Ich liebe es in einer Stadt wie Berlin zu wohnen. Man kann fast alles fast immer fast überall machen oder bekommen. Nur eins fehlt im direkten Umfeld des Stadtlebens: Baumärkte! Dabei habe ich doch eine so große Baumarktvorliebe. An nur wenigen Orten fühle ich mich organisierter, begabter und männlicher, als in Baumärkten. Hier in der Nachbarschaft gibt es nur einen kleinen Werkzeugladen, da verhält es sich aber absolut gegenteilig. Nirgends fühle ich mich unbegabter, unorganisierter und unmännlicher als dort. Der Verkäufer hat immer dieses Lächeln auf den Lippen, was einem sagt, dass man keine Ahnung hat. Zuletzt war ich dort um Schleifpapier zu kaufen. „Hallo, ich bräuchte Schleifpapier.“ – „Welche Körnung?“ – „Soo … ähhh… mittel.“

An diesem Punkt wusste der Werkzeugmarktlöwe, dass ich in der Welt der Werkzeuge nur eine verwundete Antilope bin. Er warf lautstark mit Zahlen um sich. „Das 600er, das 300er, das 100er oder was?“ In meinem kurzen Überlegen warf er noch hinterher: „Mit dem 300er kann man sich den Arsch abwischen, so fein is das.“ In meiner vollkommenen Überforderung dieser Persönlichkeitsprüfung lachte ich einfach lauthals künstlich mit zu allem was er sagte und kaufte anschließend das falsche Schleifpapier.

Baumärkte geben einem auch immer einen guten Querschnitt über das Leben der Menschen im direkten Umfeld. Das fiel mir auf als ich vor 2 Jahren allein an der Ostsee war um mein Buch „Aaarfz“ zu schreiben. Ich hatte den letzten Bus von einem Dorf zum anderen Dorf verpasst und musste zurück laufen. Auf der Hälfte des Weges gab es einen Baumarkt, den ich mir als willkommene Abwechslung angeschaut habe. Der war toll! Lauter Sachen für Schiffe gab es dort, die man sonst von Baumärkten gar nicht gewohnt war. Seitdem kann ich empfehlen: Ist man irgendwo im Urlaub und möchte sich direkt heimisch fühlen, sollte man umgehend einen Baumarkt aufsuchen.

Aber es ist ja auch verständlich, dass es hier keine Baumärkte gibt. Schließlich brauchen die riesige Verkaufsflächen und wie soll man die in Toppreislage mit dem Verkauf von Farbe und Holzlatten finanzieren. Eine kleine Ausnahme gibt es allerdings. Zwischen Berlin Gesundbrunnen und Prenzlauer Berg gibt es eine kleine Obi Filiale. Im Erdgeschoss eines alten, schäbigen Gebäudes befindet sich Deutschlands schäbigster Obi Baumarkt. Aber es ist ganz schön zu sehen, weil man dort auf kleinster Fläche das Nötigste präsentiert. In einem Teil gibt es Pflanzen und Gartenkram, in der anderen Häflte Farbe, Holz und Kleinkram. Es fühlt sich immer ein bisschen so an, als wäre dieser Baumarkt aus Versehen dort. Oder wie eine Kuchentombola in einer Realschule die vollkommen aus dem Ufer gelaufen ist.

Ich brauchte Kabelbinder, um etwas an meinem Fahrrad zu befestigen. Nachdem ich 5 Minuten lang einen Film über Spax Schrauben geschaut habe, weil Konny Reimann dabei alles erklärt hat, ging ich zur Kasse. Ach ja, eine kleine Dose WD40 habe ich mir auch noch gegönnt. Kein Produkt wirkt beim Kauf im Baumarkt so professionell und abgebrüht wie WD40. An der Kasse lagen noch mal Kabelbinder aus, die besser als meine zuvor gefundenen waren. Perfekte Größe! Einziger Nachteil: Sie waren im SCHLAAAAAND Modus. Wer denkt sich so was aus? Und warum sind es 75, sprich eine Gesamtzahl die nicht durch 3 teilbar ist? Welche Farbe wird hier benachteiligt und stört meinen ausgeprägten Symetriesinn? Korrektur: Ja gut, Baumarkt kann ich dann wohl auch besser als Rechnen. Egal, trotzdem gekauft. Schließlich würde ich die eh nicht so nebeneinander montieren, dass sie eine Deutschlandhommage ergeben würden. (Sorry dafür, liebe Kabelbinder.)

Den Rest des Tages verbrachte mein Einkauf in meinem Rucksack. Mit der liebsten wollte ich eine kleine Fahrradtour durch den Berliner Tiergarten machen. Hatte dabei aber vollkommen vergessen, dass man dafür ja irgendwie die Fanmeile kreuzen musste. Am Morgen war das natürlich noch kein Problem, auch wenn trotzdem alles abgesperrt und von Securities übersäht war. Man darf mit dem Fahrrad die Fanmeile passieren, muss aber schieben. Gut, gut. Vorher allerdings noch die gewohnte Sicherheitskontrolle. Schlagartig fiel mir ein, dass ich noch die Kabelbinder im Rucksack hatte. Wenn man zu einem menschenauflauf Kabelbinder mitbringt wird man bestimmt sofort in einen Polizeigriff genommen, dachte ich mir kurz. Der Security schien aber vollkommen unbeeindruckt von meinem Baumarktkauf vom Morgen und ließ mich passieren. Also wieder was gelernt: Man darf Kabelbinder mit auf die Fanmeile nehmen, so lange sie Deutschlandfarben haben.

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