27. März 2015 | 2:56 Uhr


Am Dienstag saß ich in einer Agentur, in deren Flur im Eingangsbereich ein Fernseher hängt. Den ganzen Tag läuft dort N24 ohne Ton und vermittelt einem beim Vorbeilaufen immer das Gefühl, man wäre (zumindest für diesen Moment) top informiert und arbeite dementsprechend professionell. Als es kurz lauter im Flur wurde, weil sich ein paar KollegInnen unterhielten, stellte ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn eine Katastrophe passieren würde und plötzlich alle gespannt vor besagtem Fernseher stehen würden.

Etwas mehr als eine Stunde später gab es eben genau so eine Katastrophenmeldung. Gruselig, ich weiß. Ein Flugzeug sei in den Alpen verschwunden. Wahrscheinlich abgestürzt, 150 Menschen an Bord, man müsse mit dem Schlimmsten rechnen. Natürlich fand sich dann niemand vorm Fernseher ein, sondern las davon am Rechner. Nach diesen Details habe ich diese fürchterliche Nachricht für mich weitestgehend abgehakt. Nicht weil ich sie für lapidar gehalten habe, ganz im Gegenteil, sondern weil ich nicht diesen Mechanismen verfallen wollte, dass man sich von einem Ticker zum nächsten hangelt und dabei eine halbgare Meldung nach der anderen in sich hinein fressen lässt. Diesen „Fehler“ hatte ich erst kürzlich bei dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ gemacht. Plötzlich sitzt man da in Schock und klickt sich durch verwackelte YouTube Videos, während die Täter noch zu Gange sind. Man will so nah sein, wie es nur geht, egal wie wahr die Meldungen am Ende des Tages sind, durch die man sich gerade klickt.

Das eigene Empfinden sagt einem doch eigentlich, dass man eben genau das aufgrund verschiedener Gesichtspunkte nicht tun sollte. Und doch verliert man sich viel zu leicht darin, weil es eben geht. Warum brauche ich eine Sammlung halbgarer Informationen um 13:47 Uhr, wenn es doch eigentlich viel mehr Sinn macht, zum Beispiel auf ruhigere, (hoffentlich) fundierte Nachrichten am Abend zu warten? Zumindest natürlich wenn es ein Unglück ist, mit dem ich in keinster Weise in persönlicher Verbindung stehe. Ich weiß doch, dass ein Flugzeug sehr wahrscheinlich abgestürzt ist und es wahrscheinlich keinen guten Ausgang geben wird. Warum bin ich dann umso hungriger nach jedem Schnipsel Möchtegern-Informatiosngehalt?

Wie gesagt, genau diesem Ablauf habe ich mich (zumindest weitestgehend) bewusst entzogen. Auch weil ich die kürze der Wege bei Ereignissen wie diesem mittlerweile beachtenswert finde. Beachtenswert mit mulmigen Gefühl im Bauch. Ist es nicht verrückt, wie schnell solche Geschichten die Runde machen und wie noch viel schneller Details hinterher kommen? Es gibt scheinbar immer irgendwo irgendwen, der bereit ist Informationen möglichst schnell weiterzugeben. Selbst in der kleinen Untersuchungsgruppe des Flugschreibers. Zu mir können detailierte Informationen über die Insassen des Flugzeugs und dergleichen kommen, während sich noch nicht mal der Staub am Unglücksort gelegt hat. In 99% der Fälle ist diese Verbreitung und Geschwindigkeit von Informationen im Internet toll, bei diesem einen Prozent finde ich sie gruselig.

Als ich sah wie die Medienmaschine anrollte (mit entsprechenden Hall auf diversen Social Media Plattformen), fragte ich mich, wie es wohl zu Zeiten des 11. September 2001 gewesen wäre, wenn Online Journalismus und Social Media an einem Punkt wie heute gewesen wären. Nach wie vor ein komischer Gedanke für mich. An allen Ecken und Enden des Internets krachte es los mit einem Gewitter aus halbgaren Informationen, Vermutungen und Analysen, schließlich müssen diverse Ticker gefüllt werden. Das ganze Schauspiel wurde hier bestens zusammen gefasst. Wo wir wieder bei der Frage von eben wären. Wofür brauche ich diese Ticker? Warum kann ich nicht eine fundierte Meldung abwarten? Andererseits sollen Menschen natürlich informiert werden. Dafür sind Nachrichtenportale ja schließlich da. Aber tue ich das mit einem Ticker aus halbgaren Vermutungen oder ist genau das nicht einfach nur eine Form perfider Unterhaltung? Ich stille ein fragwürdiges Bedürfnis mit noch fragwürdigeren Methoden. Und damit nicht genug, alles wird dann noch so auffrisiert, dass es möglichst viele Klicks generiert. Wenn die Menschen schon etwas wissen wollen, wovon es nichts Neues zu wissen gibt, dann doch bitteschön bei uns. Und rundherum stricken wir noch jede Menge mehr. Die deutsche Huffington Post ist ein wunderbares Beispiel für diesen ekelhaften Clickbait-Journalismus. Da gibt es ernsthaft Artikel mit Überschriften wie „So emotional reagiert German Wings auf den Absturz“ oder „Germanwings Absturz: Ein Bild das ‚unfassbar traurig’ macht“. Da sind gerade Menschen umgekommen und nur wenige Stunden oder gar Minuten sitzt jemand ein paar Kilometer entfernt davon und überlegt sich, wie man die Schlagzeilen so schreiben kann, dass sie auf Facebook möglichst gut geklickt werden. Hallo Internet 2015.

Womit wir beim nächsten Thema wären. Unmittelbar auf die kurze Schockstarre folgt der Durst nach jeder noch so kleinen Information und wiederum darauf folgt die aktive Trauer. Ich halte den Absturz des Fluges 4U9525 für wirklich schlimm und mein Beileid gilt allen Angehörigen aber ist es dann auch schlimm, wenn ich nichts fühle? Also Beileid ja, aber Trauer nein. Schließlich stehe ich in keiner Beziehung zu diesem Unglück (außer das ich selbst oft fliege, klar) und werde in den Nachrichten täglich mit ähnlichen Themen konfrontiert. Gar nicht auszudenken wenn das jedes Mal Trauer in mir auslösen würde. Damit will ich dieses Unglück in keinster Weise irgendwie kleinreden, nur ist es für mich immer noch ein erheblicher Unterschied, ob ich ein Ereignis schlimm finde oder ob mir ein Ereignis persönlich so nahe ist, dass ich Trauer empfinde. Ich denke, dass ist bei vielen Menschen so und nichts Besonderes.

Nur fühle ich mich gerade im Bezug auf eben dieses Unglück unwohl damit. Und ich weiß noch nicht mal warum. Es fühlt sich an, als würde alle Welt um mich herum im digitalen Raum plötzlich einen schwarzen Trauerflor tragen, Und das nicht still und leise, sondern aktiv und laut. Es scheint, als müsse Trauer möglichst plakativ gezeigt werden. Oder auch direkt zum Klickfang genutzt werden, wie bei einem Radiosender, der auf seiner Facebookseite den Like-Button kurzerhand zum „Kondolenz Button“ umfunktionierte. Folgte man der Aufforderung und gab einem bestimmten Foto ein Like, zeigte man damit aktiv seine Trauer. Trauer auf Knopfdruck sozusagen. Während das bei mir ein unwohles Gefühl im Bauch vor ekelhaftem Like-Fang auslöste, folgten erstaunlich viele Menschen diesem Aufruf. Ist das, wie der Aufruf vielleicht auch, aus einer Hilflosigkeit heraus entstanden? Plötzlich ist diese Trauer da, man weiß nicht wohin damit, also zeigt man sie möglichst aktiv? Ich möchte in keinster Weise jemandem die Trauer absprechen, ich würde es nur gerne einfach verstehen.

Im Fall von „Charlie Hebdo“ habe ich selbst am Abend nach dem Attentat noch ein Foto (natürlich in schwarzweiß) auf Instagram hochgeladen, bei dem ich einen Stift in der Hand halte. Ein kleines Zeichen, um zu zeigen, das man sich nicht unterkriegen lässt. Schließlich verdiene ich auch einen erheblichen Teil meines Geldes damit, lustig zu sein. Und das möchte ich natürlich auch weiterhin ohne Angst tun.

Nun haben wir einen Flugzeugabsturz und plötzlich haben Menschen das schwarzweiß Logo des betroffenen Flugunternehmens als Profilbild oder senden Kondolenzfotos an andere Unbeteiligte per Whatsapp. Gegenüber Menschen in der Öffentlichkeit herrscht eine gewisse Erwartungshaltung, was Trauer betrifft und wehe dem, der sie nicht erfüllt. Sogar ich als vergleichsweise kleiner Social Media Wurm spüre das. Oder übertreibe ich da? Aber wenn alle Welt um mich herum plötzlich Kondolenzschleifen teilt, fühle ich mich ohne wirkliches Trauergefühl wie jemand der seine Erwartungen nicht erfüllt und bei rot über die Straße geht (während weit und breit kein Auto kommt). Jetzt ist es gerade halb zwei Uhr nachts und wenn ich morgen aufwache wird wohl die dritte Phase der Nachwirkungen dieser Katastrophe einsetzen. Auf Schock folgte Trauer und beim aktuellen Stand der Ermittlung wird wohl Wut folgen. Und das aktiver und lauter als die beiden Phasen davor zusammen. Ich sitze hier weiter hilflos und frage mich ob etwas mit mir nicht stimmt, weil ich nicht das Bedürfnis habe, mein Umfeld über meine Trauer zu informieren, beziehungsweise diese gar nicht erst empfinde. Und das obwohl ich doch eigentlich mit reichlich Empathie und Mitgefühl ausgestattet bin. Oder ist es schon eine Form der Trauer, wenn ich größeres Bewusstsein entwickle und froh darüber bin, dass es mir doch eigentlich sehr gut geht gerade?

Und was macht man in solchen Momenten der Hilflosigkeit wie diesen? Richtig, Musik hören. Die Berichterstattung dieser Tage entspricht exakt den Inhalten des Songs „Vicarious“ von TOOL. Im Lied geht es darum, wie durstig man nach Elend aus einer sicheren Entfernung ist. Nur gibt es eben keiner zu. So lange ich nichts damit zu tun habe, kann ich meinen „Informations“drang an Fotos der Unglücksstelle ergötzen. Mal nebenbei gefragt: Den physikalischen Grundsätzen zufolge muss es das Flugzeug samt Passagieren beim Aufprall pulverisiert haben. Ist es also okay Fotos von einem Todesort inklusive Leichen auf den Start- und Titelseiten dieser Welt zu haben, sobald es die in Kleinteile zerrissen hat?

Eye on the TV, ’cause tragedy thrills me. Whatever flavour. It happens to be like: Killed by the husband, drowned by the ocean, shot by his own son.
She used the poison in his tea annd kissed him goodbye. That’s my kind of story. It’s no fun ’til someone dies. Don’t look at me like I am a monster. Frown out your one face, but with the other stare like a junkie into the TV. Stare like a zombie while the mother holds her child, watches him die. Hands to the sky crying: Why, oh why? ’cause I need to watch things die, from a distance.

Der zweite Song an den ich, speziell in meiner beschriebenen Situation, denken musste, ist „An Tagen wie diesen“ von Fettes Brot. So kitschig das auch sein mag, es passt einfach so gut: „Eine Million bedroht vom Hungertod nach Schätzungen der
Während ich grad gesundes Obst zerhäcksel in der
Seh’ ein Kind, in dessen traurigen Augen ‘ne Fliege sitzt
Weiß, dass das echt grausam ist, doch scheiße, Mann, ich fühle nichts
Was ist denn bloß los mit mir, verdammt, wie ist das möglich?
Vielleicht hab ich’s schon zu oft gesehen, man sieht’s ja beinah täglich
Doch warum kann mich mittlerweile nicht mal das mehr erschrecken
Wenn irgendwo Menschen an dreckigem Wasser verrecken?
Dieses dumpfe Gefühl, diese Leere im Kopf
So was kann uns nie passieren, und was wäre wenn doch?
Und mich zerreißen die Fragen, ich kann den Scheiß nicht ertragen
Die haben da nichts mehr zu fressen und ich hab Steine im Magen!“

* Weil es so ein wahnsinnig sensibles Thema ist, noch einmal ganz deutlich: Ich möchte es absolut niemandem absprechen zu Trauern und mein Beileid gilt allen Angehörigen. Ich habe mich einfach nur gefragt, was das Internet aus Trauer macht (und umgekehrt) und warum das bei mir nicht so, wie bei zahlreichen Anderen ist.

10. März 2015 | 19:27 Uhr

Auch wenn ich es immer aussehen lasse, als würde ich ein abwechslungsreiches, aufregendes Leben eines Internetheinis leben, so bin ich tatsächlich eher einer der jüngsten Rentner Deutschlands. Wenn ich später eh mal keine Rente bekomme (WEIL DIE GENERATION YOUTUBE ES VERKACKT!), lebe ich doch lieber jetzt wie ein Rentner, so lange ich es noch kann. Einziger Unterschied ist glaube ich, dass ich nicht ganz so unfreundlich bin und mich noch nicht wie ein Outlaw verhalte, weil mein Lebensabend ja glücklicherweise noch ein paar Jährchen entfernt ist.

Und was macht ein richtiger Rentner am Wochenende? Richtig, eine Messe besuchen. Wobei auch sehr viel Wintersport im Fernsehen kam, aber man muss hier Prioritäten setzen, schließlich ist nur einmal im Jahr Tourismusmesse. Eigentlich ist die ITB an sich ja schon ein lustiges Unterfangen. Reiseziele aus der ganzen Welt müssen in möglichst hässlicher Umgebung zeigen, wie toll sie doch sind. Andererseits macht das ja wieder Sinn. Selbst das Reiseangebot von Hannover sah ganz ansprechend aus vor dem Stahlbeton der Berliner Messe. Grundsätzlich kann man an folgender Faustregel festhalten: Je unattraktiver das Reiseziel, umso aufwändiger der Stand. Bei manchen Ständen wäre ich gern bei der Planung dabei gewesen. “Okay, wir machen nichts außer Flyern und einer Frau, die einen Obstkorb auf dem Kopf trägt.”

Pro-Tipp: Es ist äußerst wichtig, die richtigen Daten auf dem Ticket anzugeben! 30% des Eintrittspreises sind dabei übrigens für die tatsächliche Messe und 70% um sich die Leute anzuschauen die dahin gehen. Es gibt richtige Muttivereinigungen die zwischen den Hallen verschnaufen und sich neu organisieren, bevor sie ihre tonnenschweren Tüten mit Flyern, Bonbons und Kugelschreibern weiterschleppen. (Enttäuschend übrigens, ich habe nur zwei Stände mit Kugelschreibern finden können!) Am Schönsten waren die Muttigangs die bereits beim Stand einer Discounterkette waren, die Strohhüte verteilte. Wenn man schon mal auf einer Reisemesse ist, kann man schließlich auch einen Strohhut tragen! Livin la vida loca. Damit kann man nämlich nicht nur wunderbar bescheuert aussehen, sondern auch noch alle anderen Leute neben einem nerven. Hach, da kommt wieder der Rentner in mir durch, schön.

Sollte ich jemals auch einen Messestand betreiben, würde ich es mir zur Aufgabe machen zu testen, was man alles kostenlos verteilen kann. Ich glaube nämlich, dass es vollkommen egal ist, hauptsache es ist kostenlos. Egal ob gefüllte Hundekotbeutel (mit Werbeaufdruck natürlich), Zitteraale oder brennende Kohlenanzünderstückchen, die Muttigangs würden sich trotzdem vorm Stand stapeln.

PS: Ach ja, die ITB ist ganz nett und vor allem praktisch wenn man noch nicht für alle Länder Klischees im Kopf hat. Ansonsten würde ich eher das Internet empfehlen. Auch wenn es da keine Steeldrums und Strohhüte gibt.

24. Februar 2015 | 9:11 Uhr


Ich bin schon seit 6 Uhr wach, fühle mich dabei aber erstaunlich fit. Es gehört derzeit zu meinem Wochenprogramm, mich um diese unmenschliche Zeit einmal in der Woche zum Zug zu schleppen, um nach Hamburg zu fahren. Obwohl sie mehr Routine haben dürften, wirkt die Bahn nicht ganz so fit und hat heute gleich drei Wagons vergessen. Von mir wird erwartet hier in Hose aufzutauchen und die vergessen einfach 3 Wagons, also 240 Sitzplätze. Cool.

Die Folge davon ist natürlich, dass im Zug gerade eine muntere Runde menschliches Tetris stattfindet. Da ich im Nah- und Fernverkehr mittlerweile geschickt wie ein Waschbär bin, habe ich mir noch einen Sitzplatz ergattern können. Da ich allerdings erheblich größer als ein Waschbär bin und auf dem Gangplatz sitze, habe ich bereits Taschen und Rucksäcke diverser Fabrikate gegen Schulter und Kopf bekommen.

Ich liebe es mit der Bahn zu fahren. Erst recht wenn die Sonne draußen gerade aufgeht, man in Ruhe das neue „Two Gallants“ Album hören kann und alle zwei Minuten ein paar Rehe auf einem Feld an den Gleisen stehen. All diese Vorzüge kehren sich um, sobald der Wagon voller Menschen ist, beziehungsweise sobald der Platz neben einem besetzt ist. Meine Sozialkompetenz ist dafür nicht gemacht. Meine Knie noch weniger. Glücklicherweise ist der Herr neben mir gerade eingeschlafen und schaut mir deshalb nicht andauernd auf mein Display. Falls das nur ein Vorwand sein sollte und du nur so tus als würdest du schlafen, um auf mein Display zu schauen … JA ICH SCHREIB JETZT ÜBER DICH UND LEUTE IM INTERNET LESEN DAS HARHARHAR MORGEN WIRST DU DICH ECHT UMGUCKEN. WENN DU NICHT SCHLÄFST DANN LASS UNS DIE SACHE JETZT IM GANG AUSTRAGEN. …. . . .. …. . . .. Okay, er regt sich nicht. Ein Meister seines Fachs. Wenn ich meinen rechten Arm jetzt irgendwie bewege, werde ich ihn gezwungener Maßen berühren, dann wacht er auf und dann kämpfen wir im Gang. Es scheint beschlossene Sache zu sein. Aber anders geht es auch gar nicht in dieser Komfortzone hier. Die Bahn fördert ja sozusagen erhebliches Konfliktpotenzial. Eine Steckdose auf zwei Sitze. Es sind schon Kriege wegen weniger ausgebrochen. Was mir gerade noch auffiel: Wenn man unseren ICE Doppelsitz einmal um 180° nach hinten drehen würde, würde auffallen, dass man sich teilweise stundenlang mit fremden Menschen weitaus weniger Platz als in einem handelsüblichen Doppelbett teilen muss. Ich box ihn gleich im Schlaf. Einfach so. Aber vorher mach ich die Intro Musik von John Cena an. Oder vielleicht box ich ihn erst und mach dann die Musik an für die wasserdichte Behauptung, John Cena wäre bereits geflohen.

Unabhängig von der Tatsache, ob sich John Cena nun im Bordbistro befindet oder nicht, ergeben sich automatisch diverse Sitcom Szenen, wenn sich so viele Menschen auf engstem Raum befinden. Eben hat zum Beispiel ein Mann aufgeregt telefoniert. Es ging augenscheinlich um die Führung eines Haushalts. Oder genauer gesagt: Er scheint öfters Mal in Berlin bei jemandem zu Gast zu sein und räumt da dann nicht so richtig auf. „Nein nein ich räume immer alles auf, mache sauber und verlasse alles ordentlich.“ … kurze Pause … „Achso die Räucherstäbchen. Ja die sind immer eine Art Gruß von mir, damit man überhaupt was von sich hat, wenn man sich nicht sieht.“ Das ist passive Aggressivität in absoluter Bestform. Einfach alles wunderbar ordentlich verlassen, aber dann Räucherstäbchen anzünden.

Hahaha mein Sitznachbar ist gerade aufgewacht, aufgestanden und in Richtung Bordbistro gegangen. DAS WIRD DIR AUCH NICHT HELFEN, JOHN CENA IST GAR NICHT HIER! Er spricht deutsch mit französischem Akzent. Er ist bereits jetzt mein ärgster Widersacher aller Zeiten. Aber zurück zur Sitcom in der Bahn.

Ein weitaus beklemmenderes Szenario als das des Räucherstäbchenmanns ereignete sich kurz hinter Berlin Spandau. Auf einer Viererbank war noch genau ein Platz frei. Ein Mann der neben dem freien Platz saß, stand auf und ging gezielt auf eine Frau an einer der Zugtüren zu. „Setzen sie sich doch hier hin“. Die Frau freute sich, beide grinsten und hatten dabei ein Glänzen in den Augen was nahelegte, dass sie sich beiderseits eine Art „Fifty Shades Of Grey“ Szenario nur eben mit Zugfahren erhofften. Kaum saß die Frau, kam ein sehr kleiner, dafür sehr dicker Mann aus der Zugtoilette dazu. „‚tschuldigung das ist mein Platz“ Die Frau zog wieder davon und der kleine dicke Mann schlief umgehend auf dem ihn zugehörigen Platz ein. Ich hatte ihn vorher gar nicht gesehen, was nahelegt, dass er sich seit Stunden für genau diesen Moment auf der Zugtoilette eingeschlossen hatte. Ich mag die Vorstellung. Der Zug zwischen Berlin und Hamburg ist so früh am Morgen randvoll mit Pendlern, die sich alle irgendwie untereinander kennen. Es kann ja also gut sein, dass es sich der kleine Dicke zur Aufgabe gemacht hat, der Romanze zwischen den beiden Pendlerturteltäubchen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wie wird es morgen weitergehen? Wird er gezielt mit Indoor-Feuerwerk arbeiten? Einen Song über die ganze Zeit der Bahnfahrt performen, so das man sich nicht unterhalten kann?

Mein Sitznachbar ist gerade zurück aus dem Bordbistro gekommen. Er verhält sich weiterhin ruhig und tut jetzt so, als würde er ein Buch lesen. ICH KENNE DEINE SPIELCHEN! Allerdings hat sich die Dame vor mir jetzt auch mit ins Rennen gebracht, als sie mit der Geschmeidigkeit einer Mausefalle ihre Sitzlehne nach hinten geschossen hat. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass es in der Hölle zwei Eingänge gibt. Einen für normalböse Menschen und einen für Menschen, die ihre Lehnen in Zügen und Flugzeugen nach hinten machen. Eins der größten Beispiele für Fehldenken in der Geschichte der Menschheit. Diese wenigen Zentimeter mehr, um die ich meine Rückenlehne verstellen kann, bringen mir ja nie so viel mehr Komfort, wie sie dem Menschen hinter mir dadurch nehmen. Alles deutet auf ein Dreiermatch im Gang hin, wobei die Zugfahrt gleich schon vorbei ist und es zunehmend spannender wird.

Was ich mich überhaupt beschwere, wie ich hier auf einem Polstersitz bei 250 Sachen mit WLAN sitze. Andererseits kostet so ein Ticket für die 90minütige Bahnfahrt stolze 80€. Ich hab das auf Twitter mal umgerechnet und festgestellt, dass man mit einem Autoscooter günstiger fahren würde. Daraufhin meldeten sich viele Menschen bei mir die meinten, dass das Quatsch wäre. (WAS?!) Ein Autoscooter würde schließlich nicht so schnell fahren und Strom bräuchte man auch und überhaupt. (O!M!G! WAS?!) Menschen sind so.

Edit: Jacques und ich sind nach der Fahrt ohne eine Konfrontation auseinander gegangen. Es scheint auf eine Auseinandersetzung bei Wrestlemania herauszulaufen.

21. Februar 2015 | 19:16 Uhr


Nachdem er große Teile seiner Kindheit im Plattenladen seines Onkels verbracht hat, hat Jarett Koral mit 14 Jahren sein eigenes Label gegründet. In den vergangenen Jahren hat er auf “Jett Plastic Recordings” bereits Platten von 12 verschiedenen Bands rausgebracht. Der Rentner in mir fragt sich da umgehend: Besteht also doch noch Hoffnung in die Generation YouTube?!

Genau genommen gehört das Label übrigens seiner Mutter, weil er es rein rechtlich noch gar nicht betreiben darf. Die aktuellste Veröffentlichung ist übrigens eine EP von Pizza Underground, der pizzaorientierten (und übrigens sehr unterhaltsamen) Band von Macaulay Culkin. Passender weise gibt es die Record Store Day 7-inch EP in Pepperoni und Mozzarella Pizza Versionen.

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19. Februar 2015 | 15:52 Uhr


Karneval und ich verstehen uns nur so mittelgut. Zu viele Erfahrungen mit unangenehmen Menschen, die das ganze Jahr keinen Spaß verstehen und auf der Suche nach einer Alkoholbegründung sind habe ich da in meiner Jugend gemacht. Aber ach, so lange alle Spaß haben ist ja alles gut. Aber bitte nach Vorschrift. Und vielleicht könnte man das mit den kostenlosen Süßigkeiten für alle auch in weiteren Bereichen adaptieren?

In jedem Fall mag ich an Berlin, dass es hier keine Kotzberge mit Konfetti drin am Rosenmontag gibt. Wobei ich Konfetti damit Unrecht tue. Sorry Konfetti. Umso unterhaltsamer ist es dann, wenn doch einige Menschen dem Karneval frönen. Also nicht die Tatsache an sich, sondern der Weg dahin. Finster dreinblickende Menschen am Montagmorgen in der U-Bahn und dazwischen exakt ein Mensch mit Schminke, Perücke und Kostüm mit ebenso ernsten, jedoch peinlich berührtem Blick. Überhaupt sollte es mal einen Bildband oder Tumblr mit Fotos von Menschen geben, die sich (peinlich berührt) verkleidet auf dem Weg zu einer Mottoparty befinden.

In Hamburg scheint die Wertschätzung von Karneval ebenfalls in etwa konform mit meiner zu sein. Bei einem Hamburger Bäcker fand ich am Dienstag schwarze Brötchen. Die waren nicht etwa böse verbrannt, sondern extra mit Pflanzenkohle (was auch immer das ist) eingefärbt. Extra zum Karneval wurden sie unter dem Motto „bunt kann jeder“ verkauft. Das vielleicht tollste Statement zum Karneval überhaupt. Und vielleicht sogar der ganzen Welt an sich.

Ich finde es gut, wenn der Alltag an manchen Stellen etwas dunkler und schwarz wird. Erst recht nachdem ich in der aktuellen Visions Danko Jones’ Essay darüber gelesen habe, ob Rock, das schönste Musikgenre, denn nun am Aussterben ist oder nicht. Das war mir vorher alles gar nicht so bewusst. Hilfe!

In jedem Fall muss ich aber in Sachen schwarze Brötchen wieder etwas zurückrudern: Sie schmecken wie normale Brötchen, wenn man sie allerdings im Bett isst, sieht es so aus, als hätte man sich in einen Straciatella-Becher gelegt. Und beim Zähneputzen sieht es auch am Tag danach noch so aus, als hätte man sich kürzlich einen halben Sack Grillholzkohle gegönnt. Es ist eben noch ein weiter Weg.

10. Februar 2015 | 21:39 Uhr


Auch im Jahre 2015 finde ich es irgendwie komisch, ein Smartphone mit mir rumzutragen. Nicht falsch verstehen, ich finde es super, was man mit dieser kleinen Kiste alles machen kann. Es beunruhigt mich nur irgendwie, permanent ein Ding im Wert von zwei Kühlschränken in der Hosentasche zu haben. Ich weiß nicht, ob ich jemals dieser Verantwortung gewachsen sein werde.

Vor einiger Zeit habe ich mir jedenfalls ein neues Modell genehmigt, wodurch diese Grundängste wieder in mir aufkamen. Schlimmer noch, das Handy fängt langsam an, Herr über mein Leben zu werden. Nicht etwa, weil ich nicht aufhören kann, darauf umzutippen, sondern weil es sich scheinbar zunehmend neue Wege überlegt, um mich dumm aussehen zu lassen.

Alles begann vor ein paar Wochen in einem Hotel in Hamburg. Für einen kurzen Weg dachte ich mir, zum ersten Mal das Navigationsfeature von Google Maps voll und ganz zu nutzen. So als wäre ich mit dem Auto unterwegs, nur eben ohne Auto. Im Fahrstuhl allerdings sagte mein Telefon mehrmals „KEIN GPS SIGNAL GEFUNDEN!“, was mir wegen Musik auf den Ohren erst nach dem dritten Mal auffiel. Zu spät, alle Anwesenden hielten mich zu diesem Punkt bereits für ein aufwändiges Bionikexperiment.

Schlimmer noch kam es, als ich letzte Woche mit dem Bosch Technikservice telefonierte. Am neuen Kühlschrank fehlte ein Bauteil. Man muss dazu wissen, dass der Bosch Technikservice eine ernste Angelegenheit ist. Da sitzen keine aufgeregten Studenten, die sich ihre Alkopos verdienen und keine Ahnung haben. Nein, da sitzen alte, allwissende Techniker, deren Unterton stets „du hast keine Ahnung“ vor sich hin säuselt.

Solltet ihr jemals die Seriennummer eures Kühlschranks suchen: Die hat ungefähr 200 Stellen und ist hinter der Gemüseablage versteckt. Während der Suche danach, machte sich mein Handy einen Spaß daraus und aktivierte das Tastenfeld auf dem Display. Während ich also angespannt versuchte, die Nummer richtig zu lesen, wählten meine weichen Teddybärwangen plötzlich Nummern auf dem Tastenfeld. Egal wie sehr ich mich konzentrierte und das Telefon anders hielt, immer wieder … tuuut. Mal länger, mal kürzer gedrückt.

Bei der Arbeit einer Technikhotline hat man wahrscheinlich schon sehr viel erlebt, aber irgendwann reichte es auch dem in sich ruhenden Bosch-Technikexperten am anderen Ende der Leitung: „Herr Herrmann, ich kann sie nicht verstehen, wenn sie die ganze Zeit die Tasten drücken!“ Ich hatte einen astreinen Homer Simpson gebaut. Danke Telefon, ich bin gespannt, was du dir als nächstes für mich einfallen lässt.

3. Februar 2015 | 17:37 Uhr


Fabian hat erstaunlich viel Zeit seines bisherigen Lebens mit Reisen verbracht. Für mich hat das unter anderem den Vorteil, dass er bizarre Oreo-Geschmacksrichtungen aus Asien mitbringt. (Ich möchte an dieser Stelle vom “Orange Ice Cream” Geschmack abraten, da er wie Zahnpasta schmeckt. (Nein nicht wie leckere Kinderzahnpasta mit Orangengeschmack!)) Ein weiterer Vorteil sind Turtles Erdnüsse, von denen ich an dieser Stelle allerdings abraten möchte, da sie das Crystal Meth unter den Knabbereien sind.

Die letzten Jahre seiner Reisen hat er nun in ein wunderhübsches Video gepackt. Und weil mit so einer langweiligen Weltreise (pah!) ja nun wirklich jeder daher kommen kann, trug er die ganze Zeit ein Panda Kostüm. Sogar mit tieferen Sinn:

The Loonely Panda. A global project capturing the journey of an endangered species in search for home and family.

Awww. Wenn ich daran denke, wie ich regelmäßig daran scheitere, ein zweites Paar Schuhe (Größe 47) für eine halbstündige Bahnfahrt irgendwo in meinem Gepäck unterzubringen, mag ich mir gar nicht ausmalen, was es für ein Stress sein muss, regelmäßig ein Pandakostüm von einer Zeitzone in die nächste mitzunehmen.

Viel Spaß mit dem Video und denkt künftig bitte dran, immer freundlich zu Pandas zu sein.

Ebenso empfehlenswert:
Der Loonely Panda bei Instagram

2. Februar 2015 | 18:43 Uhr


Meine Augen fühlen sich an, wie Meerestiere, die gerade ihren ersten Landgang machen und aufs Bürgeramt müssen während meine inneren Organe von Nachosauce gesäumt sind. Aber auch in diesem Jahr hat es sich wieder einmal gelohnt, den Schlaf auf ein Miminum zu reduzieren, um den Super Bowl zu schauen.



Das perfekte Ereignis für heimliche Eventfans wie mich. Auch wenn ich mir jedes Jahr vornehme, mehr von der Saison zu verfolgen. Aber so richtig funktioniert das hier einfach nicht. Dann eben doch die eine besondere Nacht im Jahr, in der letztlich eine Aktion über alles entscheiden kann. So wie auch irgendwann zwischen 4 und 5 Uhr morgens letzte Nacht.



Allerdings können diese Einzelaktionen gerade bei Nichtgelingen weitreichende Folgen haben. Ein besonders prekäres Beispiel habe ich neulich gelesen. Die Kausalkette ist dabei wie folgt:



1) Die Buffalo Bills haben 1970 einen Super Lauf und gewinnen alles. Bis ein einziger falscher Pass ein Spiel und die Serie ruiniert. 


2) Die Buffalo Bills erhalten dadurch den ersten Draft Pick und wählen O.J. Simpson


3) O.J. Simpson bleibt einige Zeit in Buffalo und lernt seine künftige Frau dort kennen. 


4) O.J. Simpson bringt einige Zeit später seine Frau um


5) Es folgt ein legendärer Prozess, den er dank seinem Anwalt gewinnt.


6) Sein Anwalt ist der Vater von Kim Kardashian, der dadurch auch gewisse Bekanntheit erlangt.


7) Der Anstoß für die Prominenz der Kardashians, insbesondere Kim Kardashian. Der Rest ist bekannt.



Wir fassen zusammen: Ein einziger falscher Pass ist Schuld an der bizarren Prominenz von Kim Kardashian.

Nun gut, bei einer kurzen, genaueren Recherche stellt sich heraus, dass diese Gedanken eines wahrscheinlich verwirrten Kiffers nicht so ganz der Realität entsprechen. Sagen wir mal zu 40%. Aber es verdeutlicht ja doch, was ein falscher/richtiger Pass alles zur Folge haben kann.

Bonus: Etwas faktenmäßig genauer erklärt Comedian Joe Rogan Kim Kardashian für Ausserirdische.

30. Januar 2015 | 12:33 Uhr


Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon angebracht habe, aber die einzige Sache*, bei der ich mich wirklich alt fühle, ist die deutsche YouTube-Szene. Nicht etwa, weil ich allein schon rein rechnerisch älter bin als die meisten ProtagonistInnen, sondern weil ich nicht verstehe, was sie da tun. Oder anders gesagt: Ich verstehe schon, was sie da tun, ich verstehe nur den immensen Erfolg der meisten Kanäle nicht. Schließlich werden da regelmäßig Sachen gemacht, die inhaltlich in etwa an Kartoffelbrei auf Altpapierbasis heran reichen. Woher kommt da all die Begeisterung?

Wenn man ein paar Ecken weiter denkt, weiß man natürlich auch, dass der Erfolg der größten Kanäle auf dem Prinzip beruht, dass dich Macher/innen Stars zum anfassen sind. So wirkt es jedenfalls. Schließlich sind sie ja keine Stars, sondern eine/r von uns! Und ohne all die vielen LikeZz und Kommis und ach ach ach wäre das ja nie möglich gewesen.

Umso ekliger dann wenn man sich einige erfolgreiche Exemplare anschaut und natürlich sofort das Kalkül dahinter erkennt, dem sich reihenweise Teenies hinterher werfen. In meiner Jugend waren es Boygroups und die Nippel von Mel B im „Wahnabe“ Video, jetzt sind es eben Schminktutorials und Longboardtouren.

Nach der anfänglichen Experimentierphase ist derzeit die Goldgräberstimmung in ihrer Hochphase und alles überschlägt sich ein bisschen. Aufgelöste Verträge hier, alle sind mindestens megareich nach drei Videos, Netzwerksterben da und überhaupt hünününü. Interessant ist es dazu zu sehen, wie, im Gegensatz zu angesprochenen Boygroups, die Erfolgskurven bei großen YouTubern wahrscheinlich noch schneller funktionieren. Nehmen wir mal Y-Titty als Beispiel. Ich gebe zu, ich kenne sie und ihre Arbeit nur mittelmäßig gut, finde aber ausnahmslos alles, was ich gesehen habe, furchtbar. Macht nichts, ich bin ja auch nicht die Zielgruppe. Umso interessanter, dass mittlerweile (so mein Gefühl jedenfalls) die drei Jungs nicht mehr die allzu größte Beliebtheit haben, da auch der letzte Teenager begriffen haben dürfte, dass sie eben nicht die spontanen Jungs von nebenan, sondern ein komplett durchkalkuliertes Produkt sind. Überraschung!

In jedem Fall ein interessantes Feld, zu dem mir hunderte Gedanken durch den Kopf schießen. Nur fehlt es mir für die fundierten Aussagen an Ahnung, weshalb ich lieber die Kresse halte und überhaupt gibt es so viele kritikwürdige Sachen, da weiß man ja gar nicht wo man anfangen soll.

Obwohl Jan Böhmermann (noch?) kein knallhartes Straßenrapalbum produziert hat, saß er kürzlich zum Interview mit Visa Vie zusammen und brachte dabei erstmals all meine Gedanken, die mir zu diesem aktuellen YouTube Zirkus in Deutschland so in den Sinn kommen, bestens auf den Punkt. Also am besten einmal zur medialen Weiterbildung anschauen und danach am besten der Teeniecousine schicken.

Wegen dem blöden Video habe ich jetzt total Lust auf eine kalte Fritz Cola, ich Werbekind.

* Das stimmt so nicht. Ich fühle mich regelmäßig bei Karriereenden von Fußballikonen der 90er und mittlerweile 00er Jahre sehr, sehr alt.

29. Januar 2015 | 11:51 Uhr


Zack Bumm, schon ist die Fashion Week wieder vorbei. Eigentlich ja frech, es als „week“ zu bezeichnen, wo der Spaß nicht mal ganze vier Tage gedauert hat. Man könnte fast meinen, da ginge es nur um Äußerlichkeiten. Da ich mittlerweile schon seit guten 10 Jahren dieses Blogdings mache, kommen regelmäßig zwei Mal im Jahr die Fragen, wohin ich denn dieses Mal eingeladen wurde. Als Blogger wird man ja schließlich überallhin eingeladen und bekommt auch sonst alles geschenkt. Blogger müsste man sein! Bin ich froh, dass mir das einfach so in die Wiege gelegt wurde und ich dafür absolut nichts tun muss. 


Wie sonst auch, ist das in Sachen Fashion Week aber auch nicht so einfach. Meine fancy Einladung kann ich im Frühjahr und Sommer an einer Hand abzählen. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen weil sich mein Sinn für Fäshion aus den beiden Faktoren „aus Versehen“ und „in Eile“ zusammen setzt. Zum Anderen weil ich keinen allzu ausgeprägten Fashion-Selbstdarstellungsdrang habe. Natürlich ist der ein Stück weit vorhanden, sonst würde ich hier ja gar nicht erst schreiben, allerdings reicht es bei mir nicht dafür aus, dass ich mich für eine Papptüte mit Unterhemd und Lip Gloss zwei Stunden in eine leerstehende, heruntergekommene Bahnhofshalle (urban!) stelle um Fotos davon zu machen.

Dementsprechend selten sind irgendwelche Einladungen. Umso schöner aber, wenn es Marken und Agenturen gibt, die mir trotzdem schreiben, weil sie das was ich mache schätzen und einzuordnen wissen. 



Hinzu kommt, dass ich derzeit im Umzugsmodus/chaos stecke und noch weniger in Fashion-Week-Laune als sonst war. Im Endeffekt hat es das aber nur noch interessanter gemacht. Folgende Situation: Seit 8 Uhr morgens stürze ich durch meine alte Wohnung für eine ereignisreiche Mischung aus letzte Kartons packen, Tapetenreste abkratzen, Bad putzen, Boden wischen, Wände streichen usw. Am frühen Nachmittag habe ich mir meinen einzigen Fashion-Week-Termin gelegt. Denn was ist das einzig fashionweekmäßige was zu stundenlanger Heimwerkerarbeit, inklusive rauer Hände und Farbe an den Armen passt? Arbeiterfashion! Jeans!

Auf zu Levi’s, die im eigenen Store eine neue Version des klassischen 501er Modells vorstellen. Wobei, noch nicht ganz. Erstmal aus meiner Latzhose raus (wie praktisch und bequem die sind, ich will nur noch Latzhose tragen!) und was langärmeliges drüber ziehen, damit man die Farbe an meinen Armen nicht sieht. Oder wäre genau das super trendy gewesen? Darf man bei der Fashion Week überhaupt das Wort „trendy“ benutzen? Und was war das überhaupt für ein Satz, der macht doch gar keinen Sinn, schließlich habe ich meine Latzhose ja nicht an den Armen getragen. Egal. Ab zu Levi’s.


Ich habe in meinem Leben keinerlei Erfahrungen mit psychedelischen Drogen gemacht, glaube aber, dass meine eingeatmete Mischung aus Citrus Bad-Reiniger, Backofenspray, Farbdämpfen und General Bergfrühling der Sache sehr nahe kam. Zumindest wirkte der Fashion Zirkus dadurch noch unterhaltsamer.

Die Fashion Week ist ja im Prinzip ein Raumschiff was zwei Mal im Jahr in Berlin kurz landet. Entweder man lässt sich darauf ein oder man betrachtet es aus der Ferne (und beschwert sich in 80% der Fälle darüber). Überhaupt habe ich in den letzten Jahren die Beobachtung gemacht, dass es mittlerweile viel nerviger ist, wie sich Leute (die damit absolut Nichts zu tun haben) über die Fashion Week beschweren als die Fashion Week selbst.

Aber zurück zu Levi’s und meinen psychedelischen Erfahrungen. Ich glaube Seeding Lounge nennt man es, wenn man Pressevertreter und Blogger einlädt und ihnen etwas in die Hand drückt, in der Hoffnung, dass sie es tragen und fleißig darüber berichten. Jetzt noch einmal bitte vorstellen: Ich habe vor 20 Minuten noch in einer Latzhose Tapeten abgekratzt und stehe nun in einem Tornado aus hauptsächlich jungen Fashion Bloggerinnen, die gerade ihre neue Lieblingsjeans ausprobieren.

Lustig, wenn man bedenkt, wie man vor Jahren (und oft genug auch heute noch) als absoluter Alien behandelt wurde/wird, wenn man das Wort Blogger sagt und im Gegensatz dazu nun junge Fashionbloggerinnen sieht, für die es das normalste der Welt ist, dass sie super wichtige Faktoren für diverse Marken sind und in den meisten Fällen dementsprechend auftreten. Abgesehen vom Tech-Bereich „funktioniert“ Bloggen wahrscheinlich nirgends so gut, wie in Sachen Fashion. In beiden Bereichen gibt es zudem auch (neben einigen Positivbeispielen) eine sehr hohe Klischeetrefferquote.

Die Vanish Oxi Action Power Spray Mega XXL Reste in meinem Kopf schärften jedenfalls meinen Blick und die damit verbundene Unterhaltsamkeit diverser kleiner Blogprinzessinnen, deren Menge an Make-Up antiproportional zu den Regungen in ihren Gesichtern stand.

Sorry Levi’s, aber den Trubel rundherum fand ich fast interessant als die Jeans. Immerhin habe ich aber zum Beispiel gelernt, dass man in der Einzahl tatsächlich „Jean“ sagt. In welchem Fashion Blog kann man schon solche Fakten erfahren? Ich kenne keinen!

Als die ersten Levi’s 501 auf den Markt kamen, gab es außerdem noch gar keine Fashion Blogs. Die kamen erst etwas mehr als 200 Jahre später dazu. 2015 gibt es nun erstmals ein neues, modernes Model der Jean (!), die Levi’s 501 CT. Das CT steht dabei nicht für Connecticut, sondern für „customized & tapered“. Was wiederum bedeutet, dass die Hose je nach Ausführung im Look angepasst wurde und an den Beinen enger geschnitten ist.

Wahrscheinlich gibt es modisch nichts, was sich so schön personalisieren lässt wie eine Jeans. Bei Levi’s hat man deshalb einfach mal darauf geachtet, was die Kundinnen und Kunden am häufigsten an ihren Jeans ändern lassen und für die 501 CT übernommen. Das Ergebnis ist der bereits erwähnte, engere Schnitt an den Beinen und verschiedene Ausführungen wie down-sized, true-to-size oder up-sized. Wenn ich das jetzt aber auch noch erkläre, werde ich doch total unglaubwürdig. Im Wesentlichen ist es aber wie die aufgebrachte Zeit beim Jeans-Kauf und die damit verbundenen Folgen. Entweder nimmt man sich Zeit und sie passt perfekt (true-to-size) oder man macht schnell schnell, kauft sie deshalb etwas zu klein (down-sized) oder zu groß (up-sized) und redet sich das danach dann schön. Ha!

Ich mache mir jetzt jedenfalls Löcher in die neue Jeans und erfreue mich an dem Gedanken, dass etwas, was mal für den Goldrausch vor 200 Jahren in den Tiefen der USA entwickelt wurde, auch heute noch von modischer Bedeutung ist. Wie lustig wäre es doch, würde man das mal umkehren: Ja, diese Jeans wurde vor 200 Jahren für Modebloggerinnen entworfen und wurde nun gibt es erstmals ein neues Modell, welches Goldsuchern und Hafenarbeitern gerecht wird.