Ich weiß gar nicht, seit wann das so ist, aber wenn man neuerdings irgendetwas auf oder mit einem Berliner Amt machen möchte, muss man dafür einen Termin haben. Die Vergabe der Termine erfolgt dabei komplett online. Das Problem allerdings ist, dass alle Ämter vollkommen unterbesetzt sind. Das wiederum hat zur Folge, dass der Online-Terminkalender randvoll rot und ausgebucht ist. Wenn man Glück hat, bekommt 3 Monate später einen Termin in einem Amt an einem komplett anderen Ende Berlins.

Ich rechne es mir selbst hoch an, meinen Termin trotzt 3 Monaten Wartezeit nicht verpasst zu haben und erschien genau 3 Minuten vorher. Allerdings habe ich dafür auch den Taxi-Cheatcode benutzt. Ich bin ja großer Fan von Gesprächen mit Taxifahrern. Mein Tipp dazu: Man muss zum Gesprächseinstieg sehr verständnisvoll sein und darauf schimpfen, dass die Gepflogenheiten im Taxigewerbe in den letzten Jahren sehr bergab gingen. Ungeschriebene Gesetze werdne gebrochen, man nimmt sich die Gäste weg und so weiter. Am besten legt man dann noch hinterher, wie schwierig die Taxiprüfung ist, da man dafür ja alle Hauptstraßen Berlins kennen muss. Schon hat man das Herz des Taxifahrers gewonnen und sie erzählen ihre tollsten Geschichten und Ideen. Letzte Woche erzählte mir einer davon, wie sehr er die Trams in Berlin hasst. Die Straßen werden allein durch die Schienen derart kaputt gemacht, dass man von dem Geld eine neue U-Bahn-Linie bauen könnte. Ausserdem hatte er mal Architektur studiert und ist fest davon überzeugt, dass es bald Kurzstreckenhelikopter für den innerstädtischen Verkehr in Berlin gibt. Äh ok. Danach habe ich ihm die DDR erklärt.

Ich weiß auch nicht was das über mein klischeehaftes Verhalten gegenüber Taxifahrern mit Migrationshintergrund aussagt, aber unseren Sommerurlaub (also den von meiner Frau und mir, nicht mit einem Taxifahrer) verbringen wir dieses Jahr in der Türkei und ich habe mir fast alles aus Tipps von Taxifahrern zusammen gestrickt.

Wie toll es wäre, wenn man bei Taxifahrten auch noch Amtskram erledigen könnte. Aber nein. Zurück also zum Amt. Diese Terminvergabe ist theoretisch ja eine super Sache, da man so ohne lange Wartezeiten auskommt. Hat aber den Nachteil, dass das in der Praxis nur bedingt greift, denn wie so oft in Deutschland krachen hier dumme und genervte Menschen aufeinander. Auf der einen Seite sind Menschen, die diese Terminpflicht trotz tausender Hinweise nicht verstanden haben und auf der anderen Seite genervte Amtsmitarbeiter, die dadurch noch genervter werden. Ein Teufelskreis. Und dabei rede ich nicht von Omis, die das alles nicht verstehen. Omis dürfen das. Ich meine da eher Instagram-Kids. Aber rein vom äußerlichen her, haben die ihre Piercings und Tattoos auch ohne Termin bekommen, von daher.

Mein Ausweis ist seit mittlerweile drei Jahren abgelaufen, ich musste mir also vorher schon diplomatisch zurecht legen, wie ich vorgehen würde, um großen Geldstrafen zu entgehen. Auf Ämtern arbeiten aber immer Frauen vom Typ vorwurfsvolle Mutti und mit diesem Typ Mensch kann ich ganz gut. Da verwandle ich mich immer kurz in eine Art Florian Silbereisen des Bürgeramts und die Erfolgsquote davon liegt bei ca 70%.

Ich kam also rein und eröffnete das Gespräch mit:

„Hallo ich wollte mich ummelden und habe dabei bemerkt, dass mein Ausweis seit Äonen von Jahren abgelaufen ist. Kann ich noch mal Heim und packen bevor ich ins Gefängnis muss?“

Die Frau mit rotgefärbtem Igelschnitt (Pflicht auf jedem Amt) daneben lachte, meine Sachbearbeiterin allerdings nicht. Ohne die Mundwinkel auch nur minimal zu verziehen sagte sie „Wollmermaschaun.“ Und wies mich und ihre Kollegin danach darauf hin, dass „Äonen“ viel zu lang sind. Zur Erklärung: Äon kommt aus dem Griechischen und steht für Ewigkeit. Willkommen in Deutschland. Mit meiner Florian Silbereisen Nummer würde ich heute wohl nicht weit kommen.

Danach habe ich direkt zwei wichtige Sachen gelernt: Es ist vollkommen okay, dass der Ausweis ungültig ist, wenn man einen gültigen Reisepass hat. Und die Ummeldung und Beantragung eines neuen Ausweises sind zwei Vorgänge für die man auch zwei Termine braucht. Immerhin konnte mich mein Silbereisen-Charme davor bewahren.

Aber wieder einmal interessant zu sehen, wie die meisten Amtsmitarbeiter mit ihrem Job bereits innerlich abgeschlossen haben. Dieser Tage tritt irgendeine Führerschein-Neuerung in Kraft, aber bisher wusste keiner, was die so 100%ig beinhaltet. In den 5 Minuten, die ich dort war, wiederholte meine Sachbearbeiterin gegenüber ihren Kolleginnen 3 Mal: „Ja, wir arbeiten ja damit und bekommen es deshalb eh als Allerletzte mit!“ Es musste unbedingt Bestätigung her, dass alles zwischen den Spanplattenschränken ganz fürchterlich ist.

So ziemlich das Gegenteil von einem Amtsbesuch hatte ich dann am Abend: Ein La Dispute Konzert. Allerdings mit der Parallele, dass ich ebenfalls 3 Minuten vor Beginn da war. Ha! Meine beiden Male pünktlich sein fürs Jahr und das dann auch noch an einem Tag!

Das Konzert fand im Berliner C-Club statt und mir fiel ein weiteres Mal auf, dass es sich dabei um eine meiner Lieblingskonzertlokalitäten handelt. Der Laden hat eigentlich die ideale Größe, einen guten Sound und – ganz wichtig – als ehemaliges Kino einen abgestuften Boden. Sprich auch ich, als großer Mensch, kann weiter vorne stehen ohne den Hass der restlichen Menschheit hinter mir zu spüren. Hach!

La Dispute sind meine absolute Lieblingsschreihalsband und enttäuschten auch dieses Mal nicht. Sehr nette Jungs, die sehr gute Musik machen und die ersten 4 Reihen sind wie gewohnt voller Tumblr-Kids. Es gibt ja viele Menschen, die einer Band sofort den Rücken kehren, wenn mehr als anderthalb Teenies bei einem Konzert auftauchen. Aber mir fiel auf, dass ich das doch sehr gut finde, wenn nicht alle schlechten Deutschrap auf YouTube hören. Man hat ja schließlich selbst auch noch ganz gut diese besonderen Erinnerungen, an die allerersten Konzerte im Kopf. Also immer vor mit der Jugend. Allerdings nur so lange es nicht ganz solche Ausmaße annimmt wie bei Casper oder Billy Talent, denn dieses Gemisch aus Teenieschweiß und Vanille-Deo brennt dann einfach zu sehr in den Atemwegen.

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