14. Mai 2013 | 0:43 Uhr
Ach, wie soll ich das jetzt auch nur annähernd gut beschreiben alles. Andererseits ist es ja manchmal auch gut, wenn man nicht weiß, wie man mit Dingen umgehen soll, denn das ist ein Zeichen davon, dass sie glücklicherweise viel zu selten passieren und alles Andere als Normalität sind. Alles Andere. Manchmal passieren Dinge, die reißen richtige Krater in das eigene Umfeld und dann steht man da und hat die Hände in den Taschen, weil man nicht so weiß wo man sonst mit ihnen hin soll.
Vor zwei Wochen habe ich mich in einer äußerst absurden Situation wiedergefunden. Ich hatte an einem Samstag Geburtstag, in den Tagen danach gab es drei Todesfälle und am Freitag darauf saß ich in Köln bei einer Lesung für 1LIVE und sollte vor 70 Leuten vor Ort und Tausenden am Radio aus meinem ach so lustigem Buch unterhaltsame Sachen vorlesen und am besten noch ein paar Späße zwischendurch machen. Hm.
Nachdem sich die Begeisterung über den kleinen Goldfischteich im Eingangsbereich gelegt hatte, saß ich am Nachmittag vor der Lesung im Hotelzimmer und hab mir überlegt, was ich am Abend dann wohl alles erzählen werde. So schlimm und absurd, die ganze Situation rundherum war, wurde mir erstmal bewusst, wie froh ich über all das bin, was ich habe und vor allem mache. Das ich Geld damit verdiene, Leute zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Sei es nun mit meinem kleinen Buch aus dem ich dann las, mit dieser Fernsehsendung mit Circus im Namen am Montagabend oder was auch immer. Beziehungsweise eher der Punkt, dass ich das Leute (freiwillig, haha) anschauen und sich darüber freuen. Ich kann es immer noch nicht richtig in Worte fassen, bin aber für das alles sehr dankbar und dank genau dieser Situation ist mir das alles noch mal viel bewusster geworden.
Am 15. April wurde einer dieser eingangs beschriebenen Krater in mein Umfeld gerissen, als mein Kollege Wauz viel zu früh starb. Wauz war Sänger der Band Red Tape Parade und in der letzten Samstagnacht gab es das letzte Konzert der Band zu seinen Ehren mit wechselnder Besetzung am Mikrofon.
Zwischen all der Trauer und dem Mitgefühl für Leute um mich herum, die das alle sehr hart traf, kam in mir noch einmal der Gedanke an den Moment im Hotelzimmer hoch. Die Dankbarkeit darüber, was man hat und tut, wenn man auf schlimmste Art und Weise vor Augen geführt bekommt, wie schnell das alles vorbei sein kann. Was für eine paradoxe Mischung, wenn Trauer und Dankbarkeit zusammen daher kommen und ich weiß schon wieder nicht, wie ich das hier alles auch nur annähernd in Worte fassen soll. Vielleicht sollte man es eher als Bewusstsein beschreiben. Ich weiß ja noch nicht mal warum ich überhaupt darüber schreibe, für gewöhnlich ist mir dieses Thema viel zu persönlich und emotional um in diesem Internetirrenhaus hier etwas darüber abzutippen. Andererseits war das alles ein solcher Nackenschlag, dass ich ein “Hey, sei dir mal ein bisschen mehr bewusst über all das, was du hast!” jeder und jedem an den Kopf knallen möchte der/die mir näher als sagen wir 10 Meter kommt.
Was für ein unglaublich emotionaler Konzertabend. Und zu eben diesem Bewusstsein kam noch viel mehr hinzu: Man ist viel zu selten bewusst dankbar dafür, dass es Musik gibt. Was für ein Wahnsinn das doch ist, dass eine Aneinanderreihung von Tönen, die oftmals durch die pure Verkettung von Zufällen entsteht derart emotional aufgeladen und wertvoll werden kann. Ich kann zu nahezu jedem wichtigen Ereignis in meinem Leben direkt ein Lied oder ein Album nennen, welches ich damit verbinde. Haha, ganze grundlegende Entscheidungen habe ich in die Hände wildfremde Menschen gelegt, nur weil sie mir in einem Lied aus der Seele sprechen und da für den Bruchteil einer Sekunde diese Magie entstand, wenn man genau in diesem einen Moment, diesen einen Song hörte.
Samstagnacht zog sich dieser magievolle Bruchteil einer Sekunde über mehrere Stunden und zeigte auf eindrucksvolle Art und Weise, warum Musik so wichtig, gut und immer und überall für alle da ist. Ein ganzer Club voller Menschen, die zum Abschied gekommen sind und durch die Musik zu einer großen Gemeinschaft wurden, die sich irgendwie gegenseitig hilft und versucht auf irgendeine Art und Weise mit dieser entsetzlichen Situation klar zu kommen. Sinnbildlich dafür sind die Situationen, bei denen ich jetzt noch Gänsehaut bekomme, wenn ich daran denke. Verschiedene Menschen stehen auf der Bühne, erzählen vor einem Song, wie sehr sie sich geehrt fühlen, an diesem Abend zu spielen oder erzählen eine Anekdote und brechen in Tränen aus. Und was ist die Konsequenz daraus? Die Konsequenz aus diesen Tränen? Der Song danach wird noch lauter, härter und leidenschaftlicher gespielt. Und warum? Weil sich das so gehört. Weil es den Song, den Moment, den Abend, einfach alles außergewöhnlich macht. Weil da diese Magie entstand, durch die man zwar auch nicht einordnen kann, was passiert ist, aber sie war da, diese Magie im Raum und jeder konnte sie anfassen.
So. Und jetzt macht eure Fenster auf und hört ganz laut dieses Lied.
Red Tape Parade was working on it’s third full length when their singer Wauz got diagnosed with cancer in December 2012. Wauz passed away on April 15th 2013. This is one of the few complete demo songs.

I know some magic works.