6. Dezember 2010 | 0:14 Uhr


Ich werde langsam alt. Jetzt rege ich mich auch schon darüber auf, wenn sich Leute über etwas aufregen. Aber mal ehrlich. Es geht um Google Street View. Das ich diesen Beitrag hier angefangen habe zu tippen ist nun schon so lange her, dass der ganze Straßenquatsch schon fast gar kein Thema mehr ist. Immerhin kommt ja jeden Tag ein neues Thema, welches mit sich bring, dass Nerds die Welt retten werden.

Aber bleiben wir mal bei Google Street View, denn das war und ist für mich ein hervorragendes Beispiel, wie Leute aneinander vorbei reden können.

Ich gehöre ja auch zu diesen Netzmenschen. Sprich ich habe sehr viel mit dem Internet am Hut, arbeite sogar darin und da ist es ja klar, dass es mich zumindest auch ein Stück weit interessiert, wenn da große und wichtige Dinge drin passieren. Manchmal sind Dinge auch nur groß (hinterher) und eigentlich gar nicht so wichtig (vorher).

Immer wenn eines dieser Netzthemen plötzlich überschwappt und gesellschaftsübergreifend wird, ist es sehr interessant zu sehen wie so mancher reagiert und was da zum Teil alles vor sich geht.

Das erste was ich dann immer zu tun versuche, ist umzudenken. Zum Beispiel bei Google Street View: Wie sieht das zum Beispiel meine Oma? Sie hat von Internet gar keine Ahnung und die paar spärlichen Informationen zu Street View und dem ganzen Rundherum aus der Bild.

Da kommen dann solche Gedanken auf, dass das mit Kameras funktioniert, die den ganzen Tag Livebilder diverser Straßen ins Internet senden. Klar, dass man so etwas dann zweifelhaft findet.

Das geht mir ja bei vielen Dingen auch so. Autos zum Beispiel. Keine Ahnung wie da alles funktioniert und wer weiß wie viele falsche Dinge ich über Motoren und was da wie zusammen gedingst ist zu wissen glaube.

Mal angenommen, so ein Autothema betrifft mich plötzlich auch. Ein gutes Beispiel fällt mir jetzt nicht ein. Aber ich müsste mich auf einmal damit auseinander setzen. Das würde ich aber blöd finden und dagegen sein.

Dann gehe ich in die Werkstatt und sage „Ey hier, ich bin gegen den Einbau von dem Siphon!“ Dann würden die sagen: „Herr Herrmann, was sie da erzählen macht keinen Sinn. Dieser Begriff kommt aus dem Klempnergewerbe und hat hier nichts zu suchen. Lassen sie mich das ihnen mal erklären, dann wird da auch ein Schuh draus und wir werden eine Lösung finden.“

Kann mir noch jemand folgen? Gut.

Nehmen wir mal an, diese Autowerkstatt würde sich vornehmlich mit dem Internet beschäftigen und von Internetzmenschen betrieben werden. Käme ich dann mit dieser Aussage an würde die komplette Werkstattbesatzung ausrasten. „Siphon, sie Blödheinz! Das hat hiermit gar nichts zu tun!!! Ich habe sie erstmal auf Twitter entfolgt und schauen sie sich jetzt mal meinen Online-Poll an hier und hier. Sie werden sich noch wünschen das nie gesagt zu haben!“

Und so läuft das jedes mal. Fernab von der gesellschaftlichen Allgemeinheit wird dann erstmal schön am Rad gedreht. Bevor sich einer die Zeit nimmt das vernünftig zu erklären und die Vorzüge zu nennen, so das es auch ein Normalsterblicher ohne statische IP-Adressen im Kopf versteht, werden komplett wirre Sachen ausgeheckt.

Siehe Google Street View und der ganzen Verpixelei. Natürlich gibt es da zwei wichtige Aspekte. Zum einen finde ich es immer noch wunderlich, dass sich Google so gut wie gar keine Mühen gemacht hat, die aufgebrachte Allgemeinheit aufzuklären, dass Street View eigentlich gar nichts schlimmes ist, zum anderen gibt es ja letztlich eigentlich nichts öffentlicheres als eine Hauswand.

Trotzdem finde ich es absolut nicht schlimm, wenn jemand nun dagegen Einspruch erhebt, dass sein Haus bei einem kommerziellem Dienst im Internet gezeigt wird. Wenn meine Oma sagt, dass sie davon keine Ahnung hat, ihr das ganze suspekt ist und sie da lieber nicht mitmischen möchte … was ist denn da so schlimm dran?

Und bevor man auch nur 3 Atemzüge Zeit hat um ihr zu erklären, dass alles gar nicht so schlimm ist, hat sie einen aufgebrachten Nerd mit Kamera vor dem Haus rumhüpfen. Was soll man denn da denken?

Ganz ehrlich, diese Aktion, Häuser von Menschen, die sich dafür entschieden haben ihr Haus bei Google Street View verpixeln zu lassen, zu fotografieren und online zu stellen, sozusagen um die Lücken zu füllen, halte ich für das Albernste was die aufgebrachte Netzgemeinschaft bisher hervorgebracht hat.

Bevor Street View online ging, gab es ja diese unglaublich ausufernde Diskussion darüber, von der man dachte, sie könnte nicht mehr peinlicher und aufgebauschter werden. Und dann das.

Vielleicht habe ich ja auch wieder nur alles falsch verstanden, aber ich finde es schon lustig, das manche Menschen ihre Freiheit bedroht sehen, wenn sich Menschen dazu entscheiden, Ansichten ihrer Häuser im Internet unkenntlich zu machen. Und wenn das wenigstens irgendwelches hochoffizielles Staatsgut wäre was da gefährdet ist, nein es ist ja einfach nur ein kommerzielles Produkt eines Softwaregiganten. (Das Wort wollte ich immer schonmal in einem meiner Texte verwenden. Softwaregigant!) Mich erinnert das ein wenig an Leute, die ihr Weihnachtsfest darin bedroht sehen, dass es im Supermarkt schon Lebkuchen seit September gibt.

Es gab ja sogar noch lustigere Auswüchse. Man hätte das mit den anderen Mietparteien abstimmen sollen, bevor man den Antrag zur Vereitelung raus schickt. Oder gar Mietminderungsforderungen weil das Haus auf Street View nicht zu sehen ist. Haha!

In 10 Jahren (wie eingangs schön erwähnt, ich werde alt)… In 10 Jahren wird das vollkommen normal sein. Da finden dann alle solche Dinge wie Street View ganz toll, weil es letztlich doch keinem weh tut und im neuen Bildsatz ist dann auch nichts mehr verpixelt. Das ist eine ganz normale Entwicklung bei technischen Neuerungen, nur wird so eine Entwicklung wohl arg gebremst, wenn es immer und immer wieder abgedrehte Trotzreaktionen einiger Besserwisser gibt, die meinen, gegen alle zu sein, sei immer noch etwas besonderes.

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