Ich gehöre noch zu den Menschen, deren erste wirklich ernstzunehmende Schritte in Sachen Musikgeschmack und Lieblingsbands durch Musikfernsehen befeuert wurden. Wie auch sonst, ohne Geschwister, mit nicht gerade musikaffinem Freundeskreis und … noch viel schlimmer … ohne Internet. Ich erinnere mich noch an diverse Videokassetten mit irgendwelchen Reportagen und Videoschnipseln die man hatte, weil sie sonst weg wären. Weil man sich an jeden kleinen Schnipsel klammerte, da man ihn nicht jederzeit von einem Server irgendwo am anderen Ende der Welt abrufen konnte.

Toll, dass sowas mittlerweile geht. (Um ehrlich zu sein, ging das damals auch schon, allerdings waren die benötigten Verbindungsgeschwindigkeiten eher i der Kategorie „nett“ anzusiedeln. Eigentlich war das aber auch egal, da meine Eltern von einem Internetanschluss im Hause Herrmann eh absahen. ) Also nochmal: Toll, dass das mittlerweile geht. Auf der anderen Seite übersieht man es dann manchmal aber auch, Dinge in ihrem eigentlichen Wert zu schätzen.

Ich hab wie blöde Singles gekauft und MTV geguckt, einfach deshalb, weil es mein einzig wirklicher Zugang zur Leidenschaft Musik war. Und das war immerhin schon Ende der 90er. Womöglich arbeite ich deshalb auch mittlerweile für eine dieser großen Plattenfirmen, die alle ganz böse finden, einfach nur, weil alles was die gemacht haben, schon damals so gut bei mir gegriffen hat. Hihi.

Das man mehr neue und gute Musik haben möchte, dass ist bei mir heute noch genauso. Sich auf ein paar Bands ausruhen, macht ja schließlich auch niemandem Spaß. Nur sind die Wege dorthin bei weitem nicht mehr so limitiert, wie sie das damals für mich als Teenager im Dorf irgendwo in Thüringen waren. (Musik-)Fernsehen war wie gesagt super und das, obwohl es da schon reichlich Klingeltonwerbung zwischendurch gab. Die Musikzeitschriften ließen für meinen Geschmack aber zu wünschen übrig. Bravo liest man mit 14 nicht mehr allzu oft, weil man da ja schließlich schon voll Bescheid weiß wie alles auf der Welt funktioniert und so. Also musste Neues her, was Erwachsenes.

Im örtlichen Lottoladen gab es Musikexpress, Rolling Stone, Rock Hard und Metal Hammer. Die letzten beiden waren und sind mir suspekt. Zwar sind da auch des öfteren Bands drin die ich mag, allerdings geht es ja irgendwie doch nur um Rumgepose, Kunstblut und Schminke. Ach ja und darum, möglichst viele verschiedene Schriftarten einzubauen. Musikexpress und Rolling Stone las mein Onkel auch regelmäßig. Der hörte gute Musik, also hab ich die auch gelesen. So richtig gut gefiel mir das aber nicht. Irgendwie ging es ja doch nur darum, Bands zu finden, welche so klingen wie Dylan oder Springsteen. (Mittlerweile sehe ich das ein wenig anders, wobei ich beim Musikexpress immer noch gerne das Gefühl bekomme, dass es sich dabei um eine dieser Blechdosen mit Gebäckmischungen handelt wo man nur manchmal Glück hat.)

Doch dann kam Visions. Ich könnte mir jetzt irgendwas ausdenken wie: Jaaaa ähhh ich hab ja mit 14 schon regelmäßig Spex gelesen und im Proberaum unserer Tocotronic-Coverband lag noch ne Visions. Aber nein, als Dorfteenager laufen da ja einige Dinge anders. Sprich: Meine Mutter hat sie mir mitgebracht und zwar mit den Worten: „Da sind die Limm Bisketter vorne drauf, die magst du doch.“

Stimmt. Und ich hatte tatsächlich zum ersten Mal ein Musikmagazin in den Händen, welches Deckungsgleich mit meinem Musikgeschmack war. Oder besser gesagt, welches an meinem kleinen MTV-Getriebenen Möchtegern-Alternativ-Dasein anknüpfte und mir zeigte, was gut ist.

Das war vor ziemlich genau 10 Jahren. Die Limm Bisketter hör ich mittlerweile nicht mehr ganz so oft, aber seitdem habe ich keine Ausgabe der Visions verpasst und verdanke diesem Blatt einige hervorragende Entdeckungen innerhalb meiner musikalischen Entwicklungslaufbahn. Wie es der Zufall so wollte, gab es die ersten Visions Parties inklusive guter Konzerte für wenig Geld übrigens in Bielefeld, also in der Stadt in der ich mich am Studium versuchte.

In den musikalischen Sphären meiner Persönlichkeit ist Visions also bestens und stetig vertreten. Dafür ein großes Dankeschön nach Dortmund. Meine persönliche 10-Jahres-Jubiläumsausgabe habe ich mir auch gleich doppelt gekauft. Weil die normale Variante ein anderes Covermotiv als die Abo-Variante hatte. Das kommt eben vor wenn man Dingen im Inhalt blind vertraut.