebenso interessant. Die vielleicht bald große Diva Lana del Rey ist nämlich alles andere als das.

Vielleicht liegt es ja an besagtem Zeitreisetunnel, aber als Frau im Jahre 2012 muss einem schlecht werden, bei der Art und Weise, wie sich Frau del Rey Liedzeile für Liedzeile zu einem passiven (Sex-)Objekt haucht. Irgendein harter Kerl kommt immer daher, dem sie sich an den Hals wirft und irgendwo drapiert in der Ecke sitzt und darauf wartet endlich angefasst zu werden oder ähm Goldmünzen zu bekommen. Im Prinzip liebt sie die harten Kerls dann bis ans Ende ihres Lebens. Auch wenn die scheiße zu ihr sind oder sich ziemlich gehen lassen und lieber Videospiele spielen, während sie sich jeden Tag wie ein Püppchen aufbrezelt um es ihm recht zu machen.  “Because I’m crazy, baby. I need you to come here and save me. I’m your little scarlet, starlet singing in the garden. Kiss me on my open mouth, ready for you.” Heieiei.

Ich hätte mich dem Hype gern hingegeben und sie für eine große Künstlerin gehalten. Aber ich kann einfach nicht. Das davor und das dahinter sind selbst für Pop-Verhältnisse viel zu weit auseinander. Dennoch bin ich gespannt was nach der Veröffentlichung des Debut-Albums am Freitag so passieren wird. Ob sie die Diva wird, die sie sein soll und ob es wohl jemals ein zweites Album geben wird.

lanadelrey.com

24 Kommentare zu “Das Phänomen del Rey”

  1. Habe Deinen Blog erst jetz erstmalig gelesen, obwohl ich Dir schon längere Zeit auf twitter folge. Genialer Artikel, vor allem da dies auch mein Eindruck war, den ich nach ihren Live-Aufnahmen gewonnen hatte. Nichtsdestoweniger ist das Lied aber immer noch schön ;)

    LG 

  2. Ben sagt:

    Punkt.
    Aber die Lippen sind echt, oder? ;-)

  3. m sagt:

    (genau diesen moment hatte ich auch, ich fuhr abends im auto durch die dunkelheit, hier gibt es nur grottige radiosender und die musik war entsprechend, aber plötzlich, dieses lied, diese ganz besondere stimmung, ich war genauso verzaubert wie du)

  4. Hr. Hdrr sagt:

    Ich kannte das Lied nicht und habs mir nach dem ersten Absatz erstmal angehört und war beeindruckt. Bin jetzt nicht so der Musikexperte aber nachdem ich gelesen habe was du geschrieben hast bilde ich mir auch ein es zu hören.
     
    hmm..

  5. Also ich glaube sie weiß einfach nicht was sie macht…. also es gibt Menschen die haben eine tolle STimme, können damit aber nicht umgehen. Ich denke mal das sie kein Gefühl davon hat wie man die höhen und tiefen richtig einsetzt. Im Studio ist das einfacher…da sagt einem einer wie man das machen soll.
    Obwohl ich bin mir echt nicht sicher…es gibt phasen in den live auftritten da macht sie das toll und dann verhaut sie es wieder! Strange… Ich würde es ihr wünschen das sie es schafft oder zumindest authentisch ist und das zeigt was sie kann und nicht das was man ihr einredet zu können. Und irgendwie erinnert sich mich jetzt schon an Amy… sie wirkt so zerbrechlich! Amy war auch so ein Format! Gemeiner vergleich ich weiß aber irgendwie kriege ich den Gedanken nicht aus meinem Kopf!

  6. Herm sagt:

    Hm hm … mit Amy finde ich sie nun aber absolut nicht vergleichbar.

  7. Nict weil sie wie ein drogenopfer aussieht oder so nein weil sie so labil wirkt!

  8. [...] nicht mehr sagen. Sie war das Pop Phänomen 2011 und wird es eventuell auch in diesem Jahr sein. “Eine richtig gute Single, eine gute Single und 2 ganz schöne B-Seiten” und schon lassen sich alle ihre Lippen [...]

  9. Pinchmill sagt:

    Ich finds lustig, dass sie für mich auch einiges an Sympathie durch diese unglaublich hässlichen Nägel verloren hat. Und das, obwohl ich nicht vorhabe, sie in eine Deckenhöhle mitzunehmen.

  10. KK sagt:

    Erstmal habe ich Angst vor der Nacht, denn diese Nägel werden bestimmt eine Rolle spielen. Hoffentlich nicht auch diese Sache, die sie mit dem Mund macht. Zweitens hast du Recht. Hypes sind doof für Leute mit Talent, – denn sie sind ja vergänglich. Hier sehe ich aber eher eine gute Produktion und leider sehr wenig Ausstrahlung und Talent in “live”. Auf Fotos gibt´s da viel mehr vom Deckenhöhlenbonus… Schade!

  11. vio sagt:

    ich war und bin hin & weg von ihr,
    allerdings muss ich deinem text zustimmen,
    wahrhaftig nur von der person, die inszeniert wird!
    schade drum!

  12. suzn sagt:

    auf den punkt! top.

  13. fernetpunker sagt:

    Toll geschrieben. Danke. Sie müsste vielleicht Gesangsunterricht nehmen. Atemtechnik ist nun wirklich keine Zauberei. Ich liebe das Lied Video Games, mehr interessiert mich von der Frau auch gar nicht. Das ist nunmal POP.

  14. Nina sagt:

    Gut, so dermassen ganial finde ich die nicht, aber unter den ganzen Sängerinnen, die uns die Musikindustrie regaelmäßig serviert, gehört sie doch zu den sympathischeren.

  15. [...] großen Hype geben um Erfolg zu haben? Kann man so einen Hype überhaupt ein zweites Mal erzeugen? Markus bringt die Kritik gut auf den Punkt. Ihr Auftritt bei Saturday Night Live war mehr als peinlich und [...]

  16. Sophie sagt:

    Ausgezeichneter Text. Wirklich schön, wie du da die beiden Seiten des Lana-Hypes beleuchtest. Ich bin umso mehr von ihren Live Auftritten enttäuscht, da sie ja scheinbar zuvor schon einmal eine kleine Gesangskarriere hatte und das jetzt folglich alles gar nicht SOO neu sein kann. Wie man ordentlich live singt hätte sie bis jetzt schon rausgefunden haben müssen. Finde ich. Sehr schade. Ich hoffe, das bessert sich, wie durch ein Wunder noch.

  17. Alex sagt:

    herm, super text! aber du weißt doch sicherlich auch, dass ein studio-künstler nicht unbedingt auch ein super liveact ist. es gibt doch so viele beispiele.
    die version bei inas nacht fand ich sogar noch ein bissl besser, als die bei “Saturday Night Live”. warum? sie ist wesentlich langsamer u frau del rey hat mehr zeit zum atmen.
     
    nichts desto trotz sehe ich potential bei ihr. wenn sie sich jetzt noch den ganzen botox-kram aus den lippen rausholen und ansehnliche fingernägel machen lässt, würde ich sie auch in die deckenhöhle mitnehmen wollen.
    das album ist doch ganz ok.
    eine ähnlichkeit zu amy kann ich übrigens wirklich nicht ausmachen.

  18. Alex sagt:

    sorry-die alles entscheidende frage habe ich natürlich vergessen….muss ein studio-künstler zwangsläufig ein guter live-act sein?

  19. Jan sagt:

    Müssen wahrscheinlich heutzutage leider schon, sein aber garantiert nicht. Welcher gute “Studiokünstler” erreicht denn heutzutage langfristig richtig viel, wenn er nach dem Album keine gute Tour anschließen kann?

  20. Paul sagt:

    von wegen Studioact- Liveact: also zumindest kann, was der Artikel find ich sehr gut darstellt, sone (zugegenermaßen geniale) Studioproduktion, die deutlich über die Fähigkeiten des Künstlers hinausgeht, sie also aufwertet, und der anschließende schnelle Hype nen massiven Druck verursachen. Ich hab vor allem Mitleid, wenn ich die so live sehe

  21. lalii sagt:

    Wer hat Madonna schon mal live gehört??? …..soviel dazu!!

  22. DayDay sagt:

    Ich habs !!!

    Lana del Rey ist in Wirklichkeit Gina Lisa!!!

    Beweist auch dies:

    Gina-Lisa Lohfink = Lana is on Gin Lhfik (Wobei “Gin Lhfik” die Lautsprache für Gina Lohfink ist) 

    Got ya ! 

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