Der für mich urbanste Ort Berlins ist die Warschauer Brücke. 4 Spuren für Autos, Straßenbahnschienen, normale Bahnschienen, alte Industriegebäude, neue Industriegebäude und überall Dreck. Allein an den Knotenpunkten für die öffentlichen Verkehrsmittel steigen dort täglich über 80.000 Menschen um.

Überall Menschen, Menschen, Menschen. Beinahe jeden Morgen muss ich über die Brücke laufen und mir dabei einen Weg bahnen, durch eine menschliche Raupe die unberechenbar und langsam voran schreitet. Für die 200 Meter über die Brücke fühle ich mich immer wie ein Rentner. Alles nervt und am schlimmsten sind die Jugendlichen.

Es ist übrigens egal ob tagsüber oder nachts, auf der Brücke ist immer was los. Allerdings hat es ab 3 Uhr nachts immer etwas zombiehaftes. Um ehrlich zu sein, ist die Warschauer Brücke der perfekte Ort für ein Videospiel. Aber das sind ja eigentlich alle Ort, über die ein taff Beitrag gedreht wurde.

Der Bodenbelag ist eine nicht näher definierbare Mischung aus Tapetenkleister, Kotze, Crossaintkrümeln, Partyflyern und Salat. Aber es gibt auch Lichtblicke. Zum Beispiel wohnt in einem großen Müllcontainer ein Star. Also kein Fernsehstar, sondern ein Vogel Star. Wie in einer kleinen Villa wohnt er da, isst jeden Tag nur die feinsten Krümel, bekommt manchmal Besuch von Kollegen aus der Stadt und hat es dabei so gut, dass er im Winter nicht mal in den Süden fliegt. Oder der Saxophonspieler auf halber Strecke. Ich weiß das er vollkommen wahllos Leute am morgen grüßt, aber trotzdem freut es mich jedes Mal, wenn es mich erwischt. Mir fällt gerade auf, dass er nur im Winter dort steht. Wahrscheinlich zieht er den Sommer über in den hohen Norden und spielt in Spitzbergen Saxophon, wenn der Star das schon nicht macht.

Eigentlich ja bezeichnend. Normalerweise kann ich das Saxophon bis auf wenige Ausnahmen als Instrument in etwa so gut leiden wie Koriander und Zwiebeln. Aber an so einem stressigen und negativ belasteten Ort wie der Warschauer Brücke, wirkt es plötzlich wie eine Insel der Ruhe.

Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte: Ein Bild was es immer häufiger gibt, sind Liebesschlösser nach dem Vorbild der Hohenzollernbrücke in Köln. Was sind das für Menschen, die als Symbol ihrer Liebe ausgerechnet an diesem Ort ein Schloss mit Gravur der eigenen Initialen hängen? Die einzig schlüssige Erklärung für mich wäre, dass man sich nach drei Dönern während eines LSD-Traums dort kennen gelernt hat. Aber ansonsten? „Oh das ist so schön romantisch hier. Da vorne ist gleich die Metro, da unten seit tausend Jahren eine Baustelle und gleich hier wurde erst letzte Woche jemand erstochen. Awwwww!“

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