Dank einer schlauen Internetdatenbank weiß ich, dass ich am 18. Mai 2008 an einem regnerischen Tag in Paderborn im Hermann-Löns-Stadion war. Es war der letzte Spieltag der Saison 2007/08 in der 2. Bundesliga. Als Vorletzter war der SC Paderborn zu diesem Zeitpunkt bereits in die 3. Liga abgestiegen, während die Gäste von Borussia Mönchengladbach als Tabellenführer den Aufstieg in der Tasche hatten. Das Spiel endete 2:3, wobei ich mich daran aber nur wenig bis gar nicht erinnern kann, weil ich die meiste Zeit ein „Scheiß DSF!“ Banner oder die Kimme eines untersetzten Herren, der auf dem Zaun saß, im Blickfeld hatte.

Es war zugleich das letzte Spiel im altehrwürdigen Hermann-Löns-Stadion, weshalb nach Abpfiff Fans von allen Seiten auf das Spielfeld rannten und das Stadion liebevoll in seine Einzelteile zerlegten. Jeder wollte ein kleines Andenken mitnehmen, bis auf den (weiteren) untersetzten Mann, der ins Tornetz gefallen war und sich dort wie in einer Venusfliegenfalle hoffnungslos verfangen hatte.

Vielleicht ist es dieser Tag, welcher der Beginn meiner Leidenschaft für Borussia Mönchengladbach war. Ich spreche dabei gern von fußballerischer Polyamorie, da mein Herz nicht nur für einen Verein schlägt. Von Geburt an war und bin ich schon immer Anhänger des FC Bayern, hatte in der Hochphase meines Daseins als Teenagers allerdings zunehmend das Interesse an Fußball verloren. (Unvorstellbar aus heutiger Sicht!) Nach wenigen Jahren der Abstinenz zogen mich zu Beginn meines Studiums zum Glück gleich zwei Menschen zurück in die Fußballwelt. Richtige Entscheidung meinerseits, schließlich sind die beiden auch fast 10 Jahre später noch meine besten Freunde.

Einer kam aus Duisburg und brachte mir die Zebras näher. Dem MSV Duisburg nah zu stehen, heißt in erster Linie sehr viel Leid zu ertragen. Man bekommt nichts geschenkt und selten gibt es Lichtblicke. Wenn, dann werden diese aber umso ausführlicher gefeiert. Klar. An dieser Grundsituation hat sich bis heute nicht viel geändert. Der MSV ist dem Ruin nur knapp entgangen und nun mit „Einmal Hölle und zurück“ Shirts zurück in der 2. Bundesliga, wo er mit 2 Punkten aus 7 Spielen Tabellenletzter ist. In der Vereinshymne heißt es passend dazu: „Früher gab’s hier nur Kohle, früher war hier nur Stahl. Für die Zukunft kämpfen – das ist für uns normal.“, denn so ist es irgendwie immer.

Bei Mönchengladbach ist das anders. Seit den 70ern besinnt man sich auf die 70er und hofft, dass diese Erfolge eines Tages zumindest ansatzweise zurückkehren würden. Genau das spürte man auch, als die Borussia nach dem Ausrutscher in Liga 2 zurückkehrte und das Hermann-Löns-Stadion auseinander geschraubt wurde. Ein Neuanfang. Jetzt aber wirklich!

Statt Neuanfang gab es aber wieder Abstiegsangst bis zum letzten Spieltag. Hans Meyer kehrte zu alter Wirkungsstätte zurück und das Team erreichte mit 31 Punkten gerade so Platz 16. Bis heute ein Rekord. Ein anderer Aufsteiger (hinter!) Gladbach war damals übrigens ein gewisser Club namens Hoffenheim, die mit überragendem Fußball aus dem Stand mal eben Herbstmeister wurden. Wenn auch nicht sonderlich beliebt, klar.

Hans Meyer ging nach der Retteraktion und auch dieses Mal sollte es einen Neuanfang mit Hand und Fuß geben. Michael Frontzeck hatte sich bislang keinen großen Namen als Trainer gemacht, kannte die Borussia aber bestens und wirkte wie ein passender Baustein auf der Trainerbank. Gewiss kein Meistertrainer, aber auf lange Sicht könnte sich da vielleicht etwas Konstantes entwickeln. Funktionierte auch ganz gut und am Ende der Saison 2009/10 gab es Tabellenplatz 12.

Dementsprechend lang hielt man am Trainer fest, bis der nächste Abstieg eigentlich gewiss war, als man wichtige Spiele gegen die direkten Abstiegskonkurrenten VfB Stuttgart und FC St. Pauli verlor. So gut wie an den Tag im Hermann-Löns-Stadion, erinnere ich mich noch an den Tag der Niederlage gegen St. Pauli. Auf einer Borussia-Fanseite schrieb man von der unangenehmen Gewissheit des Abstiegs. Und das bereits am 22. Spieltag. Immerhin genug Zeit um den nächsten Neuanfang in Liga 2 zu planen. Selbst für erfahrene Feuerwerhmänner auf dem Trainerkarussell (was für ein schönes Bild) war die Nummer zu heiß. Tabellenletzter, 7 Punkte Rückstand zum Relegationsplatz. Nein, danke.

Überraschend kam Lucien Favre als neuer Trainer. Ausgerechnet dieser ruhige Trainersonderling dem zuvor das Wunder gelungen war, dass ich die Hertha aus Berlin zumindest etwas sympathisch finde. Es sollte nicht sein letztes Fußballwunder bleiben.

Als hätte er bei „Anstoss 2“ ein paar Regler verschoben fruchteten seine Ansätze sofort. Jeder Spieler war plötzlich doppelt so gut und Borussia gelang eine Aufholjagd sondergleichen. Ich kann Spiele an einer Hand abzählen, bei denen ich derart angespannt war, wie am letzten Spieltag besagter Saison. Es tat sein übriges, dass wir wie nervliche Wracks zusammensaßen und die Bundesligakonferenz über einen wackeligen Onlinestream mit überdrehtem, arabischen Moderator schauten. Der Nachmittag im Paderborner Hermann-Löns-Stadion war der Auftakt und spätestens dieser nervenraubende Nachmittag hat mich fest an die Borussia geschweißt.

Alles gut gegangen, inklusive Relegation. Schon zu diesem Zeitpunkt war Favre eine Legende, egal was danach kommen sollte. Es sollte allerdings noch lange nicht genug sein.

Im Jahr darauf gab es den 4. Platz in der Tabelle. Etliche Vereinsrekorde purzelten, zumindest einmal wurde die Champions-League-Hymne im Borussia Park gespielt und Marco Reus wurde Deutschlands Fußballer des Jahres. Es trat der seltene Fall ein, dass man am Niederrhein nicht sehnsüchtig in die Siebziger blicken musste, weil die Gegenwart schlichtweg gut genug war. Wären da nicht immer diese Tiefschläge. Wichtige Spieler verließen den Verein und man musste gefühlt wieder (fast) von vorne anfangen. Doch auch das gelang Lucien Favre. Er schien für alles eine Lösung zu haben, brachte den Verein konstant auf einstellige Tabellenplätze und in seinem Meisterstück in der vergangenen Saison brachte er die Borussia erstmals in die Champions League.

Nachdem er zuvor schon immer gern mit taktischen Finessen die Großen der Bundesliga ärgerte, dürfte er sich nun an den ganz Großen Europas versuchen. Ein Traum. Favre und Gladbach waren ein gegenseitiger Glücksgriff der besser kaum sein konnte. Denn so gut wie Favre ist, so schwierig konnte er auch sein. Er hat in vielen Dingen seine ganz spezielle Art und mit der wusste man in Mönchengladbach bestens umzugehen. Eigentlich sollte er statt Tuchel zu Saisonbeginn in Dortmund sitzen und war schon so manches Mal in München im Gespräch, doch beide Seiten wussten, was sie an dieser einmaligen Kombination hatten.

Und jetzt? Zackbumm alles aus. Die schmerzliche Erinnerung daran, wie sehr einen der Fußball doch bestimmen kann. So muss es sich angefühlt haben, als Robbie Williams damals Take That verließ. Nur noch schlimmer. Bislang dachte man, die Mannschaft würde sich schon irgendwie wieder fangen und nun liegt alles vollends in Scherben. Lucien Favre hat die Scheidung für die Vorzeige-Ehe eingereicht und das – wie sollte es auch anders sein – auf sehr speziellem Wege. Denn so ist er nun einmal: Speziell.

Ich mag keine Prognosen über das wie und warum machen, da sich wahrscheinlich gerade die Meldungen minütlich ändern. Aber immerhin habe ich zur Eigentherapie mehr als 1000 Wörter geschrieben und bin ein weiteres Mal erstaunt darüber wie einen die Nähe zum Fußball doch derart bestimmen kann. So schön es manchmal ist, so sehr kann es einen auch aus der Bahn werfen. Letzteres wahrscheinlich weitaus emotionaler.

Denn mal ehrlich, was soll jetzt noch kommen? Wer soll in diese einst perfekte Lücke passen? In die Lücke eines Trainers, der ursprünglich viel zu gut für diesen Verein war? Wen sollen die Spieler denn noch ernst nehmen, nach so einem Perfektionisten? Fragen über Fragen und nebenbei die Erkenntnis, wie bizarr das Fußballgeschäft doch sein kann.

Vor wenigen Wochen gab es noch die Meldung, dass „keiner so sicher im Sattel sitzt wie Favre„. Und jetzt? Zumal es auf jede andere Arbeitswelt abseits vom Fußball übertragen noch bizarrer wirkt. Gibt es irgendwo einen essentiellen, administrativen Job in einem millionenschweren Unternehmen, den man einfach so von heute auf morgen beenden kann? Man nennt es einfach „Rücktritt“, teilt es der Presse mit und kommt nie wieder? So ganz ohne Kündigungsfrist und alles? Hm.

Ach Lucien, komm doch einfach wieder und mach deinen wunderbaren „Anstoss 2“ Spielstand weiter. Der einzige klitzeklitzekleine Lichtblick der in dieser Situation bleibt ist, dass man einst dachte, dass nach Hans Meyer nicht mehr viel besseres kommen kann. Und das es letztlich doch nur Fußball ist. Wobei das natürlich nicht zählt. Sonst könnte ich ja jetzt auch ganz einfach einschlafen.

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