17. September 2012 | 17:02 Uhr


Wie lang das doch gedauert hat. Am Samstag habe ich mein erstes Heimspiel des FC Bayern in der Allianz Arena besucht. Das Dasein als Anhänger für die Roten aus München habe ich von klein auf, denn mein Vater hat es mir in die Wiege gelegt.

In Thüringen gehört es übrigens zu den normalsten Dingen der Welt, dass man Bayernfan ist. Geschätzt 70% der Leute in meiner alten Heimat sind es. Der Rest teilt sich dann etwa gleich auf Hamburg, Dortmund, Schalke und so weiter auf. Ich war mir natürlich schon früh bewusst, dass der FC Bayern hier und da nicht sonderlich beliebt ist. Aber das es gleich so auf mich herab regnen würde, als ich mit erreichten der Volljährigkeit aus dem wohlbehüteten FC Bayern Thüringen nach Arminia Bielefeld zog, hätte ich nun auch nicht gedacht.

Es war in der Zeit auch das erste Mal, dass es mir zumindest etwas unangenehm war, zuzugeben, dass ich Anhänger des FC Bayern bin. Das habe ich mir aber glücklicherweise gleich wieder abgewöhnt und es mir seitdem zur Aufgabe gemacht, der Menschheit zu zeigen, dass es auch Bayernfäns gibt, die nicht doof sind. Im Auftrag der Herzen bin ich sozusagen unterwegs.

Im Nachhinein finde ich das aber schon amüsant, dass ich in so einer kleinen Thüringer FC Bayern Welt aufgewachsen bin. Gleichermaßen hätte ich wohl auch Fan des FC Rot-Weiß-Erfurt werden können, aber die waren einfach nicht da. Klar wusste ich, dass es diesen Verein gab, aber gefühlt war Erfurt tausende Kilometer weit weg, während der FC Bayern regelmäßig von Reinhold Beckmann in roter Jeansjacke bei ran präsentiert wurde.

Ich war in der Schule in einem erstaunlich fußballfreien Freundeskreis und so hatte ich das mit dem FC Bayern für mich und später verlor ich tatsächlich für ein paar Jahre das Interesse an der Bundesliga. Rückblickend ein vollkommen abstruser Gedanke. Heute führe ich es auf das gestiegene Interesse anderer Themenfelder meines Teenagerkörpers zurück. Plötzlich war ich brennender Fan des FC Brüste und für den FC Bayern war kein Platz mehr. Aber die wurden ja auch ohne mich Meister.

Etwa 4 Jahre waren das und plötzlich kamen zu Zeiten meines Studiums (in unmittelbarer Almnähe in Bielefeld) nacheinander meine noch heute beiden besten Freunde in mein Leben. Beide mit großem Fußballherz und schon wurde ich da wieder mit rein gezogen. Allen voran von meinem Zebra-Halbbruder und seiner Liebe zum MSV Duisburg. Schnell lernte ich, dass nirgends so sehr gelitten wird, wie in Duisburg.

Seither lebe ich, wie ich es nenne, in fußballerischer Polyamory und ein Stück meines Fußballherzens gehört dem MSV Duisburg. Die erste Saison mit diesem Doppelherz endete mit dem FC Bayern auf Platz 1 und dem MSV Duisburg auf dem letzten Platz der Bundesligatabelle. Jetzt war nicht nur die Hingabe für Fußball wieder in mir aufgeflammt, nun hatte das plötzlich auch noch was spirituelles mit Yin und Yang.

Zum Saisionende kam Herr Eigenlob aus Mönchengladbach noch dazu und auch hier war Spiritualität im Spiel: Der Geist der Siebziger Jahre beflügelt dort auch heute noch alles. Mit einem mittlerweile dreigeteiltem Herz schaute ich das bisher (hoffentlich auf sehr sehr lange Zeit) letzte Zweitligaspiel der Borussia im beschaulichen Paderborner „Hermann Löns Stadion“, was danach abgerissen wurde. Da haben wir es wieder – Yin und Yang.

Bei uns allen Dreien ist die Gemeinsamkeit, dass der Lieblingsverein in die Wiege gelegt wurde. Blau Weiß, Grün Weiß, Rot Weiß. Dennoch habe ich alles komplett anders wahrgenommen, denn für mich war Bundesliga immer nur etwas, was weit entfernt stattfindet und im Fernsehen kommt. Mit 14 war ich einmal im Münchner Olympiastadion. 4:2 gegen Hansa Rostock. Für mich war das damals Weihnachten und Geburtstag an einem Tag zusammen. Und vollkommen absurd obendrein. Scholl, Jancker, Kahn … da standen sie auf einmal alle vor mir und ich begriff, dass das ja echte Menschen sind. Also, dass es die wirklich gibt, nicht nur im Fernsehen. Das klingt wahrscheinlich sehr abstrus, aber wer weiter als 200km weg von einem Bundesligastadion aufgewachsen ist, kann ungefähr einschätzen was ich meine. Hoffe ich zumindest.

Bei den anderen Beiden, also Zebra und Fohlen, war das ganz anders. Die wuchsen in Fahrradentfernung zum jeweiligen Stadion auf und haben glaube ich ab dem dritten Lebensjahr schon Dauerkarte und Stadionbratwurst bekommen. Bundesligafußball im Stadion und Wochenende war da also die normalste Kombination der Welt. Mittlerweile ist das, glaube ich, aber auch nicht mehr so, da wir alle drei in der Erstligasahara Berlin leben.

Warum es so lang gedauert hat, bis ich endlich mal in der Allianz Arena in München bei einem heimspiel des FC Bayern war, kann ich gar nicht so genau so sagen. Auswärtsspiele habe ich schon einige gesehen. Sogar in Wolfsburg, eww. Womöglich liegt es letztlich einfach daran, dass (laut Google Maps) 580 Kilometer zwischen meinem zuhause und der Allianz Arena liegen. Und na ja, womöglich auch an der Tatsache, dass niemand aus meinem Umfeld jetzt unbedingt mitkommen möchte. Die mögen den FC Bayern nicht so sehr, die Blödis.

Letztlich ergab sich dann alles ganz spontan. Mein Vater fährt mit einigen Arbeitskollegen einmal im Jahr zu einem Bundesligaspiel. Also richtig mit Hotel und so über ein Reisebüro gebucht. Kurzfristig wurde ein Ticket frei und da dachte ich „Warum eigentlich nicht?“ und schon saß ich ungefähr 82628 Stunden im zug nach München.

Interessant so etwas zu sehen übrigens. Ich selbst würde nämlich eigentlich immer die Finger von solchen Pauschalangeboten lassen, was Fußball angeht. Denn dann kann es, wie in diesem Fall, vorkommen, dass im gebuchten Hotel plötzlich gar kein Zimmer frei ist und man auf dem Weg zum Stadion auf den Tickets ein klein gedrucktes „Gästebereich – Kein Zutritt in FC Bayern Fanbekleidung“ finden. Oh. Ich sah vor meinem inneren Auge den Glanz meiner Arena-Premiere davon schwimmen und mich stumm zwischen einem Haufen karnevalesker Kasperköpfe stehen. Aaaaaber … das vorweg … alles noch mal gut gegangen.

Vor kurzem sagte Uli Hoeneß irgendwo, dass der FC Bayern ein „Global Player“ sei, während Borussia Dortmund eher eine regionale Geschichte ist. ich bin der Sache nicht näher nachgegangen, aber ich habe die Diskussion darüber nicht so ganz verstanden, denn es ist ja tatsächlich so. Sonst hätte mich das ganze doch in Thüringen auch nicht so erreicht. Im globalen Thüringen!

Allerdings hat das auch andere Folgen, denn ich hab dieses „eher eine regionale Sache“ alles andere als negativ empfunden. In, um auf die Beispiele von eben zurück zu kommen, Mönchengladbach und Duisburg ist das ja auch so. Eine regionale Sache, aber wenn da Fußball ist, dann ist auch Fußball. Das dürfte in Dortmund nicht anders sein, Dauerkartenverkäufe im Verhältnis zur Einwohnerzahl verdeutlichen das ja auch ganz gut.

Geht man aber, so wie ich, am Spieltag durch München ist das ein zugegebener Maßen teilweise sehr komisches Gefühl. Denn zum „Global Player“ kommen scheinbar nur solche Hanseln wie ich, die sich das ganze im Pauschalreisenkatalog gekauft haben. Das war sehr amüsant, wie man das den meisten sofort angesehen hat. Dreiergruppe mit neuem (furchtbar hässlichem) Auswärtstrikot, ein FC Bayern Seidenschal (WTF?!) und am besten noch schlecht sitzende Lederhosen (weil man ja in München ist).

Lustigerweise geht es mir auf dem Weg zu Spielen des FC Bayern immer so. Ich sehe das alles sehr kritisch und fühle mich in meiner Herzensmission, zu zeigen, dass es auch nette Fans des Vereins gibt, bestärkt. Das darf man jetzt nicht falsch verstehen, ich bin schließlich aus vollstem Herzen Fan des FC Bayern aber die Gegebenheiten rundherum sind dann doch manchmal sehr gewöhnungsbedürftig.

Im Stadion angekommen durfte ich feststellen, dass mein Sitzplatz im Gästebreich glücklicherweise kein wirklicher Gästebereich war. Also auf dem Papier schon, aber da waren dann nur 5 Mainzer Block. Einziger wichtiger Unterschied: Weil es der Gastbereich war, durfte man keine Getränke mit zum Platz nehmen. Es war sehr lustig Menschen zu beobachten, die sich mit Mainzer Dialekt darüber aufregen.

Zwei frühe Tore, jede Menge krach und nach einer halben Stunde herrschte Ruhe und man merkte, dass die gefühlte Hälfte der Zuschauer heute den Jahresausflug zum Stadion gemacht hat. Alle sind zwar begeistert, aber stimmungsvoll ist das leider nicht gerade. Da bewahrheiteten sich dann leider ein paar Klischees. Andererseits muss man natürlich auch sagen, dass das Spiel selbst auch einige Zeit nur auf Sparflamme lief. Dennoch wirkte die durchgängig stimmige Südkurve manchmal wie ein kleiner Fremdkörper. Nicht gut und schade. Aber das ist natürlich auch nur der Eindruck eines einzigen Besuchs.

Nebenbei bemerkt konnte ich anfangs übrigens nur an eins oder besser gesagt an einen denken: Didier Drogba. „Hier war es also, das Champions League Finale. hier ist es passiert.“ dachte ich und arbeitete mein kleines Trauma innerlich auf.

Andererseits war letzte Saison auf abstruse Weise genau das, was man sich ja als Anhänger des FC Bayern perverser Weise wünscht: Eine Saison voller Leiden. Philipp Köster (Chefredakteur von 11Freunde) sagte im sehr schönen Film „Warum Halb Vier?“ ähnlich, dass ein Abstieg ja der Traum aller Bayernfans sei, denn dann könnte man ja endlich einmal zeigen, dass man eben doch kein Erfolgsfan sei.

Nun ja, ein Kern Wahrheit steckt da sicherlich drin. Wobei ich das mit dem ganzen leid nicht so brauche, dafür habe ich schließlich den MSV Duisburg.

Meine liebste Beobachtung im Stadion war übrigens ein kleiner Spatz, der beinahe die gesamte erste Halbzeit in der Nähe des Strafraums ungestört vom Trubel um ihn herum, auf dem Rasen fleißig Körner aufpickte. Selbst wenn die Spieler nur knapp neben ihm vorbei stürmten hüpfte er nur ein kleines Stück zur Seite und pickte fröhlich weiter. Ich musste mir dabei die ganze Zeit vorstellen, wie er sich, selbstverständlich mit bayrischem Dialekt, wunderte, was um ihn herum wohl gerade geschieht. Das da 71.000 Menschen mehr oder weniger zu ihm schauen und lautstark werden. „Heee! Wos se olle nur hom, i wui doch nur a bisserl aufbickern hier.“

War schön bei dir FC Bayern, ich komme gerne wieder.

Schreib einen Kommentar