Vor kurzem habe ich endlich mal die hoch interessante Doku „Sound City“ gesehen. In einem Interview darin gab Brad Wilk, seines Zeichens Schlagzeuger von Rage Agains The Machine, den Ratschlag, dass man unbedingt die Musik hören solle, die die eigenen Lieblingsmusiker inspiriert hat. Nur wie macht man das? Ruft man dann bei James Hetfield an und fragt nach? Hat James Hetfield überhaupt ein Mobiltelefon? Ein Sachverhalt, bei dem das VISIONS Magazin gerne hilft.

Zum 250. Heftjubiläum hat sich mein liebstes Musikmagazin etwas ganz besonderes überlegt: 250 namhafte Musiker schreiben jeweils über diese eine Platte, die ihr Leben verändert hat. Und das auf über 200 Seiten. Der Golddruck auf dem Heftcover wird dem Inhalt (im positiven Sinne) nicht annähernd gerecht, so viele Perlen wie man da finden kann.

Und mal ganz abgesehen vom inhaltlichen Aspekt: Wer irgendwann mal in seinem Leben mit Künstlern insbesondere Musikern auf beruflicher Ebene zu tun hat, kann sich in etwa ausmalen, wie unglaublich kompliziert und arbeitsaufwändig es sein muss, zweihundertfünfzig Musiker/innen dazu zu bewegen, vor der Deadline eine Platte mit ein paar Worten dazu abzuliefern. Kein Wunder also, dass die Arbeit an diesem Special mehr als ein Jahr gedauert hat. Aus dieser Sicht betrachtet, dürfte es dieses Heft also eigentlich gar nicht geben. Es muss aus einem Loch im Raum-Zeit-Kontinuum entstanden sein. Umso schöner also, dass es tatsächlich existiert!

Ein paar Details aus dem reichhaltigen Musikfundus:

  • Liam Gallagher ist als Teenager auf Parties immer direkt zum Plattenspieler gegangen um The Stone Roses aufzulegen.
  • Brandon Boyd von Incubus nennt „Puddle Dive“ von Ani DiFranco als seine prägendste Platte. Er habe sich damals immer mit Mädels aus der Nachbarschaft zum Kiffen getroffen. Die wiederum haben ihn mit auf ein Konzert von Ani DiFranco genommen, wo er der einzige Mann im Publikum war. Und ich dachte immer, er hätte so ein Leben erst seit dem bestehen von Incubus geführt.
  • Iggy Pop sagt, er wurde am stärksten durch „September of my Years“ von Frank Sinatra geprägt.
  • Bei Dave Grohl hat sich der „Paris, Texas O.S.T.“ von Ry Cooder besonders eingeprägt als er ihn während der Anfänge von Nirvana im Tourbus entlang der italienischen Küste hörte.
  • John Frusciante, ehemals bei den Red Hot Chili Peppers, beschreibt, wie ihn „Unknwon Pleasures“ von Joy Division durch seine schwere Heroinabhängigkeit gebracht hat.

… und das sind nur 5 namhafte Vertreter von 250. Mit dabei sind unter anderem noch Brian Fallon über die Rolling Stones, James Hetfield über Aerosmith, Tony Iommi über The Shadows, Mike Patton über Bad Brains oder Jason Newsted. Knapp 2 Wochen ist das Heft noch am Kiosk zu bekommen und jeder Mensch, der ein Herz für Musik hat, wird wirklich große Freude daran haben. Eigentlich hätte es gar nicht erst als Heft, sondern direkt als Buch erscheinen sollen.

PS: Sehr unterhaltsam bis bauchshcmerzverursachend sind zwischendrin die Werbeanzeigen diverser Labels, Vertriebe und so weiter, die sich krampfhaft darin versuchen, zum Jubiläum eine lustige Anzeige zu schalten, die an sich zwar Gratulation sein soll, dann aber doch noch irgendwie werben soll.

PPS: Ach und falls mich jemand fragt: „Toxicity“ von System of a Down. Als Dorfkind ohne Geschwister und ohne musikalisch konformen Freundeskreis war MTV 2001 noch meine Hauptquelle neuer Musik. (Oder genauer gesagt „2Rock“ auf Viva Zwei) Internet fühlte sich da noch sehr weit weg an und im örtlichen Lotto Geschäft gab es mehr Magazine über Kriegsfahrzeugmodellbau als über Musik. Eines Tage ssah ich das Video für „Chop Suey“ und war vollkommen geplättet. Huch, was war das denn gerade?! Kurze Zeit darauf kratzte ich mein Taschengeld zusammen und kaufte mir das dazugehörige Album „Toxicity“ nachdem mich die gleichnamige Single mindestens genau so umhaute. Ich kann mich immer noch an das Gefühl erinnern, als ich die Platte zum ersten Mal hörte. Vom ersten Schlag vom „Prison Song“ bis zum armenisch folklorischen Outro im Hidden Track nach „Aerials“. Diese Art von Musik hatte ich so noch nie gehört. Die Gitarren, der Gesang, die Härte vom ganzen Zusammenspiel war wie haargenau auf meinen Geschmack abgestimmt. Nicht ein Song hatte Schwächen und es ist für mich bis heute das am besten aufeinander abgestimmte Album. Jeder der 14 Songs hat den perfekten Platz auf den Album gefunden. Sonst gab es immer Höhepunkte ein Alben, die man sich als persönliche Hits rauspickte, aber hier konnte ich mir die Songtitel anfangs gar nicht merken, weil ich einfach jedem Song mindestens eine 9/10 gab. Beim System of a Down Konzert im vergangenen Jahr musste ich mehrmals daran denken, welchen Weg diese Band mittlerweile genommen hat, bei der Dichte an Honks, die sich in der Wuhlheide tummelten. „Süssem“ ist mittlerweile eine Heckscheibenaufkleber-Band und die Hits aus „Toxicity“ seit nun schon über zehn Jahren festes Repertoire in schlimmen Clubs und nervigen Menschen auf Festivals (die mit Dieselgenerator!) und mehr als tot gespielt. Immer dann, wenn diese Nebeneffekte dem Album einen bitterlichen Beigeschmack verleihen wollen, denke ich dran, wie ich es zum ersten Mal gehört habe und was für einen wahnsinnigen Einfluss „Toxicity“ auf mich hatte. So gesehen kam es genau zur richtigen Zeit bei mir an. In der Phase, wo man als Teenager Wege sucht und sehr viel falsch machen kann. Für so ein Dorf-Ei wie mich damals, kann das wahnsinnig wichtig sein. Wenn man erstmals wirklich über politische Ansichten nachdenkt, weil man die Texte seziert und überhaupt versucht alles viel reflektierter zu sehen. Serj Tankain eignet sich jedenfalls wunderbar als Teenageridol. Und auch wenn das übertrieben klingen mag, aber große Teile meiner Ansichten, meines Charakters, ja sogar meinen Job hätte ich ohne dieses Album nicht. Verrückt. Aber so ist das eben mit dieser Musik.

PPPS: Seit diesem Sonderheft hasse ich John Engelbert von Johnossi. Achtung, ich zitiere kurz: „Mit 11 Jahren stieß ich auf das erste Album von Rage Against The Machine und entdeckte dadurch wenig später Tool.“ MIT ELF! STREBER! Aber es geht noch weiter: „Ich habe zu Ænima schließlich auch Gitarre spielen gelernt. […] Ich kenne jeden Millimeter dieses Albums. Die Basics und Rifs beherrsche ich auch bis heute.“ Ich fasse zusammen: Mit 11 Tool kennen gelernt und mit 14 bereits alle Stücke auf Ænima auf der Gitarre. Selten fühlte ich mich wissens- und talentloser als beim Lesen dieser Zeilen.

PPPPS: Auf Deezer gibt es eine Jubiläums-Playlist mit 250 wichtigen Songs aus der VISIONS Redaktion.

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